Innere Freiheit statt Moralkeule

Der Bericht von Heinrich Bedford-Strohm vor der Synode der EKD
Der EKD-Ratsvorsitzende, der bayrische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, bei der Pressekonferenz nach seinem Bericht.

Foto: epd/Norbert Neetz

Der EKD-Ratsvorsitzende, der bayrische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, bei der Pressekonferenz nach seinem Bericht..

Bei seinem Ratsbericht vor der Synode der EKD zeichnete Heinrich Bedford-Strohm ein positives Bild vom Reformationsjahr 2017, legte Nächstenliebe gut lutherisch aus und sah Nachholbedarf für die Kirche beim Thema Digitalisierung.

Es war kein einfacher Bericht, den Heinrich Bedford-Strohm vor der EKD-Synode hielt. Denn das Jahr 2017 hat viele Fragen aufgeworfen, auf die der Ratsvorsitzende Antworten geben musste. War das Reformationsjubiläumsjahr 2017 ein Erfolg? Welche Rolle spielt die Kirche bei der Gestaltung einer Gesellschaft, die eine rechtsextreme Partei in den Bundestag gewählt hat? Wie passt die Säkularisierung der Gesellschaft mit den vollen Kirchen am Reformationstag zusammen, und was kann die Kirche davon lernen?

Der Ratsvorsitzende gab der Frage viel Raum, wie Luthers Rechtfertigungslehre heute anwendbar ist. Denn die Antworten der Kirche auf Armut, Flüchtlinge und die restlichen Herausforderungen unserer Zeit kämen bei vielen Menschen nur als "Botschaft von Moral und Gesetz" an. Zwar stimmen die Positionen der Kirche weiterhin, sagte Bedford-Strohm, aber als einfach zu befolgende ethische Anweisung seien sie nicht gemeint. Die Menschen, "die den Aufruf zum Eintreten für Flüchtlinge so nicht teilen können", sollten nicht "mit dem Gefühl zurückbleiben, ein schlechterer Mensch oder ein unzulänglicher Christ zu sein". Denn aus diesem Gefühl käme es vielleicht "zum aggressiven Gegenangriff auf die […], die sie als 'Gutmenschen' empfinden".

Stattdessen müsse der Impuls zum Handeln für andere Menschen aus "innerer Freiheit" kommen. Dieses Gefühl entstehe, wenn ein Mensch erkennt, dass er nur Gottes Gnade braucht statt guter Werke, um "aus den mit einer ehrlichen Selbsterkenntnis verbundenen Abgründen" herauszukommen, formulierte Bedford-Strohm. Dieses Gefühl der Freiheit führt dann zum eigenen Handeln, ohne andere zu verurteilen. Ohne diese innere Freiheit würden die Menschen von den Herausforderungen der Welt überfordert – wie Luther, der erkannte, dass Gottes Gebote den Menschen immer überfordern würden. Man könnte dann entweder den moralischen Anspruch senken, die Not einfach verdrängen, sich vom Leid der Welt erdrücken  lassen oder das eigene Gewissen mit helfenden Werken beruhigen. Das alles wäre aber kein Handeln aus Freiheit, das andere nicht verurteilt, sagte Bedford-Strohm.

Den Menschen in der Welt müsse die Kirche deshalb nicht nur Ansprüche stellen, sondern ihnen auch Zuspruch bieten. Deshalb sei das "authentische Glaubenszeugnis von Christinnen und Christen im Diskurs einer verunsicherten pluralistischen Öffentlichkeit" so wichtig wie noch nie. Das könnte dann auch wieder Platz bieten für differenzierte und nuancierte Stimmen, die es mittlerweile deutlich schwerer hätten, überhaupt gehört zu werden.

Der andere Rückgriff, den Bedford-Strohm machte, war auf die Goldene Regel aus dem Lukas-Evangelium (Lk 6,27-30): "Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!" Um das zu verstehen, müsse man nicht – wie Luther – das Gefühl des "Beschenktwerdens" auf eine Christuserfahrung gründen. Man kann auch einfach nur wahrnehmen, wie gesegnet man selbst im eigenen Leben ist. Dieser Erkenntnis stellte Bedford-Strohm entgegen, dass es deswegen umso wichtiger sei, die Ungleichheit der Lebensverhältnisse hierzulande zu überwinden. Dann könnten möglichst viele Menschen sagen: "Es geht uns gut und deswegen wollen wir auch anderen zu einem Leben in Würde helfen."

So stellte Bedford-Strohm Nächstenliebe und die Erkenntnis, dass die Quelle dafür nicht einfach nur ein moralischer Anspruch ist, gegen die Polarisierung der Gesellschaft. Es ist eine Antwort, die nur von der Kirche als Gemeinschaft von Christinnen und Christen mit Leben gefüllt werden kann: Jeder Einzelne wird damit beauftragt. Das ist gut evangelisch und mit Blick auf die Rechtfertigung auch gut lutherisch, aber nicht einfach – auch nicht für den Ratsvorsitzenden selbst, der seine Botschaften nicht als Moralkeule verstanden wissen möchte.

Mit Blick auf das Reformationsjubiläum verzichtete Bedford-Strohm ebenfalls auf einfache Antworten. Sein "dankbarer" Rückblick auf das Reformationsjubiläum stünde "jenseits aller Diskussionen um erwartete und tatsächliche Besucherzahlen oder Ticketverkäufe", sagte der bayerische Landesbischof. Am Rande der Synode betonte er, dass der Erfolg des Jubiläums "in der Breite" lag, bei den vielen Menschen, die überall auch abseits der Weltausstellung in Wittenberg das Reformationsjubiläum erlebt haben. Für Bedford-Strohm war 2017 ein "großes Bildungsereignis", ein Weg in die Herzen von Menschen, "die den Weg zur Kirche normalerweise nicht oder nur schwer finden", und ein Fest, das "zum ersten Mal in der Geschichte in ökumenisch geschwisterlichem Geist" gefeiert wurde. Das gehört für den Ratsvorsitzenden zu den "geistvollen Wundern des vergangenen Jahres".

Mit Digitalisierung "möglichst nah bei den Menschen sein"

Die Ökumene war dem Ratsvorsitzenden dabei so wichtig, dass er ihr genauso viel Zeit zubilligte wie dem Rückblick aufs Jubiläum selbst. Die Hürden auf dem Weg zu einer "sichtbaren Einheit in versöhnter Verschiedenheit" seien zwar noch da, aber "sie sind überwindbar und nicht notwendigerweise kirchentrennend", freute sich der Ratsvorsitzende. Das Ziel sei weiterhin, "auf der Basis der einen Taufe die eine Kirche des einen Herrn zu werden".

Eine Kirche allerdings, die jüngere Menschen immer weniger erreicht, wie der Ratsvorsitzende erkannte. Bedford-Strohm sprach zwei Mittel an, wie junge Menschen in der evangelischen Kirche eine stärkere Rolle spielen konnten: eine Jugendquote, wie in der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Namibia, auch für evangelische Gremien – und eine stärkere Wahrnehmung von Kirche als digitalem Netzwerk statt als ortsgebundene Institution. "Erschließt sich die Kirche den digitalen Raum nicht, verpasst sie einen entscheidenden Lebensraum junger Menschen", sagte Bedford-Strohm. "Digitalisierung ist viel mehr als Öffentlichkeitsarbeit und Social Media", ergänzte er bei der anschließenden Pressekonferenz. Dort bekräftigte der Ratsvorsitzende noch einmal, dass die evangelische Kirche als ganze in diesem Bereich Nachholbedarf hat, auch bei der ethischen Bewertung. Mit den Mitteln der Digitalisierung solle die Kirche "möglichst nah bei den Menschen" sein, aber immer unter Berücksichtigung ihrer Privatsphäre.

Deutlich wurde insgesamt, dass Bedford-Strohm das schwierige und arbeitsintensive Jahr 2017 als großen Schwung für die Zukunft der evangelischen Kirche wahrnimmt. Wie das die EKD-Synode sieht, werden die Synodalen bei ihrem eigenen Rückblick auf das Reformationsjubiläum im Laufe der Tagung am Montag diskutieren. Der Ratsvorsitzende jedenfalls sieht zwischen der guten Arbeit mit Flüchtlingen und den übervollen Kirchen am Reformationstag der Zukunft positiv entgegen – einen "Reformationskater" hat er nicht.

Den Facebook-Livestream vom mündlichen Bericht des Ratsvorsitzenden gibt es auf Facebook zum Nachschauen.