TV-Tipp: "Tatort: Licht"

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30. November, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Licht"
Dem Titel entsprechend, spielt die Bildsprache des Films mit wirkungsvollen hell-dunkel Kontrasten. Inhaltlich bekommen es die Frankfurter Cold-Case-Ermittler mit einer Sekte zu tun, die an die sogenannte "Lichtnahrung" glaubt.

"Ausermittelt": Für Angehörige von Verbrechensopfern muss sich diese Einschätzung so ähnlich anfühlen wie "lebenslänglich"; erst recht, wenn die Fälle mutmaßlich nun für immer ungeklärt bleiben. Damit sich dieser Schmerz unmittelbar überträgt, beginnt "Licht", der zweite Film mit Melika Foroutan und Edin Hasanovic als Frankfurter "Cold Case"-Duo Maryam Azadi und Hamza Kulina, mit einem rund zweieinhalbminütigen Monolog und einer ebenso langen ungeschnittenen Einstellung. Behutsam nähert sich die Kamera einer Frau, die mit ihrem Smartphone ein Video aufnimmt. Ihr Name ist Anna Reiter, heute auf den Tag genau vor sechs Jahren ist ihre dreijährige Tochter verschwunden.

Viktoria war zum Besuchswochenende beim Vater, die Eltern lebten getrennt, und seither fehlt von beiden jede Spur. Die Polizei entdeckte Hinweise, die einen erweiterten Suizid nahelegten; nach einem Jahr wurden die Ermittlungen eingestellt. Anna Reiter ist jedoch überzeugt, dass ihr Ex-Mann der innig geliebten Tochter nie etwas angetan hätte. Hinweise, die Aufschluss über das Schicksal des Mädchens geben, würde sie mit 5.000 Euro belohnen.

Mittlerweile ist die Kamera so nah an das Smartphone herangefahren, dass das Gesicht der Frau in Großaufnahme zu sehen ist. Das Video endet mit den Worten "Viktoria lebt. Ich weiß es."

Der ungewöhnliche Prolog erzielt den erwünschten empathischen Effekt. Der ist wichtig, weil sich die Frau (Maren Eggert) fortan alles andere als korrekt verhalten wird: Erst gerät sie unter Mordverdacht, weil ein Obdachloser tot aufgefunden wird, nachdem er sich mit ihr getroffen hat; und später hat sie es allein einer riskanten Eigenmächtigkeit Azadis zu verdanken, dass sie nicht Opfer eines "finalen Rettungsschusses" wird.

Geschickt hat Senad Halilbašić, der auch am Drehbuch zum ersten Fall für das Duo beteiligt war, gleich zu Beginn dafür gesorgt, dass der in den Keller des Präsidiums versetzte Kulina in diesem Moment ein Déjà-vu erlebt: Gegen ihn läuft ein internes Ermittlungsverfahren, weil er eine ganz ähnliche Situation unterschätzt hat und ein Kollege deshalb lebensgefährlich verletzt worden ist. Noch cleverer ist jedoch die Entwicklung, die die scheinbar aussichtslose Handlung nun einschlägt, bis sie schließlich ein Ende nimmt, das sich längst nicht so "happy" anfühlt, wie die nackten Fakten nahelegen.

Bis es soweit ist, müssen Azadi und Kulina ohnehin erst mal eine Welt erkunden, die ihnen denkbar befremdlich erscheint. Die Spur von Vater und Tochter führt zu einer Sekte, die alles Weltliche hinter sich gelassen hat, und das in jeder nur denkbaren Hinsicht: Der mittlerweile verstorbene Gründer war überzeugt, es genüge, sich von Sonnenlicht zu "ernähren", um unheilbare Krankheiten zu besiegen. So erklärt sich auch der Titel, obwohl das Gegenteil von Licht natürlich viel treffender wäre, zumal ein Junge später berichtet, manche Kinder seien "vom Dunkel" verschluckt worden; aber "Dunkelheit" hieß ja schon der erste Film mit dem neuen Frankfurter Duo.

Trotzdem findet sich beides wieder: Die Außenaufnahmen sind größtenteils in ein fast gleißend helles Licht getaucht (Kamera: Philipp Sichler), innen ist es dagegen regelmäßig düster; auch und gerade im Kellerbüro des Polizeipräsidiums. Reizvoll ist zudem gerade im Zusammenhang mit der Sekte die Verwendung vieler spiegelnder Oberflächen.

Nicht neu, aber immer wieder wirkungsvoll ist zu Beginn der Ermittlungen die Idee, Azadi und Kulani auch optisch in die Vergangenheit eintauchen zu lassen, als die beiden am Ort des vermeintlichen Suizids verschiedene Varianten des Verschwindens von Vater und Tochter durchspielen. Zu Beginn, als der Kommissar vor dem internen Ausschuss aussagt, ist die Rückblende dagegen rein akustischer Natur.

Regie führte Rick Ostermann, der zuletzt "Hundertdreizehn" (2025) inszeniert hat. In der faszinierend konzipierten und mit großem Aufwand umgesetzten ARD-Serie ging es anhand eines Busunfalls um die Frage, wie viele Personen direkt oder indirekt betroffen sind, wenn ein Mensch tödlich verunglückt. In "Licht" reduziert Halilbašić diese Anzahl auf eine einzige Person, in der sich nun der ganze Schmerz bündelt, gepaart mit einem Rest an Hoffnung.