"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..." heißt ein Zitat von Hesse, das die meisten nur in dieser Unvollständigkeit kennen. Das komplette Zitat heißt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“
Und diesen Zauber brauchen wir! Das Zitat ist im zweiten Vers in Hermann Hesses Gedicht "Stufen", zu finden, das er 1941 schrieb. Und Stufen muss man nehmen, wenn man voran kommen will. Auch wenn man dabei stolpern kann und es manchmal anstrengend ist...
Zu Jahresanfang werden meist viele Vorsätze formuliert. Man will mehr Sport machen, gesünder essen, mehr lesen usw. Dabei geht es meist um Selbstoptimierung, - seltener um kritische Selbstreflektion. Entsprechend laut und bunt wird das neue Jahr begrüßt - meist in alkoholisiertem Zustand. Dagegen ist nichts zu sagen, - nur dass das neue Jahr dann eben oft eher mit einem Kater beginnt, statt mit dem Zauber des Anfangs...
Das jüdische Neujahr wird ganz anders gefeiert als Silvester und Neujahr hier. Es ist eher ein nachdenkliches und besinnliches Fest, das im Herbst begangen wird. Rosh-ha-shana (ראש השנה) beinhaltet die Buchstaben Schin-Nun-He, die als Wortwurzel sowohl »wiederholen« als auch »verändern« bedeuten. Soll heißen: Jahr für Jahr wiederholen wir zu Jahresbeginn erneut unsere kritische Selbstbefragung, um aus den gewonnenen Einsichten heraus etwas in unserem Leben zu verändern. Die Voraussetzungen für Veränderung scheinen rein festalisch jüdischerseits also etwas besser, - was aber keineswegs bedeutet, dass dadurch die Veränderungsideen konsequenter durchgehalten werden (ein Gespräch mit meiner Waage wird Ihnen das bestätigen). Dennoch glaub ich, dass die Rückbesinnung auf die hebräische Wortwurzel nutzen kann. Vor allen Dingen, was den Zauber des Anfangs betrifft, der uns ja möglichst lange begleiten soll. Der Zauber des Anfangs...
der so schön kribbelt im Bauch.
Und der so viel Hoffnung im Gepäck hat.
Und der sowohl Wiederholung, als auch Veränderung verheißt.
"Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können" sagt George Elliot, und daran sollte man sich jeden Moment erinnern. Denn natürlich wird der Tag kommen, an dem der Zauber des Anfangs zu verblassen scheint und die Gewohnheit ihre Hand nach uns ausstreckt. Aber jedes Datum und jede Stunde und jede Minute und jede Sekunde ist ein Neuanfang. Und ein echter Zauberlehrling lernt diesen Anfang in jedem Moment wahrzunehmen. Stille ist dabei enorm hilfreich, - aber nicht notwendig. Es ist vor allem Mut. Den Schritt zu wagen, die nächste Stufe zu besteigen oder wie Meister Eckhart sagt: "Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen."- Und in diesem Sinne wünsch ich Dir, dass Du ein Zauberlehrling bist. Der den Zauber des Anfangs jederzeit entdecken und neu wecken kann. Denn "jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“...

