Stolpersteine und Dornbusch-Orte

Exerzitien auf den Spuren von Opfern des Nationalsozialismus in Berlin
Hinrichtungsraum von Plötzensee

Teilnehmer der Exerzitien im Hinrichtungsraum von Plötzensee. Foto: Vera Rüttimann

In Straßenexerzitien haben sich einige Menschen in Berlin auf die Spuren von Opfern des Nationalsozialismus begeben. Besonders nahmen sie sich des Schicksals der Christen Helmuth James von Moltke und Alfred Delp an und fragten nach deren Vermächtnis. Eine Erkenntnis: Aus Widerstand kann Ökumene entstehen.

Die Gedenkstätte Plötzensee für die Opfer des Nationalsozialismus liegt im Berliner Niemandsland. Der Weg zu ihr führt an einsamen Bushaltestellen vorbei und entlang des Saatwinkler-Dammes, der zum Flughafen Tegel führt. Ein toter Winkel in der deutschen Hauptstadt. An der Stirnseite der wuchtigen Mauer mit der Aufschrift "Den Opfern der Hitlerdiktatur der Jahre 1933-1945" liegen verwelkte Blumenkränze. In diesen Jahren richteten die Nationalsozialisten 3000 Menschen nach Unrechtsurteilen der NS-Justiz hin. Hier wurden wenige Monate vor Kriegsende auch der evangelische Christ Helmuth James von Moltke und der Jesuit Alfred Delp hingerichtet. In dem Raum, in dem beide starben, legen Teilnehmer, die in Exerzitien auf ihren Spuren wandeln, frische Blumen ab.

"Zieh die Schuhe aus!"

Die Teilnehmer treffen sich im Evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee am Heckerdamm 226. Sie wollen sich den Orten stellen, die zum Gedenken mahnen. Sie wollen fragen, wo Menschen vor 70 Jahren verfolgt und ausgegrenzt wurden und wo es heute erneut geschieht.

Die Jesuiten Christian Herwartz und Klaus Mertes, die die Teilnehmer begleiten, geben ihnen den Satz "Zieh deine Schuhe aus" mit auf den Weg. Er ist der Geschichte von Mose entnommen, der seine Schuhe ausziehen musste, als er den heiligen Boden betrat, auf dem Gott ihn zum Dienst für sein Volk berief. Die Schuhe auszuziehen heißt für Christian Herwartz: Vorurteile erkennen, respektvoller werden anderen gegenüber und den eigenen Dornbusch-Ort in seinem Leben erkennen. Im Sinne von Helmuth James von Moltke und Alfred Delp fragen sie zudem: Wo erlebe ich Einheit mit Gott und Offenheit für das Leid der anderen? Die beiden Jesuiten fordern die Teilnehmer auf in die Stadt zu ziehen und ihren Dornbusch-Ort zu finden.

"Einheit war die Frucht des Widerstandes"

Für die meisten Teilnehmer ist die Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee ein solcher Dornbusch-Ort, an dem sie innerlich "die Schuhe ausziehen". Es ist ein Ort, der trotz all der Dunkelheit Lichtvolles und Einheit in sich birgt. Wie das? Die Geschichte, sagt Klaus Mertes, sei hier weitergegangen. "Aus dem Martyrium der NS-Widerständler wurde eine Heilsgeschichte." Am Beispiel des gemeinsamen Martyriums des Protestanten Helmuth James von Moltke und des Jesuiten Alfred Delp zeige sich, dass sie ihren Weg gingen, indem sie trennende konfessionelle und gesellschaftliche Schranken überwanden. "Die gelebte Einheit war die Frucht des Widerstandes." Die Teilnehmer erfahren von Mertes, wie es zur ökumenischen Gebetsgemeinschaft im Tegeler Gefängnis kam. "Nicht die ökumenische Gesinnung hat in den Widerstand geführt, sondern der Widerstand brachte die Ökumene hervor", erklärt Klaus Mertes. Deutlich macht dies auch der Briefwechsel zwischen Freya und Helmuth James von Moltke, mit dem einige Exerzitien-Teilnehmer diese Tage verbrachten.

In Gedanken an das Schicksal der NS-Märtyrer zieht es Christian Herwartz mit einer Gruppe zur Jugendstrafanstalt Plötzensee. Gefängnisse sind seine persönlichen Dornbusch-Orte. Immer wieder besucht der ehemalige Arbeiterpriester Menschen, denen die Abschiebung aus Deutschland droht. Dass Jugendliche eingesperrt werden, findet er nicht richtig.

Christian Herwartz steht vor dem Gefängnis und ballt die Faust in der Hosentasche. Wütend blickt er auf die Trutzburg aus Wachturm, Mauern und Stacheldraht. Die nackten Füße stecken in dünnen Sandalen. "Einsperren bringt nichts! Lasst uns für sie beten", ruft er mit mahnender Stimme. Mit seinen Begleitern singt Herwartz Lieder gegen den eisigen März-Wind an. Der Berliner Jesuit leitet einen Moment der Stille mit den Worten ein: "Versucht zu verstehen, wie sich Helmut von Moltke und Alfred Delp hinter Gefängnismauern gefühlt haben müssen. Überlegt, wie es Insassen heute hier ergeht und fragt euch, wie es mit eurer Gastfreundschaft steht." Leichten Herzens geht hier keiner weg.

Mit nackten Füßen über kalte Steine

Helga K. hingegen zieht es an diesem Morgen in die Innenstadt zu Orten, an denen den ermordeten Juden Europas gedacht wird. Als Deutsche fühlt die Lehrerin aus Marburg auch 70 Jahre nach dem Holocaust Schuld, obwohl sie zu den Nachgeborenen zählt. Sich öffnen im Sinne der NS-Märtyrer bedeutet für die 54-Jährige: Das Leid Verfolgter dicht an sich heran lassen. Sie folgt den "Stolpersteinen", jenen Steinen mit der Messingoberfläche, in der das Todesdatum ermorderter Juden eingraviert ist. "Ermordet in Ausschwitz", "Gestorben in Theresienstadt", "Hingerichtet in Plötzensee" - kein Stein lässt sie kalt.

Messingplatten in Berlin-Mitte: Stolperstein-Projekt des Kö†lner Künstlers Gunter Demnig zur Erinnerung an in Deutschland ermordete Juden.

Die Stolpersteine werden zu einem brennenden Ort. "Für mich sind diese Steine vor Häusern, in denen einst Juden wohnten, wie ein Dornbusch, der mich anzieht und zugleich abschreckt. Ich spüre die Intimität eines Raumes, den ich nur mit nackten Füßen betreten darf", sagt Helga K. Als sie vor den Hackeschen Höfen einen Bettler sieht, spürt sie den Schmerz des Abgewiesenseins und die Härte von Mauern in unserer Gesellschaft in neuer Weise. "Helmut von Moltke hätte bestimmt nicht weggesehen."

Ihr Weg führt sie weiter in die Oranienburger-Straße in Mitte. Die goldverzierte Kuppel der Neuen Synagoge löst bei ihr ein erhebendes Gefühl aus. Die restaurierten Säulen und Kapitellen und die leicht beschädigte silberne "Ewige Lampe" versetzen sie für einen Augenblick in die Zeit zurück, als in Berlin das jüdische Leben blühte. Wenn da nicht diese Gedenktafel wäre: "1866 eingeweiht, im November 1938 von den Nazis zerstört, erst 1995 restauriert wiedereröffnet."

Die Kuppel der Neuen Jüdischen Synagoge in Berlin-Mitte.

Verlust spürt Helga K. auch auf dem Koppenplatz, der zwischen Großer Hamburger-, Linien- und Auguststraße liegt. Ein Tisch und zwei Stühle, einer davon umgefallen, erinnern an die jüdischen Berliner, die einst über Nacht aus ihren Häusern vertrieben wurden. Der Anblick dieses Denkmals mit dem Namen "Der verlassene Raum" berührt sie zutiefst. "Die NS-Märtyrer von damals würden sich heute für Verfolgte einsetzen", ist Helga K. überzeugt.

Am Abend kommen die Teilnehmer zurück in ihre Unterkunft am Heckerdamm und erzählen von ihrem Suchen und Annähern an Orte, die sie als aufwühlend und erkenntnisreich erfahren haben. Sie sprechen von entdeckten Dornbüschen mitten in der Stadt, die für sie brennende Gegenwart geworden sind.