Das ZDF kündigt "In fremden Händen" als Psychothriller an, doch in Wirklichkeit ist das, was der wohlhabende Witwer Wolfgang erlebt, der pure Horror. Das kann der Mann natürlich nicht ansatzweise ahnen, als er beim Urlaub in den Bergen Karola kennenlernt. Der ehemalige Unternehmer ist Mitte siebzig und auch wegen seiner Parkinson-Erkrankung nicht mehr ganz fit.
Trotzdem begleitet er die zwölf Jahre jüngere Bekanntschaft bei einer strapaziösen Wanderung. Auf dem Rückweg schlägt sie eine steile Abkürzung vor. Der Rentner will sich keine Blöße geben und fällt prompt einen Abhang hinunter, hat aber Glück im Unglück, denn Karola ist Ärztin, und er betrachtet die Blessur offensichtlich als verkraftbaren Preis für die unverhoffte späte Liebe.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Seine beiden beruflich eingespannten Töchter sind ebenfalls froh, dass die neue Partnerin ihres Vaters bereit ist, nach dessen Knieoperation vorübergehend in seine Villa am Starnberger See zu ziehen; erst recht, als sich Wolfgang bei einem Treppensturz auch noch die Hüfte bricht.
Christian Bach (Buch und Regie) hat seit seinem Kinodebüt "Hirngespinster" (2014) über eine Familie, die an der psychischen Erkrankung des Vaters zu zerbrechen droht, nur eine Handvoll Filme gedreht, aber die waren ausnahmslos sehenswert, allen voran zwei Episoden für den "Polizeiruf" des RBB ("Heimatliebe", 2019, und "Monstermutter", 2021). Sein ZDF-Debüt ist als klassischer Dreiakter konzipiert: Der Film beginnt als Romanze, wird zum Drama und endet als Tragödie. Entsprechend wandelt sich auch das Spiel von Désirée Nosbusch. Es dauert eine ganze Weile, bis die fürsorgliche Karola ihre Maske fallen lässt; die Kälte, die die anfangs so einfühlsame Frau nun ausstrahlt, ist eisig.
Zunächst jedoch deutet nichts darauf hin, welches Schicksal Wolfgang erwartet. Ähnlich wie bei der Wanderung hat sein Vertrauen fatale Konsequenzen, als er Karolas Rat folgt und die von ihr empfohlenen Medikamente nimmt. Wie Robert Hunger-Bühler den Verfall des Mannes vom Gentleman zum physischen und schließlich auch seelischen Wrack mit leerem Blick verkörpert, ist zutiefst berührend.
Für das Publikum ist die Entwicklung der Handlung weniger überraschend als für die Töchter, selbst wenn Jana (Picco von Groote) von Anfang an ein mulmiges Gefühl hat. Verena (Bettina Burchard) hingegen freut sich über das Glück des Vaters und hält ihre Schwester auch dann noch für paranoid, als Karola die Familienfotos entfernt, obwohl sie vorher versichert hatte, das Andenken an die Mutter nicht verdrängen zu wollen. Wolfgang reagiert prompt erzürnt auf das Misstrauen der Tochter und ignoriert fortan allem Anschein nach ihre Kontaktversuche.
Allerdings hat Bach bereits mit dem Prolog geschickt ein düsteres Vorzeichen gesetzt: Als Karola mit dem Taxi bei ihrem Münchener Apartmenthaus vorfährt, wird sie von einem Mann (Shenja Lacher) erwartet, der sie bis zu ihrer Wohnungstür verfolgt; erst ein herzhafter Biss in seinen Unterarm bringt ihn dazu, von ihr abzulassen. Der Fremde taucht noch einige weitere Male auf, aber Bach wird erst sehr viel später erklären, warum er Karola derart hasserfüllt nachstellt. Ein Gespräch mit ihm öffnet Jana und Verena endgültig die Augen, aber da hat das Unheil längst seinen Lauf genommen.
Gänzlich frei von Schuld lässt Bach zwar auch die beiden Schwestern nicht davonkommen, aber andererseits ist Karola derart raffiniert, dass ihnen kaum ein Vorwurf zu machen ist. Als Jana zu Beginn im Internet nach Informationen über die neue Partnerin ihres Vaters sucht und auf erste Ungereimtheiten stößt, hat die vermeintliche Internistin auf alle Fragen eine plausible Antwort. Wie perfide ihr manipulatives Vorgehen ist, zeigt sich später, als die den Töchtern den Zutritt zum Elternhaus verweigert und sich an Wolfgangs Vermögen bereichert.
In ihrer Not wenden sich die beiden an die Polizei, aber die ist machtlos: Juristisch hat sich Karola nichts zuschulden kommen lassen. Darin liegt auch die Lehre des Dramas: Bachs ursprünglicher Auftrag war es, einen Film zum Thema "Missbrauch von Vorsorgevollmachten" zu entwickeln. Mit dem tragischen Ende ist die Geschichte jedoch noch nicht vorbei: Der Autor und Regisseur lässt dem dritten Akt gleich vier Epiloge folgen und setzt zum Schluss eine äußerst grimmige Pointe.


