Mit leiser Stimme für den Frieden

Annan und Steinmeier bei Kirchentag in Stuttgart

Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Mit leiser Stimme für den Frieden
Was tun, wenn man das Gefühl hat, dass die Welt auseinanderflällt? Kofi Annan und Frank-Walter Steinmeier versuchten beim Kirchentag, Lösungsansätze zu geben. Dabei wurde deutlich: Auch Spitzenpolitiker fühlen sich manchmal hilflos.

Auch wenn himmlische Wunder sonst von Katholiken in Anspruch genommen werden, ist es für Kirchentagspräsident Andreas Barner ein kleines Wunder, dass zum Kirchentags-Vortrag "Die Welt ist aus den Fugen" gleich drei Gäste von internationalem Rang eingeladen werden konnten. In der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart sprachen am Samstag der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan, der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und der anglikanische Bischof Nick Baines über die Verantwortung für Krisen und Konflikte in der Welt.

Besonders Kofi Annans Anwesenheit löste beim Publikum Begeisterung aus. Schon als der ghanaische Diplomat die Bühne betrat, erhob sich donnernder Applaus in der mit rund 10.000 Menschen gefüllten Halle. Der Friedensnobelpreisträger ermutigte die Zuschauer zu selbstbestimmtem Handeln, zu Zivilcourage und Einsatz für Mitmenschen und Natur. "Niemand kann das Gefühl verdrängen, dass die Welt auseinanderfällt", sagte Annan. Den ganzen Vortrag über sprach er mit leiser, aber bestimmter Stimme zu den Zuhörern. Zu schnell schleiche sich das Gefühl der Hilflosigkeit ein. "Als Einzelne haben wir auch Macht durch die Entscheidungen, die wir fällen", sagte Annan. Durch den Kauf umweltverträglicher und fair hergestellter Produkte könne jeder Einzelne die Welt ein bisschen besser machen.

Höhere Mauern sind keine Lösung

Annan forderte weiter, der aktuellen Flüchtlingssituation nicht mit Ablehnung zu begegnen. Dickere Mauern und höhere Zäune seien keine Lösung. Kritik übte er an internationalen Institutionen wie dem UN-Sicherheitsrat und der Weltbank und forderte Reformen. Ihre Strukturen bestünden schon seit der Nachkriegszeit. Sie würden die Veränderungen in der Weltpolitik nicht wiederspiegeln und seien deshalb auch nicht in der Lage, aktuelle Konflikte zu lösen. Es reiche zudem nicht, Krisen mit dem Einsatz von Gewalt lösen zu wollen. Die Ursachen der Probleme müssten erkannt und behoben werden.

Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die aktuelle weltpolitische Lage mit dem Ukraine-Konflikt, den verschiedenen Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten, der Bedrohung durch Terror-Gruppen wie dem "Islamischen Staat" und verschiedene Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent als Folge des Zusammenbruchs einer alten Ordnung, die nur Ost und West gekannt habe. "Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der so viele Krisen und Konflikte gleichzeitig auf uns eingestürmt sind", sagte der Außenminister. An einen Zufall glaube er dabei nicht. "Es gibt gewaltige tektonische Verschiebungen in unserer kleinen Welt", sagte Steinmeier.

Allerdings sei noch keine neue Ordnung an diese Stelle getreten. Das Ringen um Dominanz und Einfluss werde dabei von ethnischen und religiösen Konflikten überlagert. Frieden könne allerdings nicht "herbeigewünscht werden", sagte Steinmeier. Sich heraushalten dürfe aus christlicher Perspektive keine Alternative sein. Ein Mensch trage für sein Nichthandeln genau so die Verantwortung wie für sein Handeln. "Gerade Deutschland muss sich dieser Verantwortung stellen", forderte der Politiker. Beim Zweiten Weltkrieg vor 70 Jahren sei Deutschland "Brandstifter der Welt" gewesen und müsse nun zu einer neuen Ordnung beitragen.

Aus den Reihen des Publikums wurde vor allem die Praxis deutscher Waffenexporte kritisiert. Deutschland ist momentan der drittgrößte Waffenexporteur weltweit. Steinmeier räumte ein, dass die Exportpraxis zwischenzeitlich recht lax gehandhabt worden sei. Gegenwärtig bestünden aber Anstrengungen, restriktivere Maßnahmen einzuführen. Das Kleinwaffenabkommen müsse in Deutschland auch tatsächlich umgesetzt werden, Exporte in Spannungsgebiete müssten auch tatsächlich unterbunden werden. Zur Vorsorge müssten auch die Lieferungen in potenzielle Konfliktgebiete kontrolliert werden.

Nick Baines kritisierte die Angewohnheit, zu viel über Konflikte zu reden, statt etwas zu tun. "Wir können die Welt nicht verändern, indem wir Statements abgeben und Konferenzen halten", sagte der Bischof. Zwar bräuchten Politik und Kirchen langfristige Perspektiven. Doch durch zu viel Gerede ergebe sich die Gefahr, zu glauben, dass bereits etwas erreicht worden sei.

Zum Schluss gibt es zwar nicht mal ansatzweise eine Lösung für die weltweiten Krisen und Konflikte. Getreu dem Kirchentagsmotto "Damit wir klug werden" scheinen die meisten Besucher aber doch zufrieden zu sein mit der Kirchentagsprominenz. "Vor allem Annans Rede hat mir nochmal vor Augen geführt, wie schnell man eigentlich abstumpft, wenn man in den Nachrichten immer nur von Kriegen und Problemen hört", sagte Anja. Die 45-Jährige Stuttgarterin verlässt beschwingt die Halle: "Vielleicht kann der Kirchentag ja doch ein bisschen was verändern."