Offener Brief an Frau Hermann

Offener Brief an Frau Hermann

Ave Eva oder liebe Frau Hermann,

nein, ich bin kein Theologe. Ich spreche auch nicht für die Evangelische Kirche, die die Katastrophe sicherlich ebenso bedauert wie jeder andere. Ich zähle nur zu einer Kirche, die das Priestertum der Gläubigen ernst nimmt - und in dieser Eigenschaft möchte ich Ihnen schreiben.

Ich bin froh Ihnen nicht persönlich auf der Pressekonferenz am Sonntag begegnet zu sein. Ich habe auch glücklicherweise die Frage nicht verstanden, die Sie gestellt haben - sonst wäre ich vermutlich online sofort explodiert. Explodiert bin ich etwas später, als ich ihren Artikel erstmal aus dem Google Cach fischte und ihn dann auf der Webseite des merkwürdigen Verlags für den Sie schreiben gelesen habe. Meine Güte, in was für ein Umfeld sind Sie denn da geraten? Haben Sie sich vor der Zusage für den Kopp-Verlag zu arbeiten nicht mal ein wenig über den informiert? 

Sie mögen die Loveparade nicht. Nein, moment, Sie mögen diejenigen nicht, die angeblich die Voraussetzungen für die Loveparade schufen - diese bösen, bösen 68ger, die gegen Muff unter den Talaren protestierten. Dass Sie auf der eher bürgerlichen Seite stehen wissen wir ja. Und Ehre wem Ehre gebührt: Sie haben an keiner Stelle öffentlich Nazigedankengut gut geheißen. Das ganze Drama damals allerdings hat schon zu einem gewissen Ruf beigetragen.

Liebe Frau Hermann - Sie reden in ihrem Text von einem wahren Sodom und Gomorrah. Haben Sie eigentlich mal die Geschichte gelesen? So wirklich mal im Alten Testament nachgeprüft was da steht? Ich glaube nicht. Sie verbinden vermutlich mit den Begriffen der beiden Städte Unzucht, Homoexualität, sexuellen Verkehr mit Tieren - kurzum: Perversion ohne Ende. Und ja: Die Bibel erzählt in der Geschichte durchaus einen unerquicklichen Vorfall, der Lot und seinen Gastfreunden wiederfährt. Doch in aller Ruhe mal von Anfang.

Es sind drei Fremde, die Abraham aufsuchen und denen er Gastfreundschaft erweist. Vermutlich sind es Engel, aber der Bibeltext bezeichnet sie nicht als solche - anzunehmen ist es aber. Eigentlich geht beim Besuch gar nicht um Sodom und Gomorrah, es geht zunächst erstmal um die Zusage Gottes, dass aus Abrahams Nachkommen ein Volk werden soll so zahlreich wie die Sterne. Jedenfalls: Die drei Fremden verabschieden sich. Und Gott fragt sich, ob er das, was er vorhat Abraham erzählen möchte. Da sind nämlich die Gerüchte, dass die Bewohner der Städte recht gottloses Treiben - nun - treiben.

Na, Frau Hermann? Haben Sie das jetzt mitbekommen? Gott selbst hat zunächst gar nicht vor aus heiterem Himmel Feuer und Schwefel regnen zu lassen. Nein, er möchte zuerst nachschauen. Und teilt das Abraham mit. Der aber wiederum - und das ist eine der schönsten humorvollsten Stellen der Bibel - ja, der feilscht mit Gott. Das ist wie diese Szene aus dem Leben des Brian, aber nur in ernst.

Letztendlich kommt es dann doch anders. Die Fremden, die bei Lot untergekommen sind, werden von den Bewohnern der Stadt bedrängt - sie wollen sich an ihnen vergehen. Lot, um die Gastfreundschaft zu wahren, bietet ihnen sogar seine Töchter an. Vergebens. Daraufhin gebietet Gott Lot und seiner Familie aus der Stadt zu fliehen mit einer Bedingung: Nicht zurücksehen. Bekanntermaßen werden die Städte vernichtet und Frau Lot hält sich nicht an die Bedingung - wie Orpheus blickt sie zurück und erstarrt zur Salzsäule.

Eine schöne Metapher dafür, dass man nicht rückwärtsgewandt leben sollte. Wer dauernd nur in der Vergangenheit lebt, erstarrt irgendwann. Aber das ist ja nicht das, was Sie, Frau Hermann, in diesem Text sehen, nein, sie sehen nur die Vernichtung und die Strafe Gottes weil die 68-ger da falsche Vorgaben geliefert hätten. Moment mal - wenn Menschen Schuld haben, was hat dann Gott damit zu tun? Wenn man schlechten Vorbildern nachlebt ist das nicht Gottes Problem. Wenn eine Mensch schlechte Entscheidungen trifft ist das nicht unbedingt die Sache Gottes. Oder Satans. Jeder Mensch kann sich entscheiden wie er leben möchte - Gott sei es gedankt, denn der möchte keine Marionetten haben.

Aber zurück zum angeblichen Strafgericht, dass Gott durch die Katastrophe im Tunnel verhängt haben soll. Hier differieren unsere Gottesbilder zweifellos, denn immer wenn ich einen Regenbogen sehe weiß ich, dass Gott nie wieder die Schöpfung untergehen lassen wird. Das hat er selbst geschworen, ja, diese Sache mit Noah. Sie erinnern sich vielleicht.Andererseits ist Gott selbst auf die Erde gekommen und hat Angst und Not selbst kennengelernt. Ein Gott, der sich gerade denen zuwendet, die abseits aller stehen, ein Gott, von dem gesagt wird, dass er aus Liebe zu dieser Welt Mensch geworden ist - ja, das Hohelied der Liebe selbst steht in der Bibel - ein solcher Gott soll Schuld an dem Drama der Loveparade sein?

Frau Hermann, mit aller Entschiedenheit sage ich Ihnen: NEIN.

Das wäre ja auch zu einfach, oder? Denn wenn Gott an allem allein die Schuld hätte, dann könnten wir Menschen ja einfach so leben wie wir wollten - ohne Verantwortung, ohne Schuld vor Strafe. Man hat mich beklaut? Tja, Gott wollte es, finde dich damit ab. Dein Bekannter wurde angefahren? Meine Güte, muss der ein Sündenregister haben, aber nein, der Fahrer selbst ist nicht schuld, weil Gott das so wollte. Hybsche bequeme Argumentation für Leute, die sich keiner Verantwortung stellen möchten. Alle toll, wir können tun was wir wollen weil: Schuld ist immer nur Gott, der wollte das so.

Pfui, Frau Hermann. Sie können gerne Ihren Grimm über die angeblichen Fehlleistungen der 68-ger haben, sie können den auch gerne zu Papier bringen - das ist legitim. Wenn Sie meinen, da den Urquell alles Bösen für die heutige Zeit gefunden zu haben, schön. Unterstehen Sie sich aber bitte göttliche Mächte für das Drama der Loveparade verantwortlich zu machen - dazu sind Sie meiner Meinung nicht berechtigt. Noch befugt.

Die Katastrophe im Tunnel ist von Menschen gemacht worden. Menschen, die jetzt von anderen Menschen zur Verantwortung gezogen werden. Und natürlich kann ich Gott alles mögliche vorwerfen - und ich darf das sogar, schließlich hat Hiob das ja auch getan. Aber es ist viel zu billig Gott nun als Rächer darzustellen nur weil es einem in den Kram passt. Das hat sich Gott schon bei Hiob nicht bieten lassen übrigens. Und ich, liebe Frau Hermann, werde mir das von Ihnen auch garantiert nicht bieten lassen. 

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