Die Bibel als Seifenoper und Quotenhit

Statisten in biblischen Kostümen bei Dreharbeiten zu "Das gelobte Land"

Foto: Isabela Pacini

Statisten bei Dreharbeiten zu "Das gelobte Land"

In Brasilien ist die Bibel wieder zum Bestseller geworden. Nicht das Buch, sondern die recht reißerische Darstellung von historischen Episoden des Alten Testaments in Telenovelas, den in ganz Lateinamerika sehr beliebten Seifenopern. "A Terra Prometida – Das gelobte Land" nennt sich der neue Telenovela-Hit, der seit Mitte des Jahres 2016 jeden Tag zur besten abendlichen Sendezeit über die Bildschirme flimmert.

Millionen Brasilianer begleiten den Kriegsherren Josua, der über 1.000 Jahre vor Christi Geburt das Schicksal der Israeliten in die Hand nimmt. Er soll die zwölf Stämme Israels einen und nach Kanaan führen. Die Schlachten bilden allerdings nur die bilderreiche Kulisse für Intrigen und Liebesgeschichten, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Josua verliebt sich in die junge, mutige Aruna, doch die eifersüchtige Samara schafft es mit Hilfe der Mutter, ihren Platz an seiner Seite zu verteidigen. Weitere Liebesdramen prägen das Geschehen, es geht um Hinterlist, Mord, Herzschmerz und Vergebung. Und um unterschwellige moralische Botschaften, denn der Fernsehsender "Record", der "Das gelobte Land" produziert und ausstrahlt, gehört der evangelikalen Universalkirche, der Igreja Universal do Reino de Deus (IURD).

Laut Regisseur sind lediglich 15 bis 20 Prozent der Geschichte vom Autor kreiert. Die restlichen 80 Prozent sind angeblich originalgetreu aus der Bibel entnommen worden. 130 Kapitel, also Folgen, gibt es. Die Produktion jedes Kapitels kostet rund 180.000 Euro.

Alexandre Avancini, Regisseur von "Das gelobte Land"

Der Erfolg beim Publikum ist so groß, dass der Sender bereits die nächste Produktion einer biblischen Geschichte mit dem Titel "Der Reiche und Lazarus" plant.

80 Prozent Original-Inhalt aus der Bibel

Den Durchbruch dieser neuen biblische Teledramaturgie hat der Sender Record allerdings der Novela "Die zehn Gebote" zu verdanken. Sie wurde in den Jahren 2015/2016 ausgestrahlt und erzählte die Geschichte von Moses von seiner Geburt bis zu seiner Reise in das gelobte Land.

Innerhalb weniger Wochen wurde sie zum Rekordhalter bei den Einschaltquoten. Zum ersten mal seit über 40 Jahren gelang es einem Fernsehkanal, den unumstrittenen Marktführer "Globo" zu schlagen: "Os Dez Mandamentos" wurde von mehr Menschen eingeschaltet als die Hauptnovela von "Globo" zur gleichen Uhrzeit.

Viele brasilianische Familien schauen täglich gemeinsam "Das gelobte Land"

Telenovelas sind seit Jahrzehnten Teil des kulturellen Selbstverständnisses der brasilianischen Gesellschaft. Die Menschen kennen die gerade wichtigen Novela-Themen oft besser als das Geschehen in der nationalen Politik. Wenn eine Novela besonders gut einschlägt, ist sie in aller Munde, und es bilden sich richtige Public-Viewing-Zirkel. Schnell entstehen Gespräche zwischen Menschen, die sich noch nie gesehen haben, und hitzige Diskussionen über Charaktere und Schauspieler sind überall zu belauschen. Die Thematik variiert je nach Sendezeit – mal werden die alten Zeiten porträtiert mal geht es um regionale, humoristische oder auch dramatische Themen.

Eine brasilianische Telenovela dauert etwa sechs Monate. Die Seifenopern sind fester Bestandteil des Alltags der meisten Brasilianer, unabhängig von Alter oder sozialer Klasse. Einige sagen sogar, dass soziale Barrieren schmaler werden, wenn die laufende Novela zum Thema wird. Plötzlich können sich Angestellte und Chef, Enkel und Oma, Arme und Reiche bestens miteinander unterhalten.

Bibel-Telenovelas als konservative Innovation

Schon vor einigen Jahren begann der Trend, die Probleme der Großstädte zu thematisieren. Gewalt, Sex und Prostitution gehört seitdem in jede Novela. Oft wurden auch moderne, geradezu kritische Themen in den Mittelpunkt gerückt. Immer öfter ging es um Genderfragen, homosexuelle und dunkelhäutige Persönlichkeiten wurden ein Muss jeder erfolgreichen Produktion. Diese Tendenz, die durchaus mit einer Phase fortschrittlicher nationaler Politik einherging, brachte aber ein Teil des Publikums auf die Barrikaden. Telenovelas sind schließlich elementarer Teil des Familienprogramms und oft der gemeinsamen Abendgestaltung insbesondere in wertkonservativen Kreisen. Es war der Moment, auf den Record gewartet hatte: Die Mischung aus Unterhaltung, ein wenig Spannung, christlichen Werten und biblischen Themen war eine Innovation, die bald nicht nur in konservativen Kreisen sehr gut ankam und dem Telenovela-Phänomen in Brasilien eine neue Wende gab.

Bildergalerie
Bibelsoaps in Brasilien: "Das gelobte Land"
Dreharbeiten zur Bibelsoap "Das gelobte Land"

Die Rückbesinnung auf traditionelle Themen und Werte bei der Novela-Produktion wirkt wie eine Begleiterscheinung des politischen Rechtsrucks, der sich in diesem Jahr mit der heftig umstrittenen Amtsenthebung von Dilma Rousseff auch in Brasilien durchgesetzt hat. Im Mediensektor steht sie für die Festigung religiöser Anbieter und des Konzepts der evangelikalen Kirchen, das Fernsehen zur Erweiterung ihrer Anhängerschaft zu nutzen. Experten zufolge investieren die unzähligen Pfingst- und Neopfingstkirchen - zu letzteren gehört die IURD - enorme Summen in ihre Medienpräsenz.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind in Brasilien religiöse Sendungen, Predigten, Gottesdienste oder Beratungssendungen zu empfangen, zumeist über die terrestrisch ausgestrahlten Kanäle. Aufgrund ihres Erfolgs sind die biblischen Telenovelas nun kein Zuschussgeschäft mehr. So sind die Evangelikalen weiter auf dem Vormarsch. In Brasilien, dem immer noch größten katholischen Land weltweit, macht ihre Anhängerschaft inzwischen knapp 30 Prozent der Bevölkerung aus. Und auch "Das gelobte Land" trägt seinen Teil dazu bei.

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