TV-Tipp: "Tatort: Die Rache an der Welt"

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9. Oktober, ARD, 20.20 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Die Rache an der Welt"
"Hausnummer Syrien", sagt der Zeuge über den Mann, der sich auf einem Rad aus dem Staub gemacht hat. Vielleicht aber auch Nordafrikaner, "dunkle Ausstrahlung" jedenfalls. Damit begibt sich der Krimi aus Göttingen auf dünnes Eis.

Das Opfer, die Studentin Mira, war in der Flüchtlingshilfe aktiv. Nach ihrer Vergewaltigung und Ermordung stehen somit sämtliche Flüchtlinge aus der Umgebung unter Generalverdacht, allen voran jene, die in unmittelbarer Nähe zum Tatort mit einem Rekordversuch beschäftigt sind: Im Rahmen eines Integrationsprojekts wollen zwei Mannschaften ins Guinness-Buch der Rekorde, indem sie eine Woche ununterbrochen Fußball spielen. Zu den Bedingungen gehört, dass keiner der Beteiligten das Vereinsgelände verlassen darf, Beobachter haben den Ausgang jederzeit im Blick; wer gerade nicht kickt, zieht sich zum Schlafen in ein Zelt zurück. Somit haben alle ein Alibi; theoretisch jedenfalls. 

Als Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) einen der Männer in der Stadt erspäht, stellt sich allerdings heraus, dass es ein Schlupfloch gibt. Damit es für die Kommissarin und ihre Kollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) noch ein bisschen schwieriger wird, konfrontieren Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) das Duo mit einem weiteren Fall: Seit geraumer Zeit macht der sogenannte Wikinger die Stadt unsicher. Der Mann bedroht Frauen mit einem Wikingerdolch und nötigt sie dazu, sich zu entblößen. Missbraucht hat er seine Opfer bislang allerdings nicht, von Mord ganz zu schweigen. Der Vorgesetzte (Luc Veit) der beiden Ermittlerinnen setzt trotzdem auf diese Spur, Schmitz ebenfalls; nur Lindholm sieht das anders. 

Dank dieser Konstellation befasst sich "Die Rache an der Welt", der fünfte gemeinsame Fall der beiden Göttinger Kommissarinnen, mit gleich mehreren heiklen Themen. Lindholm überredet den Ehemann ihrer Kollegin, Rechtsmediziner Nick Schmitz (Daniel Donskoy), zu einer fragwürdigen Aktion: Aus DNS-Spuren lassen sich auch Rückschlüsse auf die biogeografische Herkunft eines Menschen ziehen. Hierzulande ist das verboten, zumal die Ergebnisse nicht zuverlässig sind, in Holland ist das erlaubt; also soll Nick die Proben vom Tatort nach Amsterdam zu schicken. Das Ergebnis bestätigt die Einschätzung des Zeugen, der den mutmaßlichen Mörder bei dessen Flucht gesehen hat. Damit wäre der alsbald gefasste "Wikinger" raus, denn er ist eindeutig Nordeuropäer. Der Täter hat zudem bereits in Italien gemordet und womöglich auch in den Niederlanden, zumindest ist seine DNS dort bei einem Massen-Gentest erfasst worden. Ausgerechnet die vermeintlich eindeutige DNS-Spur führt die Ermittlerinnen allerdings auf eine völlig falsche Fährte. 

"Die Rache an der Welt" ist der dreißigste Fall für Charlotte Lindholm. Maria Furtwängler feiert mit dem Film ein Jubiläum: Ihre Karriere als "Tatort"-Kommissarin hat vor zwanzig Jahren begonnen. Seither haben sich beide verändert, die Figur wie ihre Darstellerin, die im Lauf der Zeit immer größeren Einfluss genommen hat und mittlerweile auch als Koproduzentin fungiert. Mit der gemeinsam mit Tochter Elisabeth gegründeten MaLisa-Stiftung setzt sich die Schauspielerin seit einigen Jahren zudem sehr für Diversität vor und hinter der Kamera ein. Das Engagement hat zum Glück nicht zur Folge, dass Lindholm zur politisch korrekten Vorzeigefigur wird; im Verlauf der Handlung offenbart die Ermittlerin durchaus einige Vorurteile, vor allem bei der Auseinandersetzung mit männlichen Migranten. Ihre Kollegin wirft ihr sogar vor, sich rassistisch zu verhalten. Andererseits war es dem vielfach ausgezeichneten Duo Nocke/Krohmer natürlich wichtig, keine verbreiteten Klischees zu bestätigen oder Vorurteile zu schüren. Das Drehbuch ist durch einen authentischen Fall inspiriert, der sich 2017 in Freiburg ereignet und bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Der Rekordversuch ist ebenfalls authentisch, die Mitwirkenden spielen sich selbst. 

Durch die Fokussierung auf die Migranten scheiden zwei weitere Verdächtige allerdings allzu früh aus, was dem Film etwas von seiner potenziellen Krimispannung nimmt: Der Freund (Leonard Carow) des Opfers hatte offenbar nichts dagegen, dass sich Mira um einen ihrer Schutzbefohlenen besonders aktiv gekümmert hat; ihre Mitbewohnerin (Mala Emde) hat ebenfalls ein Auge auf geworfen. Der junge Mann hütet in der Tat ein Geheimnis; aber ein völlig anderes, als alle vermuten. Auch sonst ist Munir (Eilin Jalali) eine interessante Figur, und das nicht nur, weil er keine Lust mehr auf "Flüchtlingsfolklore" hat. 

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