"Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre"

Projekt 1+1

© Wolfgang Noack

Das Projekt 1+1 gibt Langzeitarbeitslosen Hilfestellung für die Reintegration in den Arbeitsmarkt.

Deutschland spricht 2019
"Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre"
Das kirchliche Projekt 1+1 für Langzeitarbeitslose gibt es nun seit 25 Jahren
Für Michaela Barth war es ein Glücksfall. Die heute 45-Jährige aus dem oberpfälzischen Weiden pflegte nach dem Abitur 17 Jahre lang gemeinsam mit ihrer Mutter den Vater. Nach dessen Tod stand sie mit viel Erfahrung, aber ohne eine Berufsausbildung dar.

Nach ein paar Wochen mit einem 1-Euro-Job im Werkhof Weiden des Diakonischen Werkes (DW) Weiden bekam sie 2010 vom DW Weiden die Möglichkeit, zur Kauffrau für Bürokommunikation umzuschulen. "Das war der Startschuss für mein neues Leben", erinnert sich die heutige Assistentin der DW Weiden-Geschäftsleitung. Möglich war die Umschulung, weil es Zuschüsse von der "Aktion 1+1" gab. 

Diese Aktion rief im Jahr 1994 die bayerische Landessynode ins Leben, am 4. Juli begeht sie mit Gottesdienst und Feier in Fürth ihr 25-jähriges Jubiläum. Das Besondere an der Aktion 1+1: Die evangelische Landeskirche verdoppelt alle Spenden und Kollekten zugunsten von 1+1, damit langzeitarbeitslose Menschen zurück in den regulären Arbeitsmarkt finden. 

Arbeitsmarkt praktisch leergefegt

Immerhin kamen so im letzten Jahr inklusive Verdopplung 1,3 Millionen Euro zusammen. Seit Beginn der Aktion 1+1 wurden mit 29,1 Millionen Euro über 8.800 Menschen in etwa 350 Kirchengemeinden, Einrichtungen und Vereinen in ganz Bayern wieder in Arbeit gebracht, erklären die Verantwortlichen. 

Am Sinn der Aktion hat Pfarrer Johannes Rehm, Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (kda Bayern), keinen Zweifel. In seiner Dienststelle ist "1+1" angesiedelt. Obwohl der Arbeitsmarkt praktisch leer gefegt ist, habe sich die Situation für Langzeitarbeitslose nicht wesentlich verbessert, erklärt er. 

Auch für diese "Menschen mit Vermittlungshemmnissen" müsse das "Menschenrecht auf Arbeit" realisiert werden. "Arbeit ist nicht nur Mühe und Plage, sondern auch erfüllende Tätigkeit", erklärt Rehm. Die Aktion setze zudem ein "starke Zeichen für den sozialen Frieden und ein gelingendes Miteinander in unserem Land".

Das bestätigt auch der 49-jährige Udo Hofmann, der seit zwei Jahren in der Verwaltung der Kirchliche Beschäftigungsinitiative "mitarbeiten" im mittelfränkischen Fürth angestellt ist. "Mir geht's gut, ich habe mich gefangen", beschreibt er heute seine Situation. 

Der gelernte EDV-Kaufmann, der zunächst erfolgreich Karriere machte, verliert nach einem "Schicksalsschlag innerhalb der Familie" seinen gut dotierten Job. In Spanien nimmt er sich ein Jahr Auszeit, doch danach findet er keinen Tritt mehr. Er bekommt eine Depression, schlägt sich mit Mini-Jobs durch und wird erst Ende 2016 in das Europäische Sozialfond-(ESF)-Förderprogramm "Gute Aussichten" aufgenommen. Über das kommt er in eine von der Aktion 1+1 geförderte Beschäftigung als Stromspar-Checker der Beschäftigungsinitiative.

Weil er gut zurechtkommt, übernimmt ihn "mitarbeiten"-Geschäftsführerin Eva Haas in die Verwaltung. "Hofmann ist ein Paradebeispiel" für eine gelungene Reintegration in den Arbeitsmarkt. Haas hat in den letzten 20 Jahren über 100 Menschen mit 1+1-Förderung begleitet. Für Hofmann selbst hat ein neues Leben begonnen. Er könne wieder soziale Kontakte knüpfen, sagt er. In seiner Freizeit engagiert er sich jetzt, um anderen Menschen zu helfen. "Ich habe meine innere Einstellung verändert", sagt er. "Früher war das Geld wichtig, heute die Menschen".

Auch für den Einrichtungsleiter der diakonischen Jugendwerkstatt Erlangen-Nürnberg, Wolfgang Gremer, ist klar: "Ohne 1+1 wäre unsere Arbeit nicht möglich." In seiner Schreinerwerkstatt gibt es aktuell 14 Ausbildungsplätze für eine Zielgruppe, die es nicht in den regulären Arbeitsmarkt geschafft hat oder Auszubildende, die in den ersten Lehrmonaten gescheitert sind. Häufige Probleme seien fehlender Schulabschluss, Sprachprobleme bei Geflüchteten oder Suchtprobleme, erklärt er. 

Wer bis zum Abschluss durchhalte, habe im ersten Arbeitsmarkt gute Chancen, erklärt der Einrichtungsleiter. Die Erfolgsquote beziffert Gremer mit 80 Prozent. 

Auch für Michaela Barth läuft es beruflich gut. Im vergangenen Jahr ist die Büroleiterin und persönliche Assistentin zusätzlich zur Datenschutzbeauftragten bestellt worden. Hätte es die Hilfestellung von 1+1 nicht gegeben, "ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre", sagt sie.

Als langzeitarbeitslos gelten nach dem Sozialgesetzbuch Menschen, die ein Jahr und länger ohne Arbeit sind. Besonders Ältere und Geringqualifizierte sind gefährdet, langzeitarbeitslos zu werden. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit lag die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Februar dieses Jahres bei rund 756.000. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung, circa 30 Prozent waren älter als 55 Jahre. 

 

Zum 25-jährigen Jubiläum der Aktion 1+1 findet am Donnerstag, 4. Juli um 11 Uhr in der Kirche St. Michael in Fürth ein Gottesdienst mit dem Fürther Dekan Jörg Sichelstiel statt. Anschließend ist ein Empfang in den Räumen der kirchlichen Beschäftigungsinistiative "mitarbeiten", Kirchenplatz 2.