Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe: "Das hat mich sehr aufgewühlt"

Anna Maria Mühe spielt Beate Zschäpe in der ARD-Filmreihe "Mitten in Deutschland: NSU"

Foto: SWR/Stephan Rabold

Anna Maria Mühe spielt Beate Zschäpe in der ARD-Filmreihe "Mitten in Deutschland: NSU".

Zehn Morde, mehrere Bombenanschläge und 15 Banküberfälle werden der terroristischen Vereinigung NSU zugeordnet. Die mutmaßlichen Haupttäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind tot, die Rechtsextremistin Beate Zschäpe steht seit Mai 2013 als Hauptangeklagte im NSU-Prozess vor Gericht. In der Spielfilm-Trilogie "Mitten in Deutschland: NSU" beleuchtet das Erste nun die Ereignisse in drei Teilen. Im Auftakt "Die Täter – Heute ist nicht alle Tage" (30. März, 20.15 Uhr) geht es um die Geschichte und die Hintergründe des NSU. Anna Maria Mühe spielt Beate Zschäpe und erzählt im Interview, wie sie sich ihrer Filmfigur genähert hat.

Frau Mühe, wie haben Sie sich auf die Rolle als Beate Zschäpe in der ARD-Filmtrilogie über die Terrororganisation NSU vorbereitet?

Anna Maria Mühe: Ich habe alles aufgesaugt, was man aufsaugen kann. Wir haben uns in der Vorbereitung gegenseitig unterstützt, Albrecht Schuch, Sebastian Urzendowsky und ich. Dadurch ist gleich ein großes gegenseitiges Vertrauen entstanden.

Ihre beiden Kollegen Schuch und Urzendowsky spielen die mutmaßlichen NSU-Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt…

Mühe: Wir haben viele Bücher gelesen und sämtliche Dokumentationen angesehen, uns mit dem ehemaligen Neonazi Ingo Hasselbach getroffen, der die Aussteiger-Organisation Exit gegründet hat, und mit dem Leiter des Jugendclubs in Jena, in welchem Zschäpe und die beiden Männer damals viel Zeit verbracht haben. Wir haben ein extremes Sport- und Ernährungsprogramm durchgezogen und den Prozess besucht.

Welchen Eindruck hatten Sie beim NSU-Prozess von der Hauptangeklagten Beate Zschäpe?

Mühe: Lassen Sie es mich so sagen: Für mich als Schauspielerin war es sehr schwierig, mich an diese Rolle heranzutasten, weil ich meine Figuren lieben will und verteidigen möchte. Das ist mir bei dieser Figur nicht leicht gefallen. Aber an dem Prozesstag gab es einen Moment, wo Beate Zschäpe einer Frau, die ihr gegenüber saß, ein Lächeln geschenkt hat. Das hat mir einen ersten Zugang ermöglicht.

Hätten Sie gerne mit ihr gesprochen, um ihre Handlungsweise irgendwie begreifen zu können?

Mühe: Ich hätte gerne mit ihr gesprochen. Nicht, um sie besser zu verstehen, das würde mir wohl nicht gelingen. Aber mich hätte der Mensch interessiert.

"Ich war mit mir am Hadern, ob man sowas spielen darf"

War es sehr bedrückend für Sie, sich in Beate Zschäpes Biographie und in die rechte Szene einzufühlen?

Mühe: Die intensive Beschäftigung mit der Szene lässt einen nicht kalt. In der Vorbereitung gab es auch Tage, wo es mich wirklich sehr aufgewühlt hat. Aber ich wusste mich bei Regisseur Christian Schwochow in sicheren Händen. Dies war unser dritter gemeinsamer Film, unsere Vertrauensbasis ist stark, was für eine so intensive Arbeit wichtig ist.

Wie aufwendig war Ihre äußere Verwandlung in Beate Zschäpe?

Mühe: Ich hatte eine ganz tolle Maskenbildnerin, wir haben mit zwei verschiedenen Perücken gearbeitet, um die Zeitspanne erzählen zu können, in der unser Film spielt. Trotzdem hat meine Maskenzeit am Morgen nicht länger gedauert als sonst auch.

Haben Sie lange überlegt, ob Sie diese Rolle annehmen sollen?

Mühe: Es war keine Rolle, die mir sofort angeboten wurde, sondern ich wurde ganz normal zum Casting eingeladen. Ich war mit mir am Hadern, ob man sowas spielen darf. Zu einem Zeitpunkt, wo das alles so aktuell ist, wo der Prozess noch läuft. Ob man diesen Menschen damit nicht zu viel Raum gibt. Auf der anderen Seite müssen wir da alle hinschauen, und am Ende bin ich eine Schauspielerin, die sich wünscht, mit ihren Figuren immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt zu werden – und das hat diese Rolle definitiv getan.

Gab es auch die Befürchtung, dass der Film zu viel Verständnis für diese Menschen wecken könnte, indem man ihre Biographien auffächert?

Mühe: Nein, wir sind ein fiktionaler Film. Aber wir provozieren sicherlich, indem wir ganz klar zeigen: Kein Mensch ist böse geboren.

Haben oder hatten Sie Angst, mit dieser Rolle Anfeindungen aus der rechten Ecke auf sich zu ziehen?

Mühe: Angst ist mir ein zu großes Wort. Aber es wird in den Tagen der Ausstrahlung ein mulmiges Gefühl bei mir geben, wie ich es auch von den Dreharbeiten noch kenne.

Wurde unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen gedreht?

Mühe: Ja. Bis zum letzten Drehtag wusste niemand, was wir da tun, auch niemand von der Presse. Als wir in Jena gedreht haben, haben wir immer behauptet, wir machen einen Krimi. Und bis zur letzten Klappe wusste auch niemand, wer die Beate Zschäpe spielt.

Welche Gedanken sind in Ihnen bei der Beschäftigung mit der Thematik aufgekommen?

Mühe: Für mich ist die größte Frage: Wie konnte das über zehn Jahre lang in Deutschland geschehen? Teilweise unter den Augen des Verfassungsschutzes. Das finde ich unglaublich.

Sind Sie stolz, mit der Filmtrilogie einen Teil zur Aufarbeitung dieser Vorgänge beitragen zu können?

Mühe: Wie viel die Filme zur Aufarbeitung beitragen, kann ich nicht einschätzen, aber ich bin stolz, bei dieser mutigen Filmtrilogie dabei sein zu dürfen.