"Die helfende Tat ist die Predigt, die jeder versteht"

Ernst Jakob Christoffel 1938 mit dem Sohn eines armenischen Kochs.

Foto: epd-bild/CBM

Ernst Jakob Christoffel 1938 mit dem Sohn eines armenischen Kochs.

"Die helfende Tat ist die Predigt, die jeder versteht"
"Vater der Blinden, Taubstummen und Niemandskinder", steht auf einem Grabstein im iranischen Isfahan aus dem Jahr 1955. Begraben ist hier Ernst Jakob Christoffel, der Mann, nach dem heute eines der weltweit größten überkonfessionellen christlichen Hilfswerke für Blinde benannt ist.

Mit vier Brüdern und vier Schwestern wächst Ernst Jakob Christoffel in einer tief religiösen Handwerkerfamilie auf, die in der damals von Wuppertal ausgehenden Erweckungsbewegung beheimatet ist. Im Haus der Eltern, Christina und Louis Christoffel, gehen Missionare ein und aus  und es steht Rat- und Hilfesuchenden stets offen. Ganz im Rahmen dieser geistlichen Prägung gründet Ernst Jakob 1899 gemeinsam mit einem seiner Brüder den Jugendbund für Entschiedenes Christentum in seiner Heimatstadt Rheydt.

Seine eigene Entscheidung für den Glauben, so berichtet Christoffel später, sei in die 1890 Jahre gefallen, als die ersten Nachrichten von Massakern an den Armeniern nach Deutschland kamen und vor allem in evangelischen Kreisen eine Welle der Hilfsbereitschaft auslösten. "Dadurch wurde mein Blick auf den Orient gelenkt und der Wunsch wurde in mir wach, wenn es des Herren Wille wäre, ihm im Orient zu dienen", so Christoffel. Er sagt sofort zu, als das Schweizer Hilfskomitee für Armenien ihm, dem frisch gebackenen Absolventen des Predigerseminars in Basel, die Leitung von zwei nordosttürkischen Waisenhäusern für armenische Kinder anbietet. Einziger Hinderungsgrund: Der 28 jährige ist nicht verheiratet. Genau wie bei den Missionsgesellschaften der damaligen Zeit, will auch das Hilfskomitee nur einen verheirateten Mann aussenden. Das Hindernis ist beseitigt, als Christoffels Schwester Hedwig sich bereit erklärt, mit ihm nach Siwas auszureisen.

Vor Ort gehen den beiden die Augen für die bislang übersehene Not der medizinisch unversorgten und sozial geächteten Blinden auf. Für den Plan, ein Blindenheim zu gründen, findet sich jedoch in der Heimat keine unterstützende Missionsgesellschaft. Tatkräftig und mit ausgesprochenem Talent, Sponsoren zu finden, baut Christoffel bei seiner Rückkehr 1907 einen privaten Spenderkreis auf und absolviert einen Kurs in der Blindenanstalt in Zürich. Auch seine Schwester Hedwig lässt sich in der Blindenanstalt in Neuwied ausbilden.

Nach Ernst Jakobs Ordination im Herbst 1908 reisen die beiden nach Malatia im türkischen Kurdistan aus, einige Stunden vom Fluss Euphrat entfernt. Dort eröffnen sie ein kleines Blindenheim. Getreu ihrem Motto, niemanden abzuweisen, nehmen sie auch anders Behinderte und "Niemandskinder", das heißt Straßenkinder, auf. Im Heim leben armenische, türkische, kurdische, christliche und islamische Kinder gemeinsam. So setzen die Christoffels ein Zeichen für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religion und Herkunft. Weil das Haus auch armenischen Flüchtlingen Zuflucht bietet und weil Ernst Jakob Christoffel sich für die Kurden und die vom Völkermord bedrohte armenische Minderheit einsetzt, werden er und seine Schwester von den türkischen Behörden nach Ende des Ersten Weltkrieges ausgewiesen.

Angesichts der heutigen politischen Lage erscheinen Christoffels Einschätzung zur Lage der Kurden damals geradezu prophetisch: "Es ist ein Jammer um dieses Volk. Der Ruf nach einem unabhängigen Kurdistan wird nicht mehr zum Schweigen gebracht werden können."

Neuanfang im Iran

Nach Aufhebung des Einreiseverbots kehrt der zeitlebens unverheiratete Christoffel, der später drei seiner Schützlinge adoptierte, 1924 in die Türkei zurück. Seine Schwester Hedwig ist inzwischen in Deutschland verheiratet. Doch das Haus in Malatia ist verloren. Versuche, neu in Konstantinopel (ab 1930 Istanbul) zu beginnen, enden mit einem Verbot. Christoffel reist weiter in den Iran, das damalige Persien. 1925 und 1928 gründet er gemeinsam mit deutschen Mitarbeitenden in Täbris und Isfahan zwei Heime für blinde, behinderte und gehörlose Jugendliche.

Doch zunächst muss Christoffel mit seinen 50 Jahren noch einmal die Schulbank drücken. Er büffelt Persisch, Aserbaidschanisch und den armenischen Ararat-Dialekt. Er erfindet ein international anerkanntes Blindenalphabet in armenischer und persischer Sprache und auch mit seinen persischen und armenischen Lehrbüchern in Blindenschrift leistet er Pionierarbeit. Daneben widmet er sich der auch der Arbeit für Gehörlose, für die er erfolgreiche Lehr- und Lernmethoden entwickelt. Verstärkt kommen auch mittellose Frauen in den Blick.

Zunächst sorgt Christoffel mit seinem Einsatz für Blinde und anders Behinderte allerdings für Unverständnis und Verdächtigungen, die er selbst so schildert: "Einige hielten uns für verkappte Bolschewisten, andere glaubten, wir wollten uns durch die Arbeit der Blinden bereichern. Andere zweifelten an unserem gesunden Menschenverstand, da wir behaupteten, die Blinden lesen und schreiben zu lehren. [...] Dass der Blinde ein Recht auf Erziehung hat und seine Angehörigen in dieser Hinsicht Pflichten, dafür fehlt jedes Verständnis."

Mission im islamischen Kontext

Der in Isfahan gebürtige Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi (78), der selbst mit acht Jahren erblindete, erhielt seine Schulbildung im Blindenheim bei Christoffel. Von Haus aus Moslem, wurde er dessen letzter Täufling. Er führt die Wertschätzung, die Christoffel in der Bevölkerung schließlich doch erlebte, nicht zuletzt darauf zurück, dass Christoffel "im Glauben nicht so eng" gewesen sei. "Er hat geistliche Weite entwickelt und konnte durchaus auch das Gute im Islam sehen, ohne einen Hehl aus seinem eigenen Glauben zu machen", so der langjähriges Leiter des Berliner Blindendienstes, der heute in Berlin lebt. Unvergesslich bleiben für Abbas Schah-Mohammedi die Worte seines eigenen Vaters, der islamischer Geistlicher war. Der habe nach der Begegnung mit Christoffel gesagt, Allah werde für den  doch eigentlich "ungläubigen" Christoffel ein extra Haus zwischen Himmel und Hölle bauen, denn einer wie Christoffel könne unmöglich in die Hölle kommen.

Dennoch kann Christoffel die christliche Botschaft in dem islamisch geprägten Land nicht ungehindert predigen. Das ist verboten und gefährlich. So geht Christoffel seinen besonderen Weg. "Der Weg der Blindenmission ist das Zeugnis des Glaubens, der durch die Liebe tätig ist. Die Tat der Liebe ist die Predigt, die jeder versteht", ist er überzeugt. Innerhalb der Heime allerdings gibt es durchaus Hausandachten, Bibelstunden und Gottesdienste, deren Besuch aber stets freiwillig ist.

Ein weiterer Grundsatz ist Christoffel ebenso wichtig: Er lehnt es strikt ab, "zu forschen, ob der Empfänger der Hilfe wert sei oder nicht. Sooft ich auf diesen Grundsatz stoße, daheim oder draußen, empört sich etwas in mir. Was heißt es, einer Hilfe, einer Unterstützung Wert oder unwert sein? Wo wären wir, wenn Gott mit uns nach diesem Grundsatz verfahren würde?", fragt er.

Auch der Zweite Weltkrieg zerstörte wieder alles, was Christoffel aufgebaut hat. Während des Krieges, als der Iran von der Sowjetunion und Großbritannien besetzt ist, droht dem Deutschen die Ausweisung, aber er will seine Schützlinge nicht allein lassen. Christoffel wird 1943 verhaftet. Nach dreijähriger entbehrungsreicher Internierung kommt der Siebzigjährige 1946 frei – mit nichts als den Kleidern, die er am Leib trägt. Geblieben ist ihm die Treue zu seiner Berufung: Der vorbehaltlose Einsatz für Blinde und Hilfsbedürftige, die "weniger durch gelehrtes, als vielmehr durch vorgelebtes Christentum [...] zum ewigen Licht geführt werden" sollen.

Weil eine Rückkehr in den Orient unmöglich scheint, fällt Christoffels Augenmerk auf die Kriegsblinden im Nachkriegsdeutschland. "Nach 40 jähriger Tätigkeit unter Blinden im türkischen Kurdistan und Iran beabsichtigt die Mission eine Parallelarbeit an den deutschen Kriegsblinden zu eröffnen", heißt es in der Gründungsurkunde des später nach seinem Gründer benannten Nümbrechter Blindenheimes, dessen Grundstein Ernst Jakob Christoffel am 22.Mai 1949 selbst legt. 

1951 macht sich der kranke Christoffel erneut nach Isfahan auf, um zu tun, was er ein ganzes Leben lang als seine Aufgabe ansah: im Namen Jesu Behinderten, Armen und Verlassenen zu helfen und für ihre Menschenwürde und gesellschaftliche Integration einzutreten. Als er vier Jahre später im Alter von 78 Jahren stirbt, ist diese Arbeit nicht zu Ende. 1956 ändert die christliche Blindenmission im Orient ihren Namen und heißt zu Ehren ihres Gründers "Christoffel-Blindenmission" (CBM).

Die Verhütung und Heilung von Blindheit in der Dritten Welt ist bis heute Schwerpunkt der weltweiten Arbeit der Christoffel-Blindenmission. Heute gehören zehn weitere internationale Mitgliedsvereine dazu. Allein 2015 ermöglichte sie 460.000 Grauer Star-Operationen und rettete Menschen damit ihr Augenlicht. 28,4 Millionen Menschen bekamen Medikamente gegen die Augenkrankheiten Flussblindheit oder Trachom. Die CBM ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die führende Organisation im Bereich der Blindenheilung und Blindheitsverhütung.