Lisa Wagner als Beate Zschäpe: "Diese Leute leben mitten unter uns"

Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe

Foto: ZDF/Janett Kartelmeyer

Das Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe" (26.1., 20.15 Uhr, ZDF) versucht eine Annäherung an die Beate Zschäpe: Während der Untersuchungshaft im Sommer 2012 durfte Zschäpe ihre kranke Großmutter in Thüringen besuchen und wurde dabei von Ermittlern begleitet. Die Beamten verfassten nach der Fahrt ein Gesprächsprotokoll, das als Grundlage für das Drehbuch diente. Beate Zschäpe wird von Lisa Wagner verkörpert, bekannt aus der Krimireihe "Kommissarin Heller".

Seit Mai 2013 steht Beate Zschäpe als Hauptangeklagte im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München. Ihr wird vorgeworfen, sich als mutmaßliches Mitglied der terroristischen Vereinigung NSU an der Ermordung von zehn Menschen und zwei Sprengstoffanschlägen beteiligt zu haben. Zschäpe schweigt vor Gericht beharrlich, erst im Dezember 2015 verlas ihr Pflichtverteidiger ein erstes Statement, in dem sie die Beteiligung an den Morden und Attentaten zurückwies.

Frau Wagner, Sie spielen in einem ZDF-Dokudrama die Rechtsextremistin Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess. Was war der Grund für Sie, diese Rolle anzunehmen?

Lisa Wagner: Mir ging es darum, das Warum zu verstehen: Wie konnte es dazu kommen und wie kann man so etwas in Zukunft verhindern? Es ist eine spannende Thematik, mit der man sich auseinandersetzen muss, das hat auch mit der deutschen Geschichte zu tun.

Hatten Sie Gelegenheit, dem Prozess beizuwohnen?

Wagner: Ja, ich habe mir das einen Tag lang angeguckt, da ist aber ehrlich gesagt nicht so viel passiert. Mir war vorher nicht klar, dass bei einer Verhandlung ein riesiger bürokratischer Aufwand betrieben wird, es werden zum Beispiel ellenlange Protokolle verlesen.

Hat es Ihnen trotzdem dabei geholfen, sich ein Bild von dieser Frau zu machen, die in der Öffentlichkeit und vor Gericht schweigt?

Wagner: Das schon. Ich hatte den Eindruck, sie zieht sich in sich zurück. Sie hat zwar immer diese hochgeföhnten Haare, man merkt, dass ihr das wichtig ist, und sie weiß, dass sie da im Zentrum steht. Aber sie macht sich sehr klein im Raum, und als ich dabei war, hat sie auf der Seite, wo die Zuschauer sitzen, immer das Gesicht mit dem Haar bedeckt.

"Es ging darum, jemanden anwesend zu machen, der versucht, nicht anwesend zu sein"

Worauf kam es Ihnen als Schauspielerin bei der Darstellung der Beate Zschäpe an?

Wagner: Es ging darum, jemanden anwesend zu machen, der versucht, nicht anwesend zu sein. Mir und dem Regisseur Raymond Ley ging es darum, ein besseres Gespür für diese Frau zu kriegen, die sich weigert, zu reden. Steckt hinter diesem Schweigen ein komplexer Charakter? Wie tickt die, wie versucht sie, den Gerichtsapparat zu ihrem Vorteil zu manipulieren? Was ist das, was nicht zu greifen ist, weil sie sich entzieht?

Befürchten Sie denn nicht, beim Zuschauer durch ihr Eintauchen in den Charakter Sympathie für Beate Zschäpe zu wecken?

Wagner: Aber gerade das ist doch interessant! In der ersten Sekunde sieht sich der Zuschauer das an und denkt: "Mit der hab ich doch im Leben nichts zu tun." Aber im nächsten Moment merkt er: "Ach guck mal, so ein Mädel von nebenan, da kann ich ja einiges nachvollziehen, das ist ja gruselig." Diese Leute leben mitten unter uns, das schiebt man gerne so ganz weit von sich weg. Aber das sind ja auch Menschen, die mit einem zu tun haben, und da ist es gut, wenn man hinguckt. Es ist doch in den seltensten Fällen so, dass jemand keine einzige Facette hat, die einem sympathisch ist.

Und welcher Wesenszug wäre das bei Beate Zschäpe?

Wagner: Ich hatte bei der Beschäftigung mit ihrer Biographie den Eindruck einer verlorenen Seele. Wie sie in der eigenen Familie rumgereicht wurde in ihrer Kindheit, ihr enges Verhältnis zur Oma –das sind Punkte, die kann ich nachvollziehen, da kann ich mitgehen. Von Sympathie möchte ich in dem Zusammenhang aber nicht reden.

"Da darf man keinen Millimeter weichen"

Als Zuschauer gehen einem die Momente des Dokudramas besonders an die Nieren, in denen die Angehörigen der Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds vor Gericht aussagen. Welche Szene ist Ihnen am schwersten gefallen?

Wagner: Wir haben drei Tage lang diese Gerichtsszenen gedreht, und im Nachhinein betrachtet war ich da in einem Tunnel. Ich habe drei Tage lang nicht gemerkt, dass wir in einer früheren Kirche sitzen, ich habe alles ausgeblendet. Das war zwar eine gestellte Situation, trotzdem fand ich das Leid, das die Kollegen da gespielt haben, sehr ergreifend. 

Hätten Sie sich zur Vorbereitung auf die Rolle gerne mit ihr getroffen?

Wagner: Nein. Daran hätte ich kein Interesse gehabt.

Haben Sie eigentlich gar keine Angst, durch diese Rolle ins Visier rechtsextremer Spinner zu geraten?

Wagner: Das ist doch genau die Frage, die sich in Zeiten wie diesen immer stellt: Gehe ich noch raus oder bleibe ich daheim? Lasse ich mich beeindrucken oder nicht? Gibt es noch Karikaturisten oder schaffen wir sie gleich ganz ab? Das ist die Frage, und da darf man keinen Millimeter weichen.

Was glauben Sie, wie der Prozess ausgehen wird?

Wagner: Dass es einen Schuldspruch geben wird, hat Beate Zschäpe mittlerweile ja wohl selber gecheckt, sonst hätte sie nicht in letzter Minute diese Stellungnahme abgegeben. Das hat sie meines Erachtens nur gemacht, um das Strafmaß zu mindern. Unser Film war übrigens genau an dem Tag im Dezember fertig, als die Aussage von ihr verlesen wurde.