Die Spannung steigt

Oder zumindest die Krimiflut bei ZDF und ARD. In den Mediatheken ist sie besser denn je zu sehen. Höchste Zeit für eine Selbstverpflichtung der öffentlich-rechtlichen Sender ...

Vor kurzem hatte das ZDF eine gute Idee, um auf sein nichtlineares Angebot aufmerksam zu machen, das schließlich in harter Konkurrenz mit Youtube und Netflix steht: Es stellte gleich fünf frische Samstagskrimis auf einmal vorab in die ZDFmediathek. Darunter ist eine Folge von "Ein starkes Team", des "Hauptstadtkrimis mit Spannung und Humor", der dieses Jahr sein 75-Folgen-Jubiläum begehen konnte. Da wird "in einem Berliner Hotel ... die Leiche der leichtbekleideten Julia Sanders aufgefunden. Die Architektin wurde erwürgt". In "Stralsund – Waffenbrüder" explodiert "der Bus einer Kindertagesstätte" und der Fahrer kommt ums Leben.

Außerdem gibt's die Startfolge einer neuen Krimireihe um "zwei Brüder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten", die hier nebenan gut besprochen wurde. Der Fall bestand darin, "dem Prominentenarzt Dr. Jasper den Mord an seiner Frau nachzuweisen, die auf ihrem Geburtstagsfest durch einen allergischen Schock ums Leben kam". Falls das zu läppisch klingt: In noch einer neuen Krimireihe um ein ungleiches Paar, nun aber Ehepaar (er "brillanter Fallanalytiker", sie "exzellente Kommissarin"), wird erst eine Prostituierte in einem "Klavier ... drapiert" aufgefunden, dann ein ermordeter Junkie, der "am Bülowbogen" in Berlin "an einem Seil hängt". Manche dieser Filme liefen schon im Fernsehen, manche kommen im November – egal, denn alle "sind drei Monate lang in der ZDFmediathek verfügbar".

" Auf grausame Weise ermordet"

Überhaupt hat das ZDF eine Menge guter Ideen, zum Beispiel mal einen Film im Erzgebirge anzusiedeln. Da wird ein Bergbau-Professor ermordet in einem Stollen aufgefunden. Es ist ein "Erzgebirgekrimi". Vielleicht hilft das ja, dass diese Region sich nicht mehr so "abgehängt" fühlt, wie gerne analysiert wird. Sind Krimis irgendwie nicht auch "Grundversorgung"? Zumindest die Chemnitzer Ausgabe der "Bild"-Zeitung ist schon ganz begeistert. Freilich gibt's im ebenfalls sächsischen Görlitz schon länger eine Krimireihe, in der ein "Oberlausitzer Eigenbrötler" und eine zunächst "neu hinzugezogene Kriminalistin aus Hamburg" gemeinsam ermitteln, wenn etwa "junge, attraktive Joggerinnen auf grausame Weise ermordet" werden. "Wolfsland" ist allerdings kein ZDF-Samstags-, sondern ein ARD-Donnerstagskrimi.

Zu den nicht wenigen guten Ideen, die die ARD immer hat, gehört jedoch nicht nur, Krimireihen über deutsche Städte zu verteilen, sondern regelmäßig zunehmend auch über Europa."Barcelona-" und "Lissabon-Krimis" starteten 2017, in diesem Herbst folgen "Amsterdam-" mit Hannes Jaenicke und "Prag-Krimis" mit dem Schweizer Schauspieler Roeland Wiesnekker als Kommissar, "der mit ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden außergewöhnlich erfolgreich ist". Bereits im Dreh für 2019 sind "Irland-Krimis" mit Désirée Nosbusch als "sensibler Polizeipsychologin Cathrin Blake". Bevor aber der Eindruck entsteht, allein die ARD würde sich um nichtdeutsche Krimi-Schauplätzen kümmern: Das ZDF tut's durchaus auch. "Besonders bizarre Mordfälle" in "finsteren Wäldern, aber auch ... malerischen Weinbaugebieten" Frankreichs zeigt die Reihe "Die purpurnen Flüsse" – da die Krimi-Termine im ZDF lange im Voraus vergeben sind, halt auf dem "Montagskino"-Sendeplatz, auch wenn die Koproduktion mit Kino nichts am Hut hat.

Und besonders engagiert das ZDF sich bei Schwedenkrimis. So kann man sich 2019 auf die Reihe "Fredrika Bergman" freuen, in der "Schwedens Hauptstadt immer wieder von brutaler Gewalt erschüttert" wird (dwdl.de). Was nicht heißt, dass die ARD Schwedenkrimis vernachlässigen würde: Im Frühjahr hatte sie die Reihe "Rebecka Martinsson" im Programm. Wer die Folge mit dem "grausamen Mord" an einer Frau, die "im eigenen Bett mit einer Heugabel erstochen" wurde, gesehen hat, könnte sich noch dran erinnern.

"Einfalt der Krimi-Monokultur"

Anders formuliert: Es wird irrsinnig viel gemordet im öffentlich-rechtlichen deutschen Unterhaltungsfernsehen, und wie die Inhaltsangaben einander im Anpreisen von Grausamkeit überbieten, ist peinlich plump. In Zeiten, in denen in Teilen der Gesellschaft debattiert wird, ob die Gewaltkriminalität zugenommen hat oder aber die mediale Verbreitung von tatsächlich sogar weniger Verbrechen, wirkt es noch grotesker. "Wir können nicht nur über Mord und Totschlag berichten", sagte "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke gerade bei einer Diskussionsveranstaltung der AfD ("Süddeutsche"). Das ist eine Meinung, die sich gut vertreten lässt – aber schlechter, wenn das Rahmenprogramm umso lieber ausgedachten Mord und Totschlag zeigt.

Gewiss gelingt es den Machern immer wieder, für die zahllosen Ermittler halbwegs unverbrauchte Eigenschaften zu finden – die irische Psychologin wird ein Alkohol-Problem haben, der erfolgreiche Prager Kommissar ist "theaterverliebt". Einzelne Krimis sind, isoliert oder als, äh, Einzelfall betrachtet, sicher sehenswert. Und ein neues Phänomen ist die Krimiflut auch nicht. Ich versuche ja schon länger, darauf aufmerksam zu machen, vor einem Jahr in der Medienkolumne "Wenn Fernsehkrimi auf Wirklichkeit trifft", 2013 zuvor mit einer Auflistung von rund 250 Fernsehkrimimord-Premieren dieses Jahres.

Neu ist das Phänomen, dem die eingangs erwähnte, im Prinzip gute ZDF-Idee galt: Immer mehr Menschen sehen Fernsehen, auch neunzigminütige Sendungen, als "Video on Demand" oder in Mediatheken. Das hat viele Vorteile, zum Beispiel muss niemand mehr die Täterrätsel-Auflösung verpassen. Die offensichtlichste Folge: Das Ausmaß, in dem beide Senderfamilien des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens Krimis herstellen, sich möglichst grausame Morde ausdenken und sie marktschreierisch bewerben, ist besser denn je sichtbar.

Inzwischen werden die einzelne Filme, Folgen und Fälle nicht mehr nur irgendwann ausgestrahlt und später wiederholt. Vielmehr stehen sie bei zdf.de/krimi und im "Krimis"-Ressort auf mediathek.daserste.de alle übersichtlich neben- und untereinander.

"Die Einfalt der Krimi-Monokultur muss endlich gebrochen und durch eine Vielfalt inhaltlicher und künstlerischer Ansätze abgelöst werden. Dazu gehört nicht nur der Dokumentarfilm, sondern auch der Kurzfilm, der Animationsfilm, das intelligente Fernsehspiel und viel prominenter als bisher auch der europäische Kino-Spielfilm",

forderte gerade Thomas Frickel vom Dokumentarfilmer-Verband AG Dok in einem Appell an die Medienpolitiker.

Tatsächlich würden dem "Public Value" der öffentlich-rechtlichen Sender, den diese selbst ja gerne reklamieren, ein paar präzise Obergrenzen, zum Beispiel bei Sportrechte-Kosten, und Mindestanforderungen, zum Beispiel für Informationssendungen in der Hauptsendezeit, gut tun. Die Sender sind natürlich gegen solche Vorschriften. Was dagegen helfen könnte: eine Selbstverpflichtung von ARD und ZDF, zum Beispiel ihren Ausstoß an Krimis zu deckeln.