"Wir sitzen alle in einem Boot"

Pfarrer in Nida, Litauen

Foto: Karen Anke Braun

Ein Kurenkahn im Kurichen Haff bei Nida (Litauen)

"Wir sitzen alle in einem Boot"
Pfarrer Axel Luther betreut Deutsche auf der Kurischen Nehrung
Axel Luther ist deutscher Urlauberseelsorger im litauischen Nida (früher Nidden) auf der Kurischen Nehrung. Dieses Jahr musste er vor allem für Flucht und Vertreibung nachdenken - beides gab es auch in der Geschichte von Nida.

Es ist ein Bilderbuchidyll: Wenn die Sonne in der Ostsee versinkt, ist ihr rötlicher Schein auch über dem gegenüberliegenden Haff zu sehen. Schwäne gründeln nach Futter, Graureiher stehen im Schilf, und wer Glück hat, sieht einen der wenigen nachgebauten Kurenkähne bei der Abendausfahrt. Die Urlauber kehren vom Strand oder von ihren Ausflügen heim, und manch einer hat wohl auch die alte, schön restaurierte evangelische Fischerkirche besucht, die fast wie eine kleine, trutzige Backsteinfestung auf einer kiefernbewaldeten Düne am Rande von Nida thront.

Trutzig auf der Düne: die alte Fischerkirche
Schon seit fünf Jahren ist hier allsommerlich für einige Wochen der Arbeitsplatz des pensionierten Pfarrers Axel Luther (72) und seiner Frau Gisela aus Berlin-Heiligensee. "Wir haben uns die kurische Malaria eingefangen", sagt Luther lachend. "Das ist eine dauerhafte, unheilbare Sehnsucht nach dieser wunderschönen Landschaft. Und die kann nur kuriert werden, wenn wir jedes Jahr mindestens einmal herkommen."

Deutsch, litauisch, deutsch, litauisch

Die Luthers wohnen gemeinsam mit der Familie ihres litauischen Kollegen im geräumigen alten evangelischen Pfarrhaus. Ihre Dienste richten sich an die Touristen aus Deutschland und der ganzen Welt. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten bieten sie jeden Vormittag Kirchenführungen an, die der Pfarrer schmunzelnd "getarnte Andachten" nennt. Auch kümmern sie sich um die seelsorglichen Bedürfnisse der Reisenden und hören dabei so manche Geschichte aus der bewegten Vergangenheit der kurischen Nehrung.

Innenansicht der Fischerkirche
"Nida war deutsch, litauisch, dann wieder deutsch, und gehört jetzt endgültig zu Litauen", erklärt Axel Luther. "Noch immer kommen alte Leute hierher, die hier geboren und Ende des zweiten Weltkriegs vertrieben worden sind. Aber manche Deutschen sind damals auch geblieben oder wiedergekommen, zumindest für eine Weile. Eine hochbetagte Dame, die nach dem Krieg hier ihre Jugendliebe wiedergetroffen und geheiratet hat, kehrt immer noch jeden Sommer mit ihren Kindern zurück, obwohl mittlerweile die gesamte Familie in Deutschland lebt. Es ist halt die Heimat. Und manchmal finden sich in der Kirche sogar Menschen per Zufall wieder, die sich seit Jahrzehnten nicht gesehen haben."

Alte Heimat, neue Heimat

Eine neue Heimat in Litauen fanden nach dem Krieg auch etliche der sogenannten "Wolfskinder", deren Eltern im ehemaligen Ostpreußen umgekommen oder ermordet worden waren. "Wir haben in Klaipeda, dem früheren Memel, einmal einen Taxifahrer getroffen", erinnert sich Luther.

Axel Luther
"Er hat uns erzählt, dass er so ein deutsches Kind war. Litauische Bauern haben ihn und einige anderen Halbwüchsigen aufgenommen und großgezogen. Er hätte später nach Deutschland auswandern können, aber er hat es ganz bewusst nicht getan. Weil er jetzt hier zu Hause ist und seine alten Pflegeeltern nicht im Stich lassen will. So gibt er die Liebe, die er empfangen hat, zurück."

Wenn die Eheleute Luther nach einem ereignisreichen Tag in ihr Quartier zurückkehren, duftet der Kiefernwald durch das Fenster, aber der Fernseher bringt auch die Sorgen und Krisen der Welt hinein. Die Umstände von Flucht und Vertreibung mögen anders sein als damals im zweiten Weltkrieg, die Schicksale der betroffenen Menschen jedoch ähneln sich. Auch heute erleben sie den Verlust der alten Heimat und die Hoffnung, in der Fremde ein neues Zuhause zu finden. "Das bewegt mich sehr", sagt Axel Luther. "Wir sitzen hier in der friedlichsten Idylle, doch nur einige hundert Kilometer entfernt flüchten Menschen um ihr Leben. Wir dürfen das keinesfalls ausblenden."

Den Auftrag Jesu wörtlich nehmen

Ratschläge erteilen kann und will der Pfarrer nicht, er erinnert jedoch – besonders auch in den Gottesdiensten – immer wieder an den ebenso pragmatischen wie notwendigen Auftrag der Kirche. "Jesus hat gesagt: 'Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan'. Das müssen wir ganz wörtlich nehmen. So, wie es uns jeweils möglich ist. Es gibt so viele verschiedene Arten der Hilfeleistung."

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Pfarrer Luther selbst hat damit reiche praktische Erfahrung. Schon in den frühen 1980er Jahren organisierte er ein Hilfs- und Partnerschaftsprogramm für polnische Gemeinden und traf in diesem Zusammenhang im Jahr 1997 beim Eucharistischen Weltkongress der katholischen Kirche in Breslau auf den damaligen Papst Johannes Paul II.

"Wir kamen ins Gespräch und haben uns eine ganze Weile ausgetauscht. Es ging dabei auch um das Thema Ökumene. Der Papst sagte zu mir den denkwürdigen Satz 'Wir sitzen alle in einem Boot.' Ich denke, den kann man getrost auch auf die heutige Situation in der Welt übertragen."