Sozialunternehmen setzen zum großen KI-Sprung an

humanoider Roboter "Ameca"
epd-West/HNF/ Reinhardt A. Hardtke
Der humanoide Roboter "Ameca" als Neuzugang in der Robotik-Sammlung des Heinz Nixdorf MuseumsForums (HNF) in Paderborn.
Das Ende der Warteschleife
Sozialunternehmen setzen zum großen KI-Sprung an
Video-Botschaften von einem Avatar, Beratungsgespräche mit einem Computer - das ist die Zukunft in der Sozialwirtschaft. Diakonische Unternehmen suchen gegen Bürokratie und Mitarbeitermangel händeringend Unterstützung von der KI.

Zehn Anfragen von überschuldeten Menschen muss die Diakonische Bezirksstelle im Zollernalbkreis pro Tag abweisen. Die Not sei zwar groß, aber es fehle das Beraterpersonal, sagt Geschäftsführer Micha Haasis.

Künstliche Intelligenz (KI) kann das Problem möglicherweise entschärfen, wie auf einer Fachtagung des Diakonischen Werks Württemberg in Stuttgart gezeigt wurde. Telefonbots bieten sich als Partner für ein Erstgespräch an. Die Leistung der KI-Telefonagenten ist inzwischen derart hoch, dass es sich für Außenstehende wie ein normales Telefonat anfühlt.

Die Vorteile liegen laut David Rudolph vom Unternehmen "AIdentical" auf der Hand. Das Beratertelefon steht rund um die Uhr für Menschen mit Schulden, Suchtproblemen oder familiären Konflikten zur Verfügung, nicht nur zu Bürozeiten. Es gibt keine Warteschleife. Und noch besser: Sprachprobleme gehören der Vergangenheit an, denn die KI wechselt mühelos von Deutsch zu Türkisch, Arabisch und vielen anderen Sprachen.

Wenn der Avatar des Chefs spricht

Ein weiteres neues Feld ist der Einsatz von Avataren für Videos. Dabei kann es sich um Abbilder echter Menschen oder um fiktive Charaktere handeln. Sind sie erstmal eingerichtet, reicht es, der KI einen Sprechertext zu geben. Daraus generiert sie ein fertiges Video - ohne dass jemand hätte vor einer Kamera stehen müssen. Die Einsatzgebiete sind vielfältig: Erklärvideos, Informationsvideos für neue Mitarbeiter, Clips für Social Media - aus ein paar Textzeilen fabriziert ein leistungsfähiger Rechner ansprechende Filme.

Robert Bachert, Finanzvorstand bei der württembergischen Diakonie, hat zu Experimentierzwecken einen Avatar von sich basteln und ein paar Kurzfilme generieren lassen. Die Ergebnisse beeindrucken ihn sehr. "Ich habe so ein Video meiner Frau gezeigt, und sie konnte nicht sagen, ob ich da wirklich vor der Kamera stehe oder ob es der Avatar ist", berichtet er.

Videos mühelos aktualisieren

Fiktive Charaktere haben den Vorteil, dass sie zielgruppengenau gestaltet werden können. Nimmt man Videos mit echten Mitarbeitern auf, kann es zudem Probleme geben, wenn diese kündigen und damit die Firma nicht mehr repräsentieren. In diesem Fall müsste alles neu gemacht werden. Die große Stärke ist es, Inhalte zu aktualisieren. Ändert sich zum Beispiel das Pflegegesetz, gibt man der KI einfach die jüngsten Informationen - und sie generiert daraus ein neues Video.

Was die Tagung auch deutlich gemacht hat: Sehr viele Mitarbeiter in der Sozialwirtschaft sehnen sich zuerst nach einer Entlastung von bürokratischen Aufgaben. So muss etwa ein Berufsbildungswerk für 300 Absolventen im Jahr jeweils einen Bericht zur Abrechnung mit der Agentur für Arbeit schreiben. Wenn diese Aufgabe im Wesentlichen ein Computer übernehmen könnte, würde das Hunderte von Arbeitsstunden sparen. Dasselbe gilt für Entwicklungsberichte im Kindergarten oder die Entlassung von Klienten aus diakonischen Einrichtungen - überall sind mühevoll Formulare auszufüllen, was ebenso eine Maschine übernehmen könnte.

Datenschutzprobleme umgehen

Viele Anwendungen lassen sich theoretisch bereits heute mit den bekannten Modellen wie ChatGPT oder Copilot umsetzen - doch dazu müssten sensible persönliche Daten hochgeladen werden, die dann oft auf US-amerikanischen Servern landen. Das wäre nicht im Sinn der Klienten und ist zudem laut EU-Recht verboten. Deshalb bieten zunehmend deutsche Unternehmen Lösungen an, die rechtskonform sind, weil zum Beispiel leistungsfähige KI-Modelle nur lokal betrieben werden und damit keine Klientendaten ins Ausland wandern.

Die Diakonie im Zollernalbkreis hat mit Künstlicher Intelligenz zudem eine ganze Kampagne aufgesetzt, die Jugendliche vor Überschuldung bewahren soll. Titel der mit 90.000 Euro vom Sozialministerium geförderten Aktion: "Pay Smart. Live Free". Ein flotter Rap-Song wurde generiert, ein Podcast zum Thema entstand ebenfalls im Computer, und zudem hat eine KI ein illustriertes e-Book entworfen. Und schließlich kamen noch zwei Video-Avatare zum Einsatz, die vor Auto-Leasing und Shopping auf Kredit warnen.

"Wir ersetzen die Stille"

Doch fehlt nicht das Menschliche, wenn etwa Gespräche von einem Computer geführt werden? Angesichts mangelnder Berater scheint das die falsche Frage zu sein. "Wir ersetzen nicht den Menschen. Wir ersetzen die Stille, die entsteht, wenn kein Mensch Zeit hat," schreibt das Unternehmen "AIdentical". Ein Tagungsteilnehmer aus der Sozialwirtschaft formulierte es nahezu philosophisch: "Im Gegensatz zu gar nichts ist wenig viel."