Vogelgebete

geistvoll in die Woche
Vogelgebete
Zuhören macht glücklich - egal auf welcher Seite des Ohrs man sitzt...

Jemand muss ihnen doch zuhören, denke ich zurzeit frühmorgens immer, wenn ich frierend an meinem Schreibtisch hocke. Frierend, weil es morgens um 5.00 Uhr noch dunkel und kalt ist im Februar und es folglich an sich keine gute Idee ist, da das Fenster zu öffnen. Aber wenn ich es nicht öffne, dann höre ich den Morgengesang der Vögel kaum, weil die isolierten Fenster das zarte Zirpen nicht wirklich durchlassen. Vor allem der Gesang der Amseln und Rotkehlchen macht mich glücklich. Und während ich also am Schreibtisch sitze, meine Morgenpost am Computer erledige, lausche ich den Vögeln und bin mir dabei fast sicher, dass sie nur deshalb singen, weil ich zuhöre... Und so sitze ich also jeden Morgen eingehüllt in eine dicke Jacke, an meinem Schreibtisch am offenen Fenster und lausche dem Konzert meiner gefiederten Freunde.

Biologen werden einwenden, dass die meisten Vögel nur zwitschern, wenn es sich auch wirklich lohnt: in der Brutzeit zum Beispiel. Mit ihrem Gesang verteidigen sie außerdem ihr Revier gegen Rivalen und locken Weibchen an, sagen sie. Und klar, von Ende April bis Anfang Juni kann man besonders viele Arten besonders laut hören. -Aber für mich erklärt das den frühmorgendlichen Gesang nicht wirklich. Im Winter ist keine Paarungszeit und ihr Revier verteidigen sie den ganzen Tag über. Viel logischer erscheint mir, dass sie für mich singen. Also nicht nur für mich, sondern für jeden, der morgens gerne zuhört - und dass sie ohne Zuhörer nicht singen würden. 

Und einen Zuhörer haben die Vögel ja immer: Gott.
Sie singen ein Lied an Gott.
Ein Morgengebet aus Schnäbeln.
Gott hört nicht nur den Vögeln beim Singen zu, sondern auch uns. 

Und er hört sogar zu, wenn wir nicht so schön singen wie die Vögel, sondern laut klagen, schimpfen oder vor uns hinflüstern, was ich des Öfteren tue. 

Das wichtigste Gebet im Judentum, das Schma Israel ( שמע ישראל ), beginnt mit dem Wort Schma - was für gewöhnlich mit "Höre!" übersetzt wird. Es ist aber viel mehr als nur Hören. Es ist die Fähigkeit, wahrzunehmen, aufmerksam zu sein für das, was von außen kommt. Es ist ein Zuhören, das versteht und verinnerlichen will. Es ist Hören - nicht nur auf Töne, Stimmen und Worte, sondern auch auf die Zwischentöne und die Stille dazwischen. Das Zuhören, echtes Zuhören, ist heilsam - das weiß jeder, der jemals die uneingeschränkte Aufmerksamkeit eines anderen bekommen hat. Und jeder, der einem anderen aufmerksam zuhört (wirklich aufmerksam, mit offenem Herz und freiem Ohr!), merkt ebenfalls, wie beglückend das ist. Wer der Welt also zuhört, wird darin auch die leise und sanfte Stimme Gottes hören, die uns Verheißung flüstert. Auch morgens in der Kälte in der zarten Stimme eines frühen Vogels. 


 

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