Atombomben: Japan trauert und will Entschuldigung

Atombomben: Japan trauert und will Entschuldigung
65 Jahre nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki erinnert Japan an die Opfer und will von den USA das Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben.

Es ist ein schwüler Sommermorgen, als sich Sunao Tsuboi auf den Weg zur Universität macht. Plötzlich blitzt es vor seinen Augen ungeheuerlich auf. Im nächsten Moment reißt die Wucht einer gewaltigen Explosion den 20-jährigen Japaner meterweit über den Boden. Es ist 8.15 Uhr. "Ich fand mich auf einem Bürgersteig wieder, von Kopf bis zu den Zehen verbrannt und in Rauch eingehüllt", erinnert sich der heute 85-Jährige. "Ich dachte, ich muss sterben".

Nach mehrstündigem Flug von der kleinen Insel Tinian rund 2.500 Kilometer südöstlich Japans hatte der US-Bomber "Enola Gay" die Atombombe mit dem harmlos klingenden Namen "Little Boy" 580 Meter über dem Shima-Krankenhaus mitten im Zentrum Hiroshimas abgeworfen. Der Blitz der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe verwandelt die Stadt in ein Inferno: Innerhalb von Sekunden macht eine gewaltige Druck- und Hitzewelle von mindestens 6.000 Grad die Stadt zu einer lodernden Hölle.

Und drei Tage später die nächste Bombe

Von den 350.000 Bewohner sterben auf einen Schlag schätzungsweise mehr als 70.000 Menschen; Ende Dezember 1945 liegt die Zahl schon bei 140.000. Drei Tage nach dem ersten Abwurf zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Bis Dezember 1945 starben dort etwa 70.000 Menschen. Die genaue Opferzahl wird sich nie ermitteln lassen, weil viele erst an den Spätfolgen der Strahlung starben.

Die USA sollten zugeben, dass sie "einen großen Fehler begangen haben", sagt Tokiko Kato. Die Sängerin übernahm die Rolle der Erzählerin in einem Dokumentarfilm über einen Japaner, der beide Atomabwürfe überlebte. Die USA hätten die Atombomben nicht deswegen abgeworfen, "weil sie keine andere Wahl hatten", den Zweiten Weltkrieg zu beenden, sondern weil sie die Bomben ausprobieren wollten. Immerhin nimmt nun am 65. Jahrestag mit dem US-Botschafter in Japan, John Roos, erstmals auch ein Vertreter der USA an der Gedenkveranstaltung in Hiroshima teil.

Hoffnung auf US-Präsident Obama

"Zu spät", meint Haruko Moritaki. Die Japanerin vertritt die Hiroshima Alliance for Nuclear Weapons Abolition (HANWA), die sich für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt. "Die USA sind das einzige Land der Erde, das Atombomben eingesetzt hat. Und sie besitzen immer noch Atomwaffen." Sie hofft, dass US-Präsident Barack Obama, der im Januar die Absicht geäußert hatte, eines Tages selbst Hiroshima besuchen zu wollen, dies auch wahr macht. Der US-Präsident sei schließlich Friedensnobelpreisträger.

Die Geschichte der Atombomben ist in Japan unvermeidlich durch die Opferperspektive bestimmt. Dass Hiroshima eine "gerechte Strafe" für Japans Aggressionskrieg war, akzeptieren nur wenige. Japan habe zwar Unrecht begangen. Trotzdem seien die Atombomben Verbrechen an unschuldigen Zivilisten gewesen. Tatsächlich waren sie auch nach Auffassung mancher Historiker militärisch nicht notwendig gewesen.

Japan lag ohnehin schon am Boden

Zwar verkündete der japanische Kaiser Hirohito kurz nach dem Atominferno am 15. August Japans Kapitulation. Das Land lag nach Auffassung von Historikern jedoch schon zuvor am Boden und hätte sich so oder so ergeben. Sunao Tsuboi hatte von Japans Kapitulation damals zunächst nichts mitbekommen, da er 40 Tage lang ohne Bewusstsein war. "Als ich die Nachricht hörte, konnte ich es nicht glauben." Heute setzt sich der Senior für die Abschaffung von Atomwaffen ein. Wie andere Überlebende wird Tsuboi nicht müde, auf Konferenzen in Japan, den USA und anderen Ländern von seinen entsetzlichen Erlebnissen zu berichten, um die Erinnerung an die Bombenabwürfe wachzuhalten.

Doch die Bedeutung Hiroshimas lässt nach. Friedensaktivisten wie der 81-jährige Sumiteru Taniguchi, der bei dem Atombombenabwurf über Nagasaki einen Großteil seiner Haut durch die Hitze verlor und noch heute unter den Folgen leidet, sind frustriert über die geringen Fortschritte bei den Verhandlungen zur Verringerung der weltweiten Atomwaffenbestände. Dass ausgerechnet Japan nun auch noch mit der Atommacht Indien über eine Zusammenarbeit bei der zivilen Nutzung der Atomkraft verhandelt, macht den Aktivisten wütend.

"Was denken die sich?"

"Die wollen einen Atomvertrag? Was denken die sich?", schimpft Taniguchi im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kyodo. Wie andere inzwischen hochbetagte Opfer sorgt sich der Japaner, dass die Stimmen der Überlebenden der Atombombenabwürfe, schon bald nicht mehr zu hören sein werden. "Ich kann nicht in Frieden sterben, wenn ich nicht die Abschaffung des letzten Atomsprengkopfs auf dieser Welt miterlebe", sagt Taniguchi.

dpa