Wer sich ein kindliches Gemüt bewahrt hat, empfindet Film auch als erwachsener Mensch wie Magie. Es grenzt ja in der Tat an Zauberei, dass sich heutzutage Fantasien jedweder Art in laufende Bilder verwandeln lassen. Die hiesige Realität heißt jedoch nicht Hollywood, sondern Fernsehen; Regienachwuchs, der keine Lust auf Krimi hat, ist recht bald arbeitslos.
Natürlich unterscheiden sich die Budgets gewaltig von den Etats großer Kinoproduktionen, aber letztlich ist die Basis des vermeintlichen Wunders hier wie dort gutes Handwerk. Gleich in der ersten Szene dieses "Tatorts" aus Ludwigshafen zeigt Franziska Margarete Hoenisch, wie sich eine Geschichte in eine ganz bestimmte Richtung lenken lässt, wenn die Kamera nicht bloß als Ablichtungsinstrument betrachtet wird: Eine kaum merkliche Änderung der Schärfentiefe sowie ein kurzer Blick genügen, um das Publikum auf eine falsche Fährte zu locken. Auf diese Weise schafft die Regisseurin die Basis für einen inhaltlichen Knüller, der später ein völlig neues Licht auf weite Teile der Handlung wirft.
"Sashimi Spezial" ist Fall Nummer 83 für Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Autor des vorzüglichen Drehbuchs ist Stefan Dähnert, von dem auch einer der ganzen frühen und bis heute bekanntesten Krimis mit der damals noch sehr jungen Kommissarin stammt ("Tod im Häcksler", 1991). Zunächst wirkt seine Geschichte wie ein weiterer Krimi, der ähnlich wie zum Beispiel "Erika Mustermann" (2025), ein "Tatort" aus Berlin, ein Verbrechen nutzt, um nebenbei die Missstände im Kuriermilieu anzuprangern. Der Eindruck ist nicht ganz falsch, aber hier geht es um eine besondere Form des Klassenkampfs. Im großstädtischen Straßenverkehr heißt es Tag für Tag "die oder wir": hier das Fahrrad, dort das Auto, selbstredend repräsentiert durch monströse SUVs, deren männliche Fahrer die Zweiradkonkurrenz als persönliche Provokation betrachten.
Eine einfache Drehbuchidee sorgt dafür, dass sich die Perspektive der unterlegenen Partei hautnah miterleben lässt: Johanna Stern (Lisa Bitter) wird aufgrund eines Missverständnisses Fahrradkurierin. Der Kommissarin bietet sich auf diese Weise die Möglichkeit, eine Schuld zu tilgen, die sie erheblich belastet. Der Film beginnt mit einer außerordentlich bedrohlichen Situation: Kurierfahrer Marc wird abends von einem dunklen Transporter verfolgt. Er rettet sich ins Polizeipräsidium, wo der neue leitende Kriminaldirektor gerade seinen Einstand gibt. Marc will ein Drogendelikt melden, Stern verweist ihn an die zuständige Abteilung, aber der junge Mann lässt sich erst abwimmeln, als er eine Person aus der fröhlichen Runde erkennt. Plötzlich will er schnell wieder verschwinden, wenige Augenblicke später ist er tot: Der Transporter hat ihn vor dem Gebäude gerammt.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Mit der Einführung nimmt Dähnert eine Vorlage auf, die ihm die Autorenkollegen Martin Eigler und Harald Göckeritz mit ihren Ludwigshafener Krimis "Dein gutes Recht" (2024) und "Der Stelzenmann" (2025) geliefert haben. In beiden Filmen war Kurt Breising Odenthals interner Gegenspieler, nun ist er nach schwerer Krankheit in den Dienst zurückgekehrt und ihr neuer Vorgesetzter. Bernd Hölscher, allein aufgrund seiner Körpergröße eine respektable Erscheinung, wird gern als negative Figur besetzt, kann aber natürlich auch anders: Breising hat sich geläutert und schlägt der Kommissarin einen Neustart mit "voller Transparenz" vor. Er betrachtet Marcs Tod als Unfall, eine Konfrontation "Auto gegen Fahrrad" will er auf jeden Fall vermeiden: "Dann brennt die Stadt!" Stern geht jedoch von Vorsatz aus. Sie ist überzeugt, dass ein Mitglied des von einer früheren Öko-Aktivistin (Antje Traue) gegründeten Kurierdienstes "Velo Punks" das Tatfahrzeug gefahren hat und entscheidet sich spontan zu einer verdeckten Ermittlung. Odenthal ahnt, dass der Chef die Aktion nicht genehmigen würde, und informiert ihn daher gar nicht erst. Die "Velo Punks" sind vor einem Jahr von einem unbekannten Gönner vor der Pleite gerettet worden; Marc hat rausgefunden, welchen Preis das Kollektiv dafür zahlen muss.
Die Kurierfahrten verschaffen dem Film dank entsprechender Bildgestaltung (Kamera: Eva Maschke) im Einklang mit der passenden elektronischen Musik eine enorme Dynamik. Bei den Revierszenen sorgen Dunst in der Luft und ein betont unbuntes Kostümbild für eine graue Atmosphäre: Der Drahtzieher des Handels mit verbotenen Substanzen hat einen Maulwurf im Präsidium. Zwischendurch singen die "Velo Punks" im Gedenken an Marc eine Variation des "Tote Hosen"-Klassikers "Bis zum bitteren Ende"; ein Vorgeschmack auf den finsteren Schluss dieses ausgezeichneten Krimis.


