Das Fremdeln zwischen Ost und West

letzte DDR Kirchen Synode am 22. Februar 1991 in Berlin-Weißensee

©epd-bild / Norbert Neetz

Kritische Blicke aufeinander: Auch der thüringische Landesbischof Werner Leich nahm an der letzten Tagung der Synode des ostdeutschen evangelischen Kirchenbundes am 22. Februar 1991 in Berlin-Weißensee teil. Im Mittelpunkt der Beratungen steht ein Kirchengesetz, das Grundlage für den Beitritt der acht evangelischen Landeskirchen in der ehemaligen DDR zur EKD ist.

Das Fremdeln zwischen Ost und West
Vor 30 Jahren gab es in Berlin-Brandenburg die erste kirchliche Wiedervereinigung nach der Wende
Zwei Bischöfe, zwei Kirchenparlamente, unterschiedliche Wege: Jahrelang war die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg nach dem Mauerbau in zwei Regionen getrennt. Dann kam unerwartet die Wiedervereinigung. Eine Herausforderung für alle Beteiligten - und eine Annäherung, die Zeit brauchte.
14.08.2020
Yvonne Jennerjahn
epd

Die Kirche hatte Vorsorge getroffen: Jahre vor dem Mauerbau 1961 und Jahrzehnte vor der Wiedervereinigung hatte die berlin-brandenburgische evangelische Kirche 1952 einen Grundsatzbeschluss zur Unaufgebbarkeit ihrer Einheit gefasst - auch im Fall einer möglichen Trennung durch die politischen Umstände. Die Trennung kam. Dann passierte rund 30 Jahre später, womit niemand ernsthaft gerechnet hatte: Die Mauer fiel und die deutsche Einheit kam. Und auch die West- und die Ostregion der Landeskirche mussten wieder zueinander finden.

Getrennte Welten: Vom 16.09. bis 20.09.1988 trat in Dessau die fünfte Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR unter dem Thema "Als Gemeinde leben" zusammen.

Die Wiedervereinigung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (EKiBB) ist nicht ohne Konflikte abgelaufen. Kontroversen gab es über die Anpassung der Ostregion an das westliche System, über die Kirchensteuer mit staatlichem Einzug und deren Vollstreckbarkeit vor Gericht, über den staatlichen Religionsunterricht und über die Militärseelsorge in der Bundeswehr - Konflikte über Staatsferne oder vermeintliche Staatsnähe. Unterschiedliche Mentalitäten trafen aufeinander.

Säkulare und Fromme

"Es kann weder nach der Weise gehen, dass wir einfach übernehmen, was etwa in West-Berlin bisher war, noch etwa, dass die West-Berliner übernehmen, was wir bisher so großartig gemacht haben", mahnte der Bischof der Ostregion, Gottfried Forck, bei der ersten gemeinsamen Synodentagung im März 1990.

Der Ost-Berliner Bischof Gottfried Forck während des Eröffnungsgottesdienstes zur ersten gemeinsamen Synode der wiedervereinigten Kirche Berlin-Brandenburg in der Ost-Berliner Marienkirche am 16. März 1990

"Wir können gleichberechtigt miteinander umgehen", betonte sein West-Berliner Bischofskollege Martin Kruse: "Wir können jetzt mit Gelassenheit und Entschiedenheit an die gemeinsame Arbeit gehen."

Der Vereinigungsprozess zerrte dennoch bei vielen an den Nerven. "Gelebt und gearbeitet haben wir in verschiedenen Welten", hat die frühere theologische Abteilungsleiterin für Kinder- und Jugendarbeit im Ost-Berliner Konsistorium, Rosemarie Cynkiewicz, die Mauerzeit einmal beschrieben. Bei Begegnungen mit West-Berliner Kollegen habe sie dann erstaunt bemerkt, wie säkularisierend die 68er-Bewegung auch in die Kirche hineingewirkt habe.

Die langjährige Berliner Oberkonsistorialrätin Rosemarie Cynkiewicz auf der 7. Synode der EKD am 04.11.1990 in Lübeck-Travemünde. Von 1991 bis 1997 gehörte die Theologin der Synode und dem Rat der EKD an.

Beschäftigte aus dem Kinderdiakonenseminar der Ostregion seien im West-Berliner Oberlin-Seminar für Erzieher Anfang der 90er Jahre mit einem kritischen Plakat empfangen worden, erinnert sich Cynkiewicz. Sinngemäß habe darauf gestanden: "Vorsicht! Jetzt kommen die Frommen aus dem Osten und wollen uns bekehren."

Missverständnisse auf beiden Seiten

Auch in Kirchengemeinden gab es ein großes Fremdeln zwischen Ost und West. Gelegentlich seien verdeckte Aggressionen und eine "Wut auf Wessis" zum Vorschein gekommen, steht im Bericht einer kirchlichen Kommission über Gemeindebesuche vom September 1990. Die West-Berliner seien "immer etwas fauler" gewesen als Partner in Westfalen, habe es in einer Ost-Berliner Gemeinde geheißen. Die West-Berliner hätten gekontert, dass man eine Form der Partnerschaft, die sich "im Wesentlichen auf Gruppenreisen mit touristischem Charakter und damit verbundenen Geschenkaktionen beschränkte", abgelehnt habe.

Das Verständnis dafür, dass er und seine Frau ihr kleines Kind gelegentlich zu Pfarrkonventen mitbrachten, sei dort bei einigen "nicht so ausgeprägt" gewesen, hat der aus dem Westen stammende heutige Superintendent des Kirchenkreises Oderland-Spree, Frank Schürer-Behrmann, über seine Vikarszeit Anfang der 90er Jahre in Potsdam geschrieben. Auch dass sie ihr Kind in eine staatliche Krippe geben wollten, sei auf Unverständnis gestoßen.

Zwischen Nähe und Distanz

"Wir nannten uns Bruder und Schwester, was die West-Berliner lange irritierte", schreibt der Ost-Berliner Theologe und langjährige Berliner Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer in einem Beitrag über die Zeit. Für die West-Berliner sei es wichtig gewesen, "ein wenig Distanz zur Kirche zu halten".

Eine Zäsur kam im Sommer 1990: Der Chefjurist der Ostregion der Landeskirche, Konsistorialpräsident Manfred Stolpe, ging in die Politik. Am 16. August 1990 wurde er wegen seiner Kandidatur für ein politisches Amt von der Kirche beurlaubt, am 14. Oktober gewann er mit der SPD die erste Landtagswahl nach der Wiedervereinigung in Brandenburg. Am 1. November wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt.

Manfred Stolpe war einer der beiden Stellvertreter des Vorsitzenden des Evangelischen Kirchenbundes in der DDR.

Bis die Wiedervereinigung der EKiBB abgeschlossen war, sollte es noch etwas dauern: Im Januar 1991 kam in Berlin die neue Gesamtsynode der Landeskirche zusammen. Ende 1994 schließlich beschloss die Landessynode eine neue, gemeinsame Grundordnung als Kirchenverfassung.