Gotteshäuser in Virtual-Reality-Welten erstellen

Friederike Wenisch erklärt den Siebtklässlerinnen, die für die Fotogruppe eingeteilt sind, was sie zu tun haben.

© Lena Christin Ohm

Friederike Wenisch erklärt den Siebtklässlerinnen, die für die Fotogruppe eingeteilt sind, was sie im Cem-Haus der Aleviten zu tun haben.

Nicht jeder Mensch lebt in der Nähe einer Kirche, Synagoge, Moschee oder eines Sikh-Tempels. Dank Virtual-Reality-Welten kann man diese Orte aber trotzdem erkunden und den Gotteshäusern dabei zuhören, wie sie über ihre Besonderheiten erzählen. Möglich wird’s durch das Projekt "Lebendige Steine" der Nordkirche, das Schulen, Gemeinden und Konfi-Gruppen dazu einlädt, ihre Kirche ebenfalls zum VR-Erlebnis zu machen. Die Idee dazu stammt von der Religionslehrerin Friederike Wenisch, die mit ihren Siebtklässlern in diesem Bereich Vorreiterin ist. Und so entsteht ein Gotteshaus in der VR-Welt.

Mit dem Rücken ganz dicht an die Wand gepresst, die Arme so eng es nur geht an den Körper gelegt, stehen die beiden Mädchen da. Ihr Blick ist auf ein leicht zersprungenes Handydisplay gerichtet. "Habt ihr schon etwas gehört?", fragt eines der anderen Mädchen, das zusammengekauert hinter einem Schrank sitzt. "Nein, noch nicht", antworten die anderen. "Vielleicht musst du doch etwas näher rangehen, damit das Smartphone eine Verbindung zur Kamera aufbauen kann", rät eine andere, doch noch bevor sich eines der Mädchen bewegen kann, ist das erlösende Piepen zu hören. Geschafft! Sofort kommen alle vier Mädchen aus ihren Verstecken. Es ist keine Zeit zu verlieren, denn sie haben noch viel zu tun.

Was vielleicht wie ein Kinderspiel anmutet, ist richtige Arbeit: Die Siebtklässlerinnen fotografieren mit einer 360-Grad-Kamera die Räume im Cem-Haus der alevitischen Gemeinde in Hamburg, um sie dann digital am PC oder mit einer Virtual-Reality-Brille begeh- und erlebbar zu machen. Währenddessen sitzen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler zusammen mit einigen Aleviten im Nebenraum und lassen sich die Brauchtümer und Grundsätze des Alevitentums erklären. Im Vorfeld haben die Siebtklässler Zettel mit Begriffen bekommen, die sie am Ende ihres Besuchs im Cem-Haus in einem kurzen Text erklären müssen, der dann aufgenommen und als Audiodatei in die VR-Welt eingebaut wird. All diese Arbeitsschritte auf dem Weg zu einer erlebbaren VR-Welt, in der Gebäude quasi für sich selbst sprechen, sind Teil des Religionsunterrichts von Friederike Wenisch am Gymnasium Altona in Hamburg.

Um die Religionen in ihrer Umgebung nicht nur vom Klassenzimmer aus kennenzulernen, sondern sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen und direkt von Gläubigen zu lernen, hat Religionslehrerin Friederike Wenisch das VR-Projekt ins Leben gerufen. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche hoch motiviert arbeiten, wenn sie in Aussicht gestellt bekommen, in VR-Welten eintauchen zu dürfen. Und sie erstellen zu dürfen, ist noch mal etwas ganz Besonderes", erzählt Wenisch. Jede der von ihr konzipierten Unterrichtseinheiten hat sie auch als Unterrichtsbausteine im Digital Learning Lab zur Verfügung gestellt (siehe Übersicht an der Seite). So können auch Lehrer, die mit ihren Schülern selbst keine eigene VR-Welt bauen wollen oder können, in den Genuss einer solch interaktiven, spielerisch aufgebauten Unterrichtseinheit kommen. Außerdem bietet es den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, in Deutschland eher seltenere Gotteshäuser, zu denen man sonst eine längere Anfahrt gehabt hätte, dezentral und auf eigene Faust erkunden zu können – und das fast lebensecht in der virtuellen Realität. "Einerseits wird den Schülern suggeriert, sie seien allein und dadurch steigt die Konzentration. Andererseits wirken die großen Darstellungen in der VR ganz anders und hinterlassen große Eindrücke", so Friederike Wenisch.

Schülerinnen bedienen die 360-Grad-Kamera.

Sie ist ein großer Fan von Religion zum Anfassen. Bereits vor dem VR-Projekt hat sie ihre Schülerinnen und Schüler zum praktischen Umgang mit religiösen Themen ermuntert. Beim Thema "Vorbilder" mussten ihre Siebtklässler erst einmal religiöse Vorbilder kennenlernen und deren verbindende Eigenschaften herausarbeiten – zum Beispiel, sich für die Schwachen und eine gerechtere Welt einzusetzen. Und dann kam die alles entscheidende Frage: "Was können wir tun, um ein Vorbild zu sein?" Das Ergebnis: Die Schülerinnen und Schüler wollten einen ferngesteuerten Tisch für eine Rollstuhlfahrerin bauen und programmieren. Schließlich sei es blöd für die Rollstuhlfahrerin, gleichzeitig den Rollstuhl zu steuern und ein schweres Tablett mit sich rumzutragen, so die Ansicht der Kinder.

Inhaltlich und technisch stellte die Idee der Siebtklässler Friederike Wenisch nicht vor eine unüberwindbare Herausforderung - sie hatte sich die Auszeichnungssprache HTML5 in der Elternzeit selbst beigebracht und traute das auch ihren Schülerinnen und Schülern zu. Und schließlich konnte sie auch auf die kompetente Unterstützung durch Programmierer Boris Crismancich vertrauen, den sie via Twitter kennengelernt hatte. Aber die Materialkosten – auch wenn sie nicht besonders hoch waren – machten ihr Sorgen. Wie konnte sie die Arbeit ihrer Schülerinnen und Schüler aufwerten, sie etwas Gutes tun lassen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Kinder nicht auf den Kosten sitzen blieben? Weil sie nicht weiterwusste, wandte sie sich an Doreen Gliemann, die Internetbeauftragte der Nordkirche, die sie aus dem wöchentlichen #ReliChat des Religionspädagogischen Instituts der EKD bei Twitter kannte, und bat um Rat. Doch statt Ansprechpartnern bekam sie das Angebot, dieses Projekt zusammen mit der Nordkirche zu machen. "Und dann ergab sich eines nach dem anderen", so Wenisch.

Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Altona arbeiten im "GoodCode-Projekt" daran, einen ferngesteuerten Tisch zu bauen.

Der fahrbare Lastentisch konnte also gebaut werden. "Wir haben dann mehrere Calliope minis, also Einplatinencomputer, aneinandergesteckt und sie so programmiert, dass man sie mit einer Fernbedienung steuern kann", erzählt Friederike Wenisch. Dafür habe man schon zwei oder drei Stunden gebraucht. Mithilfe einiger Oberstufenschüler habe man dann den Tisch an sich gebaut und dem Ganzen den Feinschliff gegeben. Via Tablet sei die Empfängerin des Tisches bei der Präsentation dabei gewesen. "So wusste sie dann auch, was jeder gemacht hat und sie konnte jeden kennenlernen, der einen Beitrag dafür geleistet hat, dass ihr das Leben etwas erleichtert wurde." Die Freude darüber sei riesig gewesen.

Als Nächstes habe Friederike Wenisch dann die Idee zu dem VR-Projekt gehabt. Um mit ihren Schülerinnen und Schülern so etwas auf die Beine zu stellen, brauchte es aber einen starken Partner – denn eine VR-Kamera und Audioaufnahmegeräte sind nicht billig. "Ich hatte tatsächlich an verschiedenen Stellen angefragt, da bin ich auf Granit gestoßen", erinnert sich Wenisch, "da wurde mir teilweise gesagt: Aber so weit sind wir ja noch gar nicht." Ihre Reaktion auf diese Einstellung ist eindeutig: "Das ist aber schlecht. Denn wir brauchen jetzt Hilfe."

Statt aufzugeben und die Pläne ad acta zu legen, wandte sich Friederike Wenisch wieder an das Online-Team der Nordkirche. "Wir fanden die Idee sehr interessant, weil so Schülerinnen und Schüler auf einem digitalen Weg mit Kirchen, mit Gotteshäusern, mit Religion insgesamt in Berührung kommen", berichtet Oliver Quellmalz, Social Media Manager bei der Nordkirche. Um den Mitarbeitern der Nordkirche zu zeigen, wie sie sich die VR-Welten vorstellte, hatte Friederike Wenisch erst mit dem "Projekt RELab digital" von der Uni Würzburg unter der Leitung von Jens Palkowitsch-Kühl und Ilona Nord kooperiert. "Die haben mir dann auch die erste Kamera zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt. Das war eigentlich für rpi-Impulse von der EKHN." Die Probeaufnahmen überzeugten das Nordkirchen-Team. Und so wurde die Nordkirche zum Kooperationspartner, schaffte einen Technikkoffer mit 360-Grad-Kamera, Stativ und Audioaufnahmegerät an, kaufte VR-Brillen aus Pappe in hoher Stückzahl, um sie dann günstiger an die Gemeinden und Schulen weitergeben zu können, und erstellte eine Seite, auf der die Projekte gezeigt werden können. Friederike Wenisch ist begeistert: "Das sind so Sachen, die man sich zutrauen muss. Und für die man Offenheit und einfach den Willen braucht. Man lässt sich auf etwas Neues ein und guckt mal, wie das so ist. Und das ist bei der Nordkirche erfreulicherweise in einem hohen Maße gegeben."

Es ist die Geburtsstunde des Nordkirchen-Projekts "Lebendige Steine", bei dem Jugendliche entweder mit ihrer Schule oder der Konfi-Gruppe die Kirche vor Ort kennenlernen, indem sie ein 360-Grad-Video aufnehmen. Das Projekt ist aber auch für alle anderen offen: "Wir geben jedem Interessenten Hilfestellung", betont Oliver Quellmalz, "wenn jetzt eine andere Religionsgemeinschaft kommt, und sagt: Wir würden das gerne mal ausprobieren, dann ist das auch gar kein Problem." Auch für Kooperationen mit anderen interessierten Landeskirchen sei man offen. Man unterstütze jeden gerne im Wissensmanagement und vermittle Kontakte. "Wir möchten natürlich gerne, dass das Projekt soweit wie möglich gestreut wird", so Quellmalz. Denn man verspricht sich dadurch, dass am Ende viele Gemeinden in der Nordkirche im Internet als 360-Grad-Video begehbar werden. Anfragen von Interessierten gibt es bereits.

Social Media Manager Oliver Quellmalz zu den Vorteilen, die die Nordkirche aus dem Engagement im digitalen Religionsunterricht zieht, und welche Bedeutung es für ihn persönlich hat.

Die Zusammenarbeit mit der Nordkirche macht Friederike Wenisch richtig viel Spaß und sie ist dem Team von der Nordkirche dankbar für das Engagement. Sie selbst ist mittlerweile fast schon Profi im Erstellen von 360-Grad-Videos von Gotteshäusern: Mit ihren Schülerinnen und Schülern hat sie zum Beispiel schon die Kreuzkirche und die Ulu Camii Moschee in Hamburg-Ottensen, die Synagoge Hohe Weiden in Hamburg-Schlump, den Sikh-Tempel Gurdwara Singh Sabha in Hamburg-Lokstedt und nun das Cem-Haus der Aleviten auf St. Pauli in die digitale Welt geholt.

Siebtklässler des Gymnasium Altona besuchen mit ihrer Religionslehrerin Friederike Wenisch das Cem-Haus der Aleviten im Stadtteil St. Pauli.

Aus mehreren Gründen legt sie das Projekt immer wieder neu auf: Einerseits bekommen die Kinder so Kontakt zu den Gläubigen einer Religion und können all ihre Fragen loswerden und andererseits macht sie es, "weil wirklich jeder etwas zu tun hat und nicht gelangweilt ist." Außerdem bringen sich die Kinder gegenseitig im Peer-to-Peer-Verfahren die Technik bei und probieren spielend Dinge aus. "Und wenn ich mich dann  einmische, werde ich auch gleich diszipliniert und dann wird mir nur gesagt: 'Frau Wenisch, das können wir, da müssen sie nichts sagen'", erzählt die Lehrerin lächelnd und sichtlich stolz auf das Selbstbewusstsein, mit dem ihre Schülerinnen und Schüler zu Werke gehen.

"Wir sind stolz auf die fertige VR-Welt und ich habe das Gefühl, dass ich dabei viel mehr gelernt habe, als wenn mir das jemand einfach nur erzählt hätte", sagt Jelle. Besonders die Einblicke in die Technik seien reizvoll gewesen, so etwas habe er nämlich noch nie gemacht. Beim Besuch im Sikh-Tempel war er im Foto-Team, dieses Mal gehörte er zu den Gruppen, die für die Erklärung einzelner Begriffe zuständig waren. Auch sein Kumpel Runar  findet diesen aktiven Unterricht besser als das Sitzen im Klassenraum: "Es ist alles ganz anders als normaler Unterricht, viel cooler und moderner." Das sehen auch viele der anderen Kinder so. Und auf ihre VR-Welt des Cem-Hauses können sie auch verdammt stolz sein!