Favoritinnen-Sieg nach intensiver Selbstbefragung

Margot Käßmann

© epd-bild/Jens Schulze

Margot Käßmann, die als erste Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stand, war zuletzt als Botschafterin für das 500. Reformationsjubiläum im Einsatz.

Favoritinnen-Sieg nach intensiver Selbstbefragung
Vor zehn Jahren wurde Margot Käßmann als erste Frau zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Sie blieb es nur vier Monate lang. Zu den prominentesten Protestanten mit öffentlicher Strahlkraft zählt sie bis heute.

Als die Wahl gelaufen war, gab Margot Käßmann einen Einblick in ihr Gefühlsleben. Sie zitierte am Vormittag des 28. Oktober 2009 vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Ulm ihre Großmutter. "Wem der liebe Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch die Kraft, es auszufüllen", habe die Oma ihr nach der Ordination zur Pfarrerin mit auf den Weg gegeben. "Auf diese Kraft hoffe ich", sagte die damalige hannoversche Landesbischöfin wenige Minuten nach ihrer Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden - als erste Frau in dieses Amt.

Während es rückblickend nahezu vorgezeichnet schien, dass die damals 51 Jahre alte prominente Theologin zur obersten Repräsentantin der deutschen Protestanten aufsteigt, war das für Käßmann vor zehn Jahren keineswegs klar: "Dass die Synode sich für mich entscheidet, als geschiedene Frau, war alles andere als vorhersehbar."

Zwei Wochen vor der EKD-Tagung habe sie noch einmal mit engen Freunden beraten. "Die Anforderungen vor allem in Bezug auf die mediale Präsenz waren enorm gestiegen", erinnert sich Käßmann im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Wolfgang Huber hatte Maßstäbe gesetzt: Das waren große Schuhe, in die ich treten würde."

Von der intensiven Selbstbefragung ist nach Beginn der Synodenberatungen Ende Oktober in Ulm wenig zu erahnen. Bei ihrer souveränen Vorstellungsrede am Sonntagabend zeigt Käßmann einmal mehr ihre Gabe, zugleich als versierte Theologin, fromme Christin und Frau mitten im Leben aufzutreten.

Weibliche Doppelspitze "wunderbar normal evangelisch"

Bei der Wahl in den Rat am folgenden Dienstag bekommt sie das mit Abstand beste Ergebnis der 13 Gewählten: 103 von 145 abgegebenen Stimmen im ersten Wahlgang. "Da wusste ich: Die evangelische Kirche will mich als Ratsvorsitzende", erinnert sich Käßmann. In den nächsten Tag mit der Wahl zur Vorsitzenden sei sie entsprechend gelassen gegangen. 132 Ja-Stimmen von 142 abgegebenen Voten entfallen auf Käßmann.

Damit hatte sich die EKD für eine weibliche Doppelspitze entschieden, nachdem die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt im Mai als Präses an die Spitze der Synode gewählt worden war. Nach dem Votum für Käßmann sagte Göring-Eckardt, die Doppelspitze zweier Frauen sei "wunderbar normal evangelisch".

Margot Käßmann blickt zurück und verrät, welches Gefühl sie für ihre Arbeit gestärkt hat und wie sie es schafft auf Menschen zuzugehen. Sie spricht darüber, welche große Baustelle die evangelische Kirche erwartet und worauf es ankommt, um ein erfülltes Leben zu haben.

Zehn Jahre lang steht Käßmann bei der Ratswahl 2009 bereits an der Spitze der hannoverschen Landeskirche, der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland. Neben dem Ratsvorsitzenden Huber ist sie das mit Abstand prominenteste Gesicht der evangelischen Kirche. Im Gegensatz zum Amtsvorgänger wirkt die zierliche Frau mit den kurzen schwarzen Haaren nahbarer, auch weil die Mutter von vier Töchtern sehr offen mit persönlichen Schicksalsschlägen wie dem Scheitern ihrer Ehe und ihrer Brustkrebserkrankung umgeht.

Schnell zeigt sich in den nächsten Wochen, wie das Ehrenamt als Ratsvorsitzende die hannoversche Bischöfin parallel zur Leitung der größten Landeskirche fordert. Käßmanns beherztes Eintreten gegen eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik sorgt für Schlagzeilen. Nachdem sie in einer Predigt den Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" ausgesprochen hat, setzt eine intensive Debatte über den Bundeswehreinsatz ein. Schließlich kommt es zu einem Treffen Käßmanns mit Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) und einer Einladung des Verteidigungsministers, sich doch selbst in Afghanistan ein Bild zu machen.

Bildergalerie

Mit Pfiff: Margot Käßmanns Schritte durchs Leben

Kindheit im Hessischen

Foto: Archiv Margot Käßmann

Kindheit im Hessischen

Foto: Archiv Margot Käßmann

Ihre Kindheit findet im hessischen Stadtallendorf zwischen dem Elternhaus, der Tankstelle und der Autowerkstatt ihres Vaters statt. Der Papa (links) war ein lebenslustiger Mann, ihre Mutter (Mitte) hat sie eher streng in Erinnerung. Und ihre Omi (rechts) brachte ganz selbstverständlich den Glauben mit Bibelzitaten in ihr Leben, wie zum Beispiel mit: "Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!"

Unterwegs in Israel

Foto: Archiv Margot Käßmann

Schon früh findet sie den Glauben und theologische Fragen spannend. 1978 reist sie zu archäologischen Ausgrabungen nach Israel, um viele Wirkungsorte Jesu mit eigenen Augen zu entdecken: Bethlehem, Nazareth, den See Genezareth und Golgatha.

In Schottland

Foto: Archiv Margot Käßmann

Nach Stationen in Israel, Tübingen und China reist sie für einen Studierendenaustausch im Oktober 1979 nach Edinburgh in Schottland. Die Landschaft versprüht Harry-Potter-Flair, doch der Unterricht ist ihr zu sehr verschult. Wer etwas sagen will, muss sich melden. Hier erfährt sie etwas über den englischen Reformator John Knox, der die Bibel in die englische Sprache übesetzte.

Ordinationsfeier 1985

Foto: Archiv Margot Käßmann

Ein großer Schritt: Am 20. Oktober 1985 werden Margot und ihr Mann Eckhard Käßmann ordiniert. Doch die Pfarrstellen sind rar gesät. Eigentlich wollen sie nach Marburg, Göttingen oder in eine andere Stadt. Es wird die Pfarrstelle im Kirchspiel Spieskappel. Diese wollen sie sich teilen. Ihre dreijährige Tochter Sarah ist schon da und Margot Käßmann ist mit Zwillingen schwanger. Das übersteigt die Vorstellungskraft der damaligen Pröpstin, dass eine Frau mit drei kleinen Kindern hauptamtlich Pastorin wird. Also soll ihr Mann die ganze Stelle übernehmen und sie "darf" ehrenamtlich mithelfen. Margot Käßmann fühlt sich damit unwohl.

Taufe der Zwillinge

Foto: Archiv Margot Käßmann

Mit nur fünf Minuten Abstand kommen die beiden Mädchen Hanna und Lea auf die Welt. 1986 wird ihre Taufe gefeiert.

Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags

Foto: epd-bild / Friedrich Stark

Margot Käßmann ist als erste Frau von 1994 bis 1999 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Dafür zieht die Familie nach Fulda. Meist lassen sich Familie und Beruf gut verbinden, manchmal ist es schwer.

Büro in Fulda

Foto: epd-bild/ Norbert Neetz

Ein Blick ins damalige Büro in Fulda. Drei evangelische Kirchentage hat sie als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags vorbereitet und mitgestaltet.

Familienbande

Foto: epd-bild / Jens Schulze

Mit den Töchern, von links nach rechts: Lea, Esther, Margot Käßmann, Hanna und Sara.

Neujahrespredigt in Dresden

Foto: picture alliance / Ralf Hirs

Es passiert viel: 1999 wird Margot Käßmann Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. 2006 gibt sie bekannt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. 2007 lässt sich das Ehepaar Käßmann scheiden. Und 2009 wird sie als erste Frau die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Während ihrer Neujahrspredigt am 1. Januar 2010 spricht sie sich in der Dresdner Frauenkirche für ein Ende des Afghanistan-Einsatzes aus: "Nichts ist gut in Afghanistan". Sie ruft auf zu mehr Optimismus und Mut. Auch kleine Schritte veränderten die Welt, sagt sie in ihrer Neujahrspredigt.

Gastdozentin

Foto: epd-bild / Hyosub Shin

Nach einem Straßenverkehrsdelikt am 20. Februar und ihrem Rücktritt von allen kirchlichen Ämtern am 24. Februar 2010 ist sie als Gastdozentin von August bis Dezember 2010 an der Emory-University in Atlanta (Georgia, USA) tätig.

Die Verabschiedung

Foto: epd-bild / Jens Schulze

Die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wird am 26. März 2011 in einem feierlichen Gottesdienst zur Einführung ihres Nachfolgers Ralf Meister gleichzeitig aus dem Amt verabschiedet. Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der bayrische Landesbischof Johannes Friedrich, segnet Margot Käßmann. Rund 1.500 Gäste versammelten sich dazu in und um Hannovers Marktkirche.

Geburtstag

Foto: epd-bild / Norbert Neetz

An ihrem 53. Geburtstag ist sie auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden: "Da wird auch dein Herz sein" lautet das biblische Leitwort.

Wittenberg

Foto: Kolja Warnecke

Magot Käßmann steht vor Beginn eines Jugendgottesdienstes an der Tür der Wittenberger Schloßkirche. Dort, wo Martin Luther seine Thesen angenagelt haben soll. Sie ist nun Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017.

Reformationsbotschafterin

Foto: Mark Reusch, Markus Lesinski, Archiv Margot Käßmann (r)

Während des Reformationsjubiläums 2017 wird Margot Käßmann die Ehrendoktorwürde der Theologischen Hochschule Mexiko verliehen (links). In dieser Zeit bereist sie die Welt. So besucht sie auch ein Kinderhilfsprojekt in Dhaka in Bangladesh (Mitte) und trifft sich beispielsweise mit Bischof Mwakyolile in Tansania. Auch freut sie sich über viele ökomenische Annäherungen.

Usedom

Foto: Markus Tedeskino/DroemerKnaur

Einfach mal Durchatmen und die Seele baumeln lassen: Margot Käßmann genießt ihre Zeit am Strand von Usedom.

Biografie

Foto: bene! Verlag

Wer mehr über das Leben von Margot Käßmann erfahren will, für den hat der Journalist Uwe Birnstein eine Biografie über sie geschrieben: "Margot Käßmann. Folge dem, was Dein Herz Dir rät."

Zu der Reise kommt es nicht mehr. Nach nicht einmal vier Monaten im Amt tritt Käßmann am 24. Februar 2010 von allen kirchlichen Leitungsämtern zurück und zieht damit die Konsequenz aus einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss. 2012 wird Käßmann Botschafterin des EKD-Rates für das 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Im vergangenen Jahr geht sie mit 60 Jahren in den Ruhestand. Auch wenn heute die Familie mit inzwischen sechs Enkelkindern mehr Raum im Leben der Ruheständlerin einnimmt, bleibt die prominente Protestantin als Autorin, Gastpredigerin und Vortragsreisende öffentlich präsent.

Dass ihr als erste Frau an der EKD-Spitze mit Nikolaus Schneider und Heinrich Bedford-Strohm wiederum zwei Männer gefolgt sind, betrachtet Käßmann gelassen. Seit ihrer Wahl vor zehn Jahren sei klar, dass Frauen in der evangelischen Kirche alle Leitungsämter offenstehen. Dass es bis heute deutlich weniger Bischöfinnen als Bischöfe gibt, könne auch daran liegen, dass Frauen nicht so stark nach Ämtern streben. "Sie fragen sich häufiger, was das Leben eigentlich ausmacht, und kommen dabei oft zu anderen Antworten als Männer."