Wie ein Tunesier vom Blogger zum Staatssekretär wurde

Wie ein Tunesier vom Blogger zum Staatssekretär wurde
Von der Revolution, die er mit vorantrieb, erlebte Slim Amamou nur das Ende. Als der tunesische Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali am 14. Januar wegen der Proteste in seinem Land zurücktrat und floh, war der Blogger gerade seit einem Tag aus dem Gefängnis entlassen. Das Regime hatte im vorgeworfen, sich an Hackerangriffen auf Regierungswebseiten beteiligt zu haben. Am 13. Januar verbreitete er via Twitter wieder gute Nachrichten, eilig dahingetippt: "Je suis libre" (Ich bin frei). Vier Tage später war Amamou Staatssekretär in der Übergangsregierung.

"Ein absoluter Zufall", sagt der 33-Jährige. Sein Ressort ist Jugend und Sport. "Sie dachten eben, dass ich die junge Generation gut repräsentieren kann." Seine eigentliche Leidenschaft sind Computer- und Internettechnik. Er bloggt, hat ständig sein Smartphone parat. Twitter-Nachrichten veröffentlicht er manchmal sogar im Stundentakt.

Zu Besuch in Berlin

Vor wenigen Monaten noch war er einfacher Demonstrant. Bei einem Besuch jetzt in Berlin auf Einladung von "Reporter ohne Grenzen" lässt sich Amamou vom Limousinenservice der tunesischen Botschaft bringen - ein Werdegang, wie ihn wohl nur eine Revolution hervorbringen kann. Die Freiheit der Meinung ohne Schranken im Internet ist sein Thema. Pressefreiheit habe sein Land schon lange nicht mehr erlebt. "Das System war korrupt und die Journalisten waren es auch", sagt der einstige Internetdissident.

Mit den Reportern und Kommentatoren geht er heute zwar scharf ins Gericht. Einen Austausch zugunsten neu ausgebildeter Kollegen hält er indes nicht für nötig. "Viele wollen die Reform, wollen vergessen, wie eintönig ihre Arbeit war", erklärt Amamou. Einige Journalisten hätten sogar von sich aus Propaganda für Ben Ali gemacht. Die "Ambitionierten" nennt er sie.

Für den jungen Internetaktivisten scheint die Zunft der klassischen Berichterstatter, die für Zeitungen, Rundfunk- oder Fernsehsender arbeiten, indes keine große Rolle zu spielen. Ihr Anteil an der Revolution war ohnehin denkbar gering. Die Aufstände in Tunesien und später in Ägypten waren vor allem durch Internetforen organisiert und international bekannt geworden. "Twitter-Revolutionen" wurden sie auch getauft. Daher rührt Amamous Engagement im Kampf gegen die Zensur des Internets. "Slim404" heißt er auf Twitter - in Anspielung auf den Fehlercode bei nicht zugänglichen Webseiten.

Der Umsturz braucht seine Zeit

Sein Kampf hat ihn zum Demonstranten, zum Revolutionär und schließlich zum Staatssekretär gemacht. Am Donnerstag fliegt er wieder zurück nach Tunis, die Hauptstadt seines Heimatlandes, in der er geboren und aufgewachsen ist. Die Zukunft des Landes wartet. Täglich würden vor seinem Arbeitsplatz Menschen wegen der Arbeitslosigkeit demonstrieren, teilweise sogar den Zugang zum Ministerium versperren.

"Sie sind enttäuscht, deprimiert, weil sich noch nichts geändert hat", sagt Amamou. Sie - das sind vor allem die jungen Leute. Ein Systemumsturz braucht Zeit. Amamou hat die Hoffnung auf Erfolg nicht aufgegeben, aber Angst, dass es andere tun. Er setzt sich deshalb für Jugendhäuser ein, in denen sich junge Menschen austauschen und etwas bewegen sollen. Solche Zentren gab es bereits unter Ben Ali, "aber sie wurden nur für Propaganda genutzt", sagt er.

Das Wichtigste sei jetzt aber erst einmal die Vorbereitung freier Wahlen. "Es ist so kompliziert, alles muss vorher überprüft sein", sagt er. Wenn das geschafft ist, will er in seine IT-Firma zurückkehren, die zurzeit sein Kompagnon führt. Politiker zu sein, sei kein Job für ihn, sagt er. "Es war eine Möglichkeit, die ich nicht ignorieren konnte. Aber im Juli, nach den Wahlen, ist Schluss damit."

epd