Steinmeier kritisiert Missbrauchsaufarbeitung in Kirchen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim 3. ÖKT

©epd-bild/Thomas Lohnes

Bei der digitalen Festveranstaltung des 3. Ökumenischen Kirchentages am Freitagabend sprach der Bundespräsident von einer „quälend langsamen Aufdeckung und Aufarbeitung abscheulicher Verbrechen an den Schwächsten unter uns, an Kindern und Jugendlichen“.

Steinmeier kritisiert Missbrauchsaufarbeitung in Kirchen
Die Festveranstaltung des 3. Ökumenischen Kirchentages führte Gastgeber und Gäste aus Politik, Kirchen, Gesellschaft und Kultur zusammen. Bundespräsident Steinmeier sprach in seinem Grußwort ein Thema an, das für die Kirchen kein Ruhmesblatt ist.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält die Aufklärung von Fällen sexualisierter Gewalt in den Kirchen für unzureichend. Bei der Festveranstaltung des 3. Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt am Main sprach Steinmeier am Freitagabend von einer "quälend langsamen Aufdeckung und Aufarbeitung abscheulicher Verbrechen an den Schwächsten unter uns, an Kindern und Jugendlichen". Diese Verbrechen seien in den Kirchen lange Zeit vergessen oder verschwiegen worden.

Die Missbrauchsfälle in der katholischen und der evangelischen Kirche sind eines der Themen, über die bei den rund 100 Veranstaltungen des Kirchentages diskutiert wird. Der am Donnerstag eröffnete Kirchentag findet wegen der Corona-Pandemie weitgehend digital statt. Die evangelische Kirchentagspräsidentin Bettina Limperg sagte bei der Festveranstaltung, in den Kirchen gebe es vieles, "was unsere Glaubwürdigkeit auf manchmal skandalöse Weise infragestellt. Darüber müssen, und darüber werden wir reden", sagte sie, als sie zusammen mit dem katholischen Präsidenten Thomas Sternberg die Gäste begrüßte.

"Gegen Spaltungstendenzen angehen"

In weiten Teilen seiner Rede lobte der Bundespräsident das gesellschaftliche Engagement der Kirchen in Deutschland. "Wir brauchen die Kirchen, wir brauchen engagierte Christinnen und Christen, um gegen die zunehmenden Spaltungstendenzen in unserer Gesellschaft anzugehen", sagte der Bundespräsident, der zum Abschlussgottesdienst am Sonntag in Frankfurt erwartet wird.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte zuvor von den Kirchen weiteres Engagement gegen antijudaistische Vorurteile gefordert. Die Kirchen hätten eine große Verantwortung, gegen antijudaistische Stereotype vorzugehen, sagte Schuster bei einer am Mittwoch vorab aufgezeichneten und am Freitag ausgestrahlten Online-Podiumsdiskussion. Als Beispiel für christlichen Judenhass nannte er die Anschuldigung, Juden hätten Jesus ermordet.

Leitwort adressiert Gesellschaftsprobleme

Die leitenden Theologen der beiden Gastgeberkirchen, der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung und der Limburger katholische Bischof Georg Bätzing, verwiesen am Abend auf das Leitwort des Kirchentages "Schaut hin" und die Fragen, die sich daraus ergäben, etwa nach der Armutsbewältigung, der Generationen- und Klimagerechtigkeit.

Das Leitwort passe auch auf die konfessionellen Mahlfeiern am Samstagabend, fügte Bätzing hinzu. Denn die teilnehmenden Christinnen und Christen aus den verschiedensten Traditionen seien aufgerufen, zu kommen und zu sehen, wie die anderen Konfessionen feierten und "uns dabei besser kennenzulernen".

Bouffier "dankbar" für ÖKT

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), Erzpriester Radu Constantin Miron, sagte, das Kürzel ACK stehe auch für "authentisch, charismatisch und kollegial". Ziel der Beteiligung der Arbeitsgemeinschaft auf dem ÖKT sei es, "den Reichtum der anderen zu entdecken".

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagten, sie seien gerne Gastgeber des ÖKT und dankbar, dass er nicht abgesagt worden sei. "Wir brauchen gerade in der bereits seit 14 Monaten währenden Corona-Krise ein Zeichen der Ermutigung und Orientierung", sagte Bouffier.

Nach Ansicht von Feldmann passt das ÖKT-Leitwort wunderbar zu Frankfurt. In der Stadt lebten Menschen aus 180 Nationen friedlich zusammen. Sie kümmerten sich gut umeinander und stellten das Gemeinsame in den Vordergrund.