Protestantismus in Russland

Gläubige zünden Kerzen an.

Foto: Andy Adams/Polaris/laif

Deutschland spricht 2019
Protestantismus in Russland
In Russland leben heute etwa drei Millionen evangelische Christen. Dabei hat der Protestantismus in dem Land eine besonders wechselvolle Geschichte.

Es war ein historischer Tag für die russischen Protestanten, als der Staat ihnen in Moskau ihre Kathedrale St. Peter und Paul zurückgab. In der Sowjetunion als staatliches Eigentum deklariert, sollte das für die evangelisch-lutherische Gemeinde zentrale Gotteshaus wieder in seinen alten Besitz übergehen – pünktlich zum 500. Reformationsjahr. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reiste eigens am 25. Oktober des vergangenen Jahres an, begleitet vom EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, der sich stets für die Rückgabe eingesetzt hatte. Nach dem Ende der Sowjetunion hatten Moskaus Protestanten ihre Kathedrale immerhin wieder nutzen dürfen, allein in der 12-Millionen-Metropole leben mehrere Tausend der etwa drei Millionen evangelischen Christen des Landes.

Frank-Walter Steinmeier (M), Heinrich Bedford-Strohm (r) und Rüdiger von Fritsch-Seehausen (l) nehmen am 25.10.2017 in der Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau an der Zeremonie zur Rückgabe der Kirche an die Evangelisch-Lutherische Kirche teil.

Ihre Vorfahren kamen aus ganz Westeuropa, vornehmlich aber aus Deutschland. Schon im 16. Jahrhundert ließen sich viele Deutsche – die meisten von ihnen waren Handwerker und ihrer Fertigkeiten wegen bei den Zaren gerühmt und begehrt – überall in Russland nieder, weswegen es selbst in entlegenen Regionen Sibiriens protestantische Gemeinden gibt. In den Nordwesten, unweit von Sankt Petersburg, verschlug es einst Finnen und Schweden – manche im Zuge der russisch-schwedischen Kriege. Bis heute sind es auch Letten und Esten, die die protestantische Kirche in Russland beleben, die trotz der Souveränität der baltischen Staaten nicht in die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind.

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Protestantisches Leben gehörte also im Russland der Zaren dazu, man errichtete Kirchen, man gründete Schulen. Vor dem Ersten Weltkrieg zählten die evangelischen Gemeinden insgesamt die drittmeisten Mitglieder aller Religionen.

Die Religionsverfolgung unter Stalin aber bereitete der evangelischen Kirche ein baldiges Ende. 1938 wurde die bereits erwähnte Kathedrale St. Peter und Pauls in Moskau geschlossen – als letzte evangelische Kirche in der Sowjetunion. Viele Protestanten bildeten fortan geheime Zusammenschlüsse, eine Art religiösen Untergrund. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sie sich wieder offen zu ihrem Glauben bekennen und sichtbar organisieren und institutionalisieren durften. Die Schlussakte von Helsinki von 1975 bahnte ihnen den Weg.

Heute ist der Protestantismus die viertstärkste Glaubensrichtung in Russland – hinter dem Buddhismus, vor dem römischen Katholizismus – und repräsentiert besonders in manchen Gegenden durch seine spürbare Vitalität die Religionsvielfalt in Russland. Nach wie vor ist er stark geprägt von Deutschstämmigen und genießt auch wegen seines organisierten sozialen Gemeinschaftssinns hohes Ansehen. Da aber nach wie vor viele Deutsch-Russen nach Deutschland auswandern, kämpft die evangelische Kirche in Russland vielerorts gegen einen schleichenden Mitgliederschwund.

Und noch in einem anderen Kampf sieht sie sich neuerdings: Die Religionsfreiheit, die man sehr wohl auch als ein Verdienst Putins betrachten kann, bröckelt. Der Präsident, so glauben viele, fürchtet auch unter den Einflüsterungen des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. den zu starken Einfluss der "nicht-russischen" Religionen. Mit einem ohnehin umstrittenen Anti-Terror-Gesetz von 2016 werden absurderweise auch Protestanten gegängelt. Private Zusammenkünfte werden argwöhnisch beäugt, Gottesdienste dürfen nur noch in religiösen Gebäuden abgehalten werden, Veranstaltungssäle werden mancherorts nicht mehr an Protestanten vermietet, Schriften werden geprüft und brauchen eine Art Unbedenklichkeitsstempel.

Von Verfolgung kann zwar noch keine Rede sein. Dennoch stellt sich mit Blick auf die feierliche Rückgabe der St. Peter und Paul-Kathedrale in Moskau eine große Frage: War sie ein Zeichen der offiziellen Anerkennung oder war es Symbolpolitik für den Westen? Bei Putin weiß man das nie. Und Kyrill I., der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, hielt sich auffallend bedeckt.

Die Situation und Geschcihte der Religionen in Russland beschreibt der Autor in seinem Artikel "Religionen in Russland".