Bundeskabinett beruft Missbrauchsbeauftragte

Kerstin Claus

© epd-bild/Christian Ditsch

Das Bundeskabinett hat die Journalistin Kerstin Claus zur neuen Missbrauchsbeauftragten berufen. Sie ist bereits Mitglied im Betroffenenrat und arbeitet beruflich in der Politik- und Strategieberatung zum Thema sexualisierte Gewalt.

Kerstin Claus
Bundeskabinett beruft Missbrauchsbeauftragte
Die Nachfolgerin des bisherigen Missbrauchsbeauftragten Rörig will die Beteiligung von Betroffenen im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen verbreitern. Sie sagt: Wer wirklich verstanden hat, was das bedeutet, der handelt auch.

Die Bundesregierung hat die Journalistin und Beraterin Kerstin Claus (52) zur neuen Missbrauchsbeauftragten berufen. Sie werde das Amt am 1. April für fünf Jahre übernehmen, teilte Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) nach der Kabinettssitzung am Mittwoch in Berlin mit. Claus erklärte, eines ihrer zentralen Anliegen sei, die Zusammenarbeit mit Betroffenen nach dem Vorbild im Bund in den Bundesländern weiter auszubauen.

Spiegel sagte, mit Claus habe man eine hervorragend qualifizierte Frau für die wichtige Aufgabe gewinnen können, die neue Impulse setzen werde. Die Ministerin kündigte eine bundesweite Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne in diesem Jahr an. Kein Kind solle sexualisierte Gewalt erleben, sagte sie. Prävention sowie Hilfen und Aufarbeitung müssten weiter gestärkt werden.

Kerstin Claus ist Mitglied im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten und im Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen und arbeitet beruflich in der Politik- und Strategieberatung zum Thema sexualisierte Gewalt. Sie wurde 1969 in München geboren und hat einen langen Weg der Aufarbeitung einer eigenen Missbrauchserfahrung hinter sich. Der Täter, ein evangelischer Pfarrer, wurde nicht strafrechtlich verfolgt, sondern lediglich versetzt. Claus engagierte sich vehement für eine unabhängige Aufarbeitung der Missbrauchsfälle insbesondere in der evangelischen Kirche und kritisierte insbesondere den Umgang der Kirchenverantwortlichen mit den Betroffenen.

Zu ihrer Berufung sagte sie, sie wolle in ihrem neuen Amt die "Entschlossenheit zum Handeln entfachen". Nur wer verstanden habe, was Missbrauch für Kinder und Jugendliche und ihr Leben bedeute, der handele auch, sagte sie. Sie wolle die Zusammenarbeit des Bundes mit Ländern und Kommunen intensivieren und dazu beitragen, dass die Beteiligung von Betroffenen auch in den Ländern verankert werde: "Dann wird vieles konkreter", sagte Claus. Immer wieder seien es die Betroffenen gewesen, die mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale und die Prävention vorangebracht hätten.

"Dieses Thema hört nicht auf"

Claus sagte, ihre Berufung zur Beauftragten sei für sie "ein sehr besonderer Tag". Dass eine Betroffene beauftragt werde, bedeute einerseits sehr viel, andererseits wäre vieles besser, wenn es keine Rolle mehr spiele, wer Missbrauch und sexuelle Gewalt bekämpft. "Dieses Thema hört nicht auf", sagte Claus. "Sexuelle Gewalt ist in der Gesellschaft fest verankert."

Das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist beim Bundesfamilienministerium angesiedelt. Die Ampel-Koalition will es gesetzlich verankern und die vom bisherigen Missbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig ins Leben gerufene Aufarbeitungskommission fortführen. Rörig beendete seine Arbeit Ende Februar, nachdem er Ende 2020 seinen vorzeitigen Rückzug bekanntgegeben hatte. Er war Nachfolger der ersten Missbrauchsbeauftragten, der früheren Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), und führte das Amt mehr als zehn Jahre.

Claus' Vorgänger hat in seiner Amtszeit Kampagnen auf den Weg gebracht, um in Schulen und der gesamten Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit für Missbrauch zu schaffen. Er setzte sich für Aufklärung in allen gesellschaftlichen Bereichen ein und verhandelte über Standards der Aufarbeitung mit den Kirchen. Mit der katholischen Kirche schloss er eine sogenannte Gemeinsame Erklärung ab. Mit der evangelischen Kirche liefen bis zuletzt noch Verhandlungen darüber.

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