Wenn die Lunge nicht mehr mag

Pflegediakon Thomas Naumann wünscht sich deutlich mehr gesellschaftlichen wie politischen Respekt für seine Berufsgruppe

© epd-bild/privat

Pflegediakon Thomas Naumann beim Einschleusen und Ausschleusen auf der Covid-19-Intensivstation. "Wir wollen Kontakt zum Patienten aufbauen, mit ihm sprechen, ihn aufmuntern, ihm nahe sein", sagt er.

Wenn die Lunge nicht mehr mag
Arbeitsalltag von Pflegediakonen auf einer Covid-19-Intensivstation
Sie arbeiten da, wo es wehtut. Sie bemühen sich um Menschen, die nicht besucht werden dürfen. Ein Besuch bei drei Pflegediakonen.

5.30 Uhr, Nürnberg-Schweinau, der Wecker klingelt. Thomas Naumann ist frühes Aufstehen gewohnt. Der 43-jährige Diakon, Pflegefachkraft und studierter Pflegemanager, nimmt eine schnelle Dusche, während der Kaffee durchläuft. Ein kurzer Blick in die Zeitung, dann auf die Uhr. Fertig machen. Die U-Bahnstation ist nicht weit weg. Um diese Zeit ist noch nicht viel los. Die Großstadt kommt erst langsam auf Touren.

Pflegediakon Thomas Naumann am frühen Morgen vor dem Klinikum Nürnberg Nord.

Die Pandemie hat die Welt im Griff, und Thomas Naumann arbeitet auf einer Station mit Covid-19-Patienten. Pünktlich auf die Minute checkt er ein im Nordklinikum, zieht seine grüne Dienstkleidung an. In zehn Minuten beginnt die Übergabe von der Nachtschicht. Die Kolleginnen und Kollegen berichten, was vorgefallen ist. "Das ist wichtige Routine", sagt Naumann und notiert sich ein paar Veränderungen.

Weg zum Patienten gleicht Hindernislauf

Um sieben Uhr startet er seinen ersten Rundgang. "Wir messen Fieber, Blutdruck und kontrollieren die Sauerstoffsättigung und beobachten den Allgemeinzustand." Klingt einfach, aber der Weg zu einem Covid-19 Patienten gleicht einem anspruchsvollen Hindernislauf.

Er beginnt mit dem Einschleusen vor Eintritt eines Zimmers. Gründlich die Hände desinfizieren, dann die Schutzhaube überziehen, die verstärkte FFP-3-Maske über Mund und Nase schieben, Schutzbrille darüber oder ein sogenanntes Face-Shield, einen speziellen Schutzkittel und zwei Paar Spezial-Handschuhe. So ausgestattet, darf Naumann sich dem hochinfektiösen Menschen nähern.

Ausschleusen, ausziehen, Kleidung entsorgen

Dann alles umgekehrt: Ausschleusen, alles einzeln ausziehen und komplett entsorgen. Auf zum nächsten Zimmer, das gleiche Prozedere. "Das kostet enorm viel Zeit", sagt der Pflegediakon. Jeder Schritt in ein Zimmer ist mit Aufwand verbunden. "Da muss alles wohlüberlegt sein. Habe ich alles dabei, ist nichts vergessen"? Jeder Fehler kostet zusätzlich Zeit.

Rund fünf Minuten dauert ein Schleusengang. Auf Naumanns Station werden derzeit elf Personen mit Covid-19 behandelt. Waren in der ersten Welle vor einem Jahr überwiegend ältere Menschen ab 80 Jahren betroffen, so sind mittlerweile zunehmend jüngere Patienten zwischen 30 und 50 Jahren unter den stationären Patienten.

8.00 Uhr, Frühstück ausgeben. Schutzkleidung an, Schutzkleidung aus. Tablett hineintragen und eine dreiviertel Stunde später wieder heraustragen. Bei der Frühstückspause für die Pflegefachkräfte ist endlich Zeit durchzuschnaufen.

"Ich habe die blanke Angst gesehen"

Naumann schüttelt den Kopf, wenn er an die absurde Situation denkt. "Wir wollen Kontakt zum Patienten aufbauen, mit ihm sprechen, ihn aufmuntern, ihm nahe sein", sagt er, "aber wir machen das Gegenteil".

Uwe Müllers Selfie zeigt zweierlei: eine geradezu unglaubliche High Tech-Medizin rund um das Patientenbett und eine von oben bis unten dick eingehüllte Pflegefachkraft. Nach drei Stunden war ich komplett durchgeschwitzt, sagt Müller dazu.

Sein Berufskollege und Mitbruder Uwe Müller, der auf der Intensivstation im Klinikum Süd arbeitet, schaut zurück, und ihm kommen ganz ähnliche Gedanken. "Alles musste komplett abgeriegelt werden", erinnert er sich an das Frühjahr 2020. Kein Angehöriger durfte in die Nähe eines schwer Erkrankten kommen, auch wenn sich das Klinikum bei sterbenden Covid-19 Patienten um Ausnahmeregelungen bemüht habe. Der 54-jährige arbeitet "extrem gerne" in der Krankenpflege. Sein Auftrag: Menschen, die so schwer vor allem an der Lunge erkrankt sind, bis zu ihrem möglichen Tod zu begleiten.

Das, was er alles erlebt hat, übersteigt auch nach 25 Jahren in diesem Job seine Vorstellung. Wenn die Lunge nicht mehr mag, stirbt der Mensch, sagt Müller und erzählt von einem Ehemann und Familienvater: "Ich habe die blanke Angst in seinen Augen gesehen." Nicht ansprechbar, oft auch im künstlichen Koma, hinter Maschinen, Monitoren, Kabeln und Schläuchen sieht man kaum noch den Patienten. Uwe Müller muss mit ansehen, dass trotz modernster medizinischer Technik die Menschen sterben.

Pflegediakonie appelieren fürs Impfen

Auch Johannes Grell ist Rummelsberger Bruder in der Lungenfachabteilung des Nordklinikums. Zu ihm kommen Corona-Patienten nach der Intensivstation, "um sie von der maschinellen Unterstützung langsam zu entwöhnen", sagt er. Der Gang zur Toilette sei für solche Menschen genauso anstrengend wie ein flotter Dauerlauf in den dritten Stock des Krankenhauses, berichtet er.

Was den 52-jährigen Grell und seine Mitbrüder eint, ist der riesige Respekt vor der furchteinflößenden Krankheit Covid 19. Grell appelliert an jeden: "Lasst euch impfen". Für Thomas Naumann sind Corona-Leugner ein rotes Tuch, "weil die keine Ahnung haben und alles infragestellen". Natürlich nerven auch ihn die Hygienemaßnahmen, "aber letztlich machen sie Sinn".

Um 13.30 Uhr ist Übergabe an die Spätschicht. Berichte müssen geschrieben, die Dokumentation vervollständigt und ein sogenanntes Wundprotokoll erstellt werden. Danach Infusionen aufziehen und an die Geräte anhängen.

14.30 Uhr Schichtende.

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