Frau Perchta ist eine jener germanischen Sagengestalten, mit denen Eltern einst bei ihren nichtsnutzigen Kindern Angst und Schrecken verbreitet haben. Auf Bildern erscheint sie gern janusköpfig: vorne Schönheit, hinten Hexe. Antonia Wimmer hat zwar nur ein Gesicht, aber womöglich verbirgt sich hinter ihrem ansprechenden Erscheinungsbild ja ein Abgrund an Bösartigkeit, zumal sich in ihren Schilderungen eine nicht unerhebliche Ungereimtheit auftut, weshalb die attraktive Witwe des toten Museumsdirektors selbstredend zum Kreis der Verdächtigen zählt; aber die Wahrheit ist viel komplizierter.
Formal betrachtet folgt "Schatzraub", der fünfte Fall für den Bamberger Kommissar Konrad Behringer und seine pfiffige junge Kollegin Ela Jenning, den üblichen Krimi-Konventionen: Die Handlung beginnt mit einem Mord, es folgen Vernehmungen diverser Verdächtiger, und schließlich wird eine Auflösung aus dem Hut gezogen, die mal mehr, mal weniger überraschend ist.
Allerdings erfreut Produzentin und Reihenschöpferin Berit Walch, diesmal unterstützt von Michael Grießler, mit einer Geschichte, die den Genre-Fans Respekt abnötigen wird. Das Ende ist höchst verblüffend und dennoch derart plausibel, dass sich manch’ ein erfahrenes Mitglied der Krimi-Gemeinde denken wird: Da hätte ich eigentlich selbst drauf kommen können. Davon abgesehen lebt der Film neben der Handlung von den Figuren und den ausnahmslos sehenswerten Mitwirkenden.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Antoine Monot und Cosima Henman erweisen sich erneut als ein Team, das prima miteinander harmoniert und sich inhaltlich wie auch darstellerisch perfekt ergänzt, zumal die Rollen nicht so eindeutig verteilt sind, wie es zunächst wirkt; auch wenn natürlich klar ist, dass die Verfolgungen Verdächtiger ein Fall für die drahtige Ela sind, während ihr Chef eher für die Kopfarbeit zuständig ist. Zum Ausgleich hat sie ganz eindeutig die witzigeren Dialogzeilen.
Trotzdem sind es vor allem der Schauplatz und die Geschichte, die dafür sorgen, dass "Schatzraub" durchgehend fesselt. Der Film beginnt mit einer Haftentlassung: Achtzehn Jahre nach seiner Verurteilung ist Erik Thorscheid ein freier Mann. Er ist damals, wie eine Zeitungsnotiz mitteilt, wegen eines "tödlichen Museumsraubs" verurteilt worden. Die Formulierung ist allerdings nicht ganz korrekt, tödlich war erst Thorscheids Flucht. Er hat eine Goldmünze gestohlen und die Tat gestanden.
Diese Rolle ist mit Hendrik Heutmann besetzt worden, einem jener Schauspieler, die dank ihrer markanten Züge in vielen Krimis als Verdächtige mitwirken. Das ist hier nicht anders. Thorscheid ist noch keine 24 Stunden in Freiheit, da wird Philipp Wimmer mit einem Hirschfänger erstochen, der Direktor just jenes Museums, das Thorscheid damals beraubt hat; und erneut ist die Goldmünze verschwunden. Das Publikum ist dabei, als eine Gestalt in einer furchterregenden Perchta-Maske Wimmer erdolcht, und hört daher die rätselhaften letzten Worte des Opfers: "Ist es also so weit?"
Seine besondere Qualität verdankt das Drehbuch neben diversen Exkursen in verschiedene Mythologien vor allem der Tatsache, dass die wichtigen Nebenfiguren allesamt mehr als bloß eine Funktion haben. Museumswärter Casper (Benedict Calcher) zum Beispiel ist außerdem der Freund von Wimmers Tochter (Anna-Lena Schwing); in seinem Garten finden sich jene Pflanzen, mit deren Extrakt später ein weiterer Mann vergiftet wird.
Und während das Privatleben der Team-Mitglieder anderswo mal für Spannungen, mal für Entspannung sorgt, leistet Behringers liebeskranker Neffe Ole (Maximilian Kaiser) einen ganz entscheidenden Ermittlungsbeitrag, als er beim Museumsbesuch die verschwundene Münze entdeckt. Der Film wandelt sich kurz zum nicht minder fesselnden Kinderkrimi, aber der Fall wird durch Oles Eingreifen noch komplizierter. Der gutgelaunte zweite Wärter, Julian Albers (Diyar Ilhan), erklärt ihm, was es mit der Perchta auf sich hat: Sie belohnt Fleiß und Hilfsbereitschaft, aber wer faul, verlogen und gierig ist, dem bringt sie Dunkelheit und Verderben.
Diyar Ilhan. Ben Münchows famoser Co-Star in der Neo-Serie "Like a Loser", setzt auch hier prägende Akzente. Für Wehmut sorgen hingegen die Szenen mit Wanda Perdelwitz als geschätzte Ex-Kollegin Behringers: Sie verstarb kurz vor Ende der Dreharbeiten. Regie führte Sarah Winkenstette, deren Arbeiten, darunter die Tragikomödie "Rückkehr nach Rimini" (2022, ARD) oder die fürs Kino entstandenen Kinderfilme "Zu weit weg" (2020) und "Grüße vom Mars" (2025), bislang ohnehin allesamt sehenswert waren.


