"Kirchliche und gesellschaftliche Positionen vermitteln"

Jutta Henrich

epd-bild/Norbert Neetz

Jutta Henrich

"Kirchliche und gesellschaftliche Positionen vermitteln"
Was treibt Menschen an und um, die erstmals Mitglied in der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland sind? Welche Herausforderungen sehen sie, welche Erfahrungen bringen sie mit und welche Hoffnungen haben sie? Zum Beispiel Jutta Henrich. Sie studierte zuerst Evangelische Theologie in Tübingen und im Anschluss Bibliothekswesen. 1979 machte sie den Abschluss als Diplombibliothekarin. Später absolvierte sie noch ein Kontaktstudium Erwachsenenbildung an der PH Weingarten. Ihre erste Stelle als Bibliothekarin bekleidete sie beim evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart. 1980 - 1991 war sie in Elternzeit, danach leitete sie zehn Jahre lang die Kommunale Gemeindebibliothek Baienfurt. Im Anschluss arbeitete sie im Buchhandel in Ulm und seit 2007 ist sie in der Stadtbibliothek Laupheim tätig. Sie ist in der zweiten Legislaturperiode Mitglied der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, für die sie auch in der EKD-Synode ist. Ihren Beruf erlebt sie als sehr ausgleichend – "auch als Erholung von der Kirchenpolitik immer wieder." Sie ist verheiratet (mit einem Pfarrer i. R.), hat vier große Kinder und ein Enkelkind.

"Mein Weg zur EKD-Synode war eher eine Reihe von Zufällen und Wendungen als eine geplante Reise. In Württemberg gibt es die sogenannte "Urwahl", deswegen geht der Weg in die Synode nicht zwingend über Kreis- oder Bezirkssynoden.

Ich bin Immer eine Kirchenfrau gewesen, war sehr aktiv in der Frauenarbeit, später dann auch in der Erwachsenenbildung (dies ist eines meiner "Spezialgebiete"). In Württemberg haben wir eine Art Parteiensystem: Die "Gesprächskreise". Von der Gruppe, der ich schon immer - zumindest sympathisierend - angehöre, der "Offenen Kirche" bin ich dann eines Tages angefragt worden, ob ich für die Landessynode für meinen Bezirk kandidieren würde. Es war für mich schon verlockend, noch einmal eine andere Ebene kennenzulernen und vielleicht die Anliegen auch dort zu vertreten. Tatsächlich bin ich dann gewählt worden, obwohl ich noch relativ neu in der Gegend war - weil man ja als Pfarrfamilie in der Regel auch ziemlich "nomadisiert". Nach sechs Jahren Arbeit in der Landeskirche und auch in der Leitungsebene in unserem Gesprächskreis bin ich dann wieder aufgestellt worden - wieder für einen anderen Bezirk – und auch tatsächlich wieder gewählt worden.

Eine tolle Chance

Die Delegation in die EKD-Synode ist dann eher "ausgehandelt" worden. Das geht bei uns nach Proporz - je nach Stärke der Vertretung des Gesprächskreises, dem man angehört: Die "Lebendige Gemeinde" als stärkste zum Beispiel stellt vier, die "Offene Kirche" drei und "Evangelium und Kirche" eine Delegierte. Es wurde besprochen: Wer hat Zeit, wer hat Lust...? Und ich fand das schon reizvoll. Württemberg ist zwar toll, auch als Ort zum Leben - aber wir müssen schon ab und zu über unseren Tellerrand schauen. Wenn wir das dann dürfen, ist das schon eine tolle Chance. 

Ich bin eine sehr volkskirchlich geprägte Person. Ich finde es gut, wenn sehr unterschiedliche Menschen in einer Gemeinde sind und habe überhaupt nichts übrig für kleine, erlesene Grüppchen. Ich komme aus einer kleinen Stadt, 20.000 Einwohner, bin sehr zufrieden mit meinen Ortspfarrerinnen und -pfarrern, dort findet eine recht "normale" Arbeit statt. In Württemberg sind die Strukturen eben auch noch vergleichsweise "klassisch": Frauenarbeit, Männerarbeit, Kirchenmusik... In den Städten gibt es dann schon eher so Sachen wie "Vesperkirchen" - also auch Arbeit mit Bedürftigen und der Kirche ferner Stehenden.

Es ist biblisch begründet, Flüchtlingen zu helfen

Was jetzt bei uns besonders spannend ist - und gerade im Anlaufen - ist die Arbeit mit den zahlreichen neu angekommenen Flüchtlingen. Unsere Landeskirche hat da Mittel bereitgestellt, wir können Diakoninnen und Diakone einstellen zur Betreuung der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Gerade kürzlich haben wir in unserem Bezirk eine Diakonin eingeführt. Aber ich denke, das wird kein Spaziergang, weil jetzt zum Beispiel eine neue Flüchtlingsunterkunft kommen soll und es da Leute gibt, die das gar nicht gut finden. In dieser Gemeinde erlebe ich das so jetzt das erste Mal, dass eine Herausforderung von außen kommt, die einfach neu ist und über das Übliche hinaus- geht. Das finde ich aufregend.

Ich finde, die EKD-Synode sollte klar stellen, dass wir um die Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen nicht herum kommen - und dass es auch biblisch begründet ist, da zu helfen. Das ist auch unbequem - aber wichtig! Und das ist auch eines der Themen, die mir besonders am Herzen liegen, ganz aktuell. Wahrscheinlich hätte ich mir das gar nicht ausgesucht, aber dieses Themenfeld ist einfach dran.

Meine Themen sind ansonsten ganz besonders alles, was mit Bildung, vor allem Erwachsenenbildung zu tun hat. Bei uns in Württemberg war außerdem in Verbindung mit dem Pfarrerdienstgesetz und der Frage "Wer darf im Pfarrhaus wohnen?" der Umgang mit Homosexualität ein großes Thema. Das ist ein Thema, das ich gesellschaftlich auch sehr wichtig finde.

Mein Anliegen ist eigentlich die Vermittlung von kirchlichen und gesellschaftlichen Positionen (die bei uns im Württemberg den kirchlichen oft voraus sind). Mich treibt die Frage um, wie wir dabei glaubwürdig bleiben, ohne vielleicht Wichtiges aufzugeben. Auch wenn sie gerade in Württemberg besonders als "theologisch dünn" kritisiert wurde, fand ich in diesem Zusammenhang die letzte EKD-Orientierungshilfe zur Familie sehr brauchbar - vor allem auch als Bestandsaufnahme. Wir konnten eigentlich ganz gut damit arbeiten und ich möchte sie deswegen eigentlich gerne ein bisschen in Schutz nehmen. 

Kommunikation zwischen den verschiedenen Ebenen

Was meine persönlichen Kompetenzen betrifft, bin ich eigentlich eher Generalistin. Meine besondere Stärke liegt vielleicht in der Kommunikation. In unserer Landessynode ist das zumindest verstärkt meine Aufgabe, die Kommunikation - auch zwischen den Gesprächskreisen und den verschiedenen Ebenen - am Laufen zu halten.

Was den Zeitbedarf für die Arbeit als EKD-Synodale betrifft, habe ich meiner Chefin schon gesagt, dass das eben organisiert werden muss und sicher auch organisiert werden kann. Inzwischen ist das gut verankert: In der Bibliothek, wo ich arbeite, wissen die Leute, dass ich mich in der Kirche engagiere und das passt. Die Familie unterstützt das ohnehin. Die Kinder sind ja jetzt groß und wann, wenn nicht jetzt, kann man so etwas machen.

Die größte Herausforderung ist für mich, die Balance zwischen meinen verschiedenen Lebensbereichen hinzubekommen und mir die Kraft zu bewahren, diese Arbeit noch lange genug machen zu können.

Mein Wunsch ist, dass Menschen durch die Arbeit, die wir in der EKD-Synode machen, merken: Da ist doch was, damit kann ich etwas anfangen, das hat etwas mit meinem Leben zu tun. Und dass sie sich so wieder mehr der Kirche annähern. Dazu möchte ich gerne beitragen.

Es lässt sich viel bewegen

Ich freue mich schon sehr auf die Herbsttagung in Bremen. Die letzte EKD-Ratswahl habe ich als Zuschauerin in Ulm miterlebt. Da bin ich immer in den Arbeitspausen mal für zwei Stunden zur Tagung und fand das irrsinnig spannend. Ich finde das schon auch ganz prickelnd, was auf Synoden alles passiert und passieren kann. …"