Christen stehen weltweit unter Druck

Verfolgte Christen

Foto: Olivier Jobard/MYOP/laif

Bruder Sebastien vom Kloster der Jungfrau Maria bietet in der autonomem Region Kurdistan im Irak Christen Zuflucht. Diese sind auf der Flucht vor der Terrorgruppe ISIS.

Christen stehen weltweit unter Druck
Christen werden verfolgt und getötet, wie der Terroranschlag in Pakistan am Ostersonntag erneut zeigte. Wie viele tatsächlich aufgrund ihres Glaubens bedroht werden, darüber sei man sich uneinig, sagt Thomas Volk, Koordinator für Islam und Religionsdialog bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Er spricht sich für das universelle Menschenrecht der Religionsfreiheit aus.

Ein Thema der Konrad-Adenauer-Stiftung ist die Bewahrung der Religionsfreiheit als eines der universell geltenden Menschenrechte. Die CDU-nahe Stiftung setzt sich jährlich in Publikationen mit der Situation verfolgter Christen auseinander. Doch damit ist sie nicht alleine. Auch evangelikal und erzkatholisch einzuordnende Werke verweisen seit Jahren auf die steigende Zahl verfolgter Christen in der Welt. Doch welchen Darstellungen und Zahlen ist zu trauen? In der aktuellen Analyse "Christen unter Druck? - Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ist nicht verhandelbar" versucht sich Thomas Volk, Koordinator für Islam und Religionsdialog bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin, in einer Einschätzung.

"Religionsfreiheit ist ein universelles Menschenrecht, das für alle gilt. Wir stellen zum wiederholten Male fest, dass Christen weltweit die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft sind. Christen sind Opfer von Schikanen, Diskriminierungen, Bedrängung und Verfolgung", fasst Autor Thomas Volk zusammen. Seine Ergebnisse sind eindeutig: Mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern, in denen die Religionsfreiheit eingeschränkt wird. Mit der Verletzung der Religionsfreiheit geht häufig auch die Verletzung weiterer Grund-und Menschenrechte einher. Religionsfreiheit wird durch staatliche Repressalien wie zum Beispiel Blasphemiegesetze bedroht. So können Kirchen und Kapellen oft gar nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen gebaut oder in Stand gesetzt werden. Zu nennen sind auch Aktivitäten extremistischer Gruppen gegen religiöse Minderheiten. Dabei stützt sich die Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung auch auf Materialien und Aussagen privater christlicher Hilfs-Organisationen, etwa der katholischen "Kirche in Not" und der evangelikalen "Open Doors"-Initiative. Beim Thema Christenverfolgung könne man deren Aussagen nicht ignorieren.

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"Sie kommen gar nicht mehr darum herum, sich auch mit Open Doors auseinander zu setzen, die in den vergangenen Jahren mit ihrem Weltverfolgungsindex eine große Resonanz erfahren haben und ein Stück weit den Ton angeben. Das sollte alle anderen Forschungseinrichtungen animieren und motivieren, empirisch seriöseres Material zur Verfügung zu stellen", meint Thomas Volk

An der Spitze der 50 von Open Doors im Weltverfolgungsindex angeprangerten Staaten stehen Nordkorea, Irak, Eritrea, Afghanistan und Syrien. Zu kritisieren ist aber, dass Open Doors unterschiedslos alle Arten der Diskriminierung - von Behinderung bei der Berufswahl über Beleidigungen bis zu körperlichen Bedrohungen und Überfällen auf Kirchen - in ihr Ranking einfließen lässt. Doch bei aller mangelnden Differenzierung bescheinigt Thomas Volk dem evangelikalen Hilfswerk ein ernstzunehmendes Engagement: "Wir sehen in dem Bericht von Open Doors, dass es auch anderen Religionsgemeinschaften schlecht geht, zum Beispiel Muslimen in Indien, wo wir eine starke Zunahme hindu-nationalistischer Strömungen sehen. Aber Open Doors versteht sich vor allem als Lobbyist von Christen weltweit. Christen geht es in vielen Ländern des Nahen Ostens immer schlechter, wo ein Exodus des Christentums bevorsteht. Andererseits ist die  Situation der Christen südlich der Sahara zu nennen. Und das sind Entwicklungen, die auch andere Institutionen so feststellen. Von daher hat es weniger mit Open Doors als vielmehr mit einer wirklichen Verschlechterung der Situation zu tun."

"In Europa ist keine Gruppe so eingeschränkt wie die Juden"

Denn es gebe auch andere Quellen, die eine wachsende Missachtung von Religionsfreiheit bestätigen. Und nicht nur Christen, auch andere Glaubensgruppen werden zunehmend drangsaliert, wie das privat finanzierte Pew-Meinungs-Forschungszentrum in Washington meldet. Vor allem Juden würden demnach im weltweiten Vergleich besonders von Bedrängung, Diskriminierung und Schikanen betroffen sein. Das Pew-Institut hat in seinem letzten auf 2015 bezogenen Forschungsbericht klar gemacht, dass von den 198 untersuchten Ländern Christen in 102 Ländern in ihrer Freiheit und Glaubensausübung eingeschränkt würden, direkt gefolgt von Muslimen, die in 99 Ländern eingeschränkt würden. Und das pew-Institut hat auch deutlich gemacht, dass Juden, obwohl sie nur 0,2% der Weltbevölkerung darstellen, in 77 Ländern eingeschränkt würden. Juden würden vor allem in europäischen Staaten verstärkt eingeschränkt.

"In 2013 wird sogar von einem 7-Jahres-Hoch der Beschränkung des jüdischen Glaubens in Europa gesprochen und dass in Europa keine andere Gruppe so sehr eingeschränkt sei wie Juden", erklärt Volk.

Gegen die nach Religionen getrennte Unterbringung von Flüchtlingen

Es mehrten sich zudem Berichte über Einschränkungen von christlichen, vorwiegend zum Christentum konvertierten Flüchtlingen in deutschen Asyl- und Erstaufnahmeeinrichtungen. Das sei ernst zu nehmen. Daraus aber den Schluss zu ziehen, nun die Flüchtlinge nach Religionen zu trennen, hält die Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung für falsch.

"Das Papier versteht sich als Plädoyer für die Religionsfreiheit und sieht daher eine nach Religionen getrennte Unterbringung von Flüchtlingen als das falsche politische Signal an, weil in Deutschland die Religionsfreiheit garantiert wird und sich auch in Asyl- und Flüchtlingsunterkünften die Menschen direkt an dieses Grundrecht anpassen müssen", fordert Volk.

Insgesamt gebe es Verbesserungsbedarf bei der Wahrnehmung und Erfassung religiöser Diskriminierung in Deutschland und in der Welt. Eine Aufgabe der Politik könnte es da sein, Verstöße gegen das Grundrecht auf Religionsfreiheit künftig nicht nur besser zu ahnden, sondern auch zu dokumentieren. Autor Thomas Volk: "Es gibt nur wenig empirisch seriös belegbare Daten. Das ist eine Handlungsempfehlung, eine Datenbank zu erstellen, die religiös motivierte Attacken wie Vandalismus et cetera erfasst. Das gibt es schon bei jüdischen Einrichtungen und es wäre überlegenswert, ob das nicht auch für christliche und muslimische Einrichtungen in Deutschland von Nutzen wäre, damit man sich nicht auf dubioses und mitunter populistisches Quellenmaterial verlassen muss."