Artes Luft nach oben

Keine Frage: Im Vergleich mit den meisten Alles-Mögliche-Fernsehsendern ragt der Kultursender Arte aus dem deutschen Angebot heraus. Schärferes und vor allem europäischeres Profil könnte er dennoch vertragen.

Bei Arte-Pressekonferenzen wurde schon immer gerne erzählt, dass alle, die man fragt, den deutsch-französischen Kultursender loben. Bloß in der täglichen Mediennutzungs-Praxis, aus der die Einschaltquoten ermittelt werden, haben sie eben doch zu selten Zeit für lange Themenabende und die anderen tollen Angebote. Daher ist der Marktanteil nicht besonders groß. In Deutschland lag er 2017 laut dwdl.de bei 1,1 Prozent. In Frankreich mit seiner anderen Fernsehlandschaft liegt er gut doppelt so hoch.

Wer sucht, findet bei Arte aber fast immer interessante Sendungen. Wer etwa Artur Brauner zu seinem 100. Geburtstag vor zwei Wochen mit einem Themenabend ehrte, war der Kultursender. Beim Suchen helfen kann sogar eine (kostenpflichtige, aber preiswerte) monatliche Programmzeitschrift, das "Arte-Magazin", das mit einer verbreiteten Auflage von über 100.000 Exemplaren auf dem zersplitterten Zeitschriftenmarkt eine größere Nummer ist (und von Axel Springer erstellt wird). Und doch gab es zuletzt auch eine Menge ungewohnte Kritik an Arte.

"In etlichen Sendungen gibt sich der deutsch-französische Kulturkanal als Kämpfer für Frauenrechte ... Nur vor der eigenen Nase, im eigenen Haus, sagen vorwiegend Männer, wo es langgeht",

schrieb Altpapier-Kollegin Juliane Wiedemeier bei uebermedien.de mit Blick auf die nicht gerade flachen deutsch-französischen Hierarchien im Lauf der Jahre. Dass es auch unterhalb der Führungsebenen Streit gibt, etwa zwischen dem Straßburger Sender und deutschen Gewerkschaften, berichtete die "taz". Und René Martens zitierte im Altpapier aus einem von Sabine Rollberg, die von 1994 bis 1997 Arte-Chefredakteurin war, in der Zeitschrift "Lettre International":

"Man sollte sich jedenfalls von der 'Verpackung' ... nicht täuschen lassen. 'Ist der europäische Kulturkanal, wie er anfänglich hieß, als Adler gestartet und als Suppenhuhn gelandet?' fragt Rollberg gleich zu Beginn des Beitrags ... Die Formulierung bezieht sich darauf, dass im Arte-Staatsvertrag zwischen Frankreich und den hiesigen Bundesländern ein 'europäischer Erweiterungsauftrag' fixiert ist, an der die deutschen Anstaltschefs aber nie ein Interesse hatten: '(Sie) agierten stets eine Europäisierung von Arte, weil sich ihr Anteil vom Arte-Kuchen mit mehr Gesellschaftern verkleinern würde'."

"Der europäische Traum"

Dieses Thema führte Rollberg nun in einer Geburtstagswürdigung des ehemaligen Arte-Vizepräsidenten Jörg Rüggeberg  fort. Der "Medienkorrespondenz"-Artikel trägt die Überschrift "Der europäische Traum", weil Arte als ein solcher der Regierungschefs François Mitterrand und Helmut Kohl (was immer man sonst von ihm hält: Visionen hatte er ...) entstanden ist. Rüggeberg habe sich, schreibt sie, ab 1995 darum bemüht,

"dass Straßburg, also der Arte-Sitz, mehr Kompetenz zur Programmgestaltung bekommt. So machte er sich nicht beliebt bei den deutschen Senderchefs, deren primäres Interesse an dem deutsch-französischen Projekt sich darauf beschränkt, Geld von Arte zu bekommen für Programm, das zwar zuerst bei Arte ausgestrahlt wird, dass sie dann aber nach sechs Monaten Arte-Exklusivität unendlich lange weiter ausstrahlen können, ohne dafür bezahlt zu haben."

Rüggeberg wurde nicht Präsident, sondern blieb Vizepräsident. Und das damals entwickelte Programm-Modell gilt bis heute: Von deutscher Seite ist Arte in erster Linie Finanzierungsquelle und Zulieferer für alles, was die deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für ihre Hauptprogramme so brauchen.

So vereint Arte den enorm komplexen deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dem zentralistischer organisierten, eher staatlichen und auch nicht unkomplexen französischen Fernsehen. Das muss nun, wie im Juli bekannt wurde, wegen einer von Präsident Macron angestoßenen Reform zwei lineare Sender einstellen (den Jugendkanal France 4 und France O, ein Programm für französische Überseegebiete) und viel Geld einsparen, allein France Télévisions rund 400 Millionen Euro. Bei den deutschen Anstalten, die mittelfristig auf eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags hoffen, gäbe das einen großen Aufschrei. In Frankreich gibt es deshalb keinen, weil noch Drastischeres erwartet wurde. Schade, dass in Deutschland nur wenig darüber berichtet wird.

Marylin, Elvis, Travolta

Immer im Sommer erregt Arte viel Aufmerksamkeit, weil es dann immer einen "Summer" veranstaltet und kräftig bewirbt. Gerade läuft der "Summer of Lovers". Arte "nimmt Sie mit auf Streifzüge durch die Epochen großer Verführer: von Marylin Monroe und Elvis Presley über Meryl Streep und Heath Ledger bis hin zu Ryan Gosling", schrieb der aktuelle Arte-Präsident Peter Boudgoust im Editorial des Juli-"Arte-Magazins", um gleich noch John Travolta zu erwähnen. Wer sich Programmübersichten zum "Summer of Lovers" anschaut, stößt nahezu ausschließlich auf amerikanische Themen. Eine Doku über die Band Tokio Hotel und den "Türkisch für Anfänger"-Kinofilm steuerte die ARD noch bei.

Das ist schön und gut; ich selbst begrüße es, wenn ältere Produktionen aus allen Epochen der Filmgeschichte im linearen Fernsehen laufen (vgl. diese Kolumne). Und vielleicht bilden Hollywood-Stars der 1950er, 60er und folgenden Jahrzehnte kulturell den gemeinsamsten Nenner in Deutschland und Frankreich und den umliegenden Ländern. Aber es gab ja auch Brigitte Bardot und Sofia Loren, Belmondo, Delon und Celentano. Bizarrerweise waren Filme mit ihnen europaweit erfolgreich, als die EU noch EG hieß und an den meisten Grenzen alle Reisenden kontrolliert wurden. Sollte ein deutsch-französischer Kultursender, der sich in Ankündigungen (etwa "mit Untertiteln in mehreren Sprachen") ja um Europa bemüht, europäische Themen da nicht wenigstens mit berücksichtigen?

Auch da muss differenziert werden. Immer wieder gibt es hochinteressantes Europäisches. Im Mai etwa lief "Der zweite Prager Fenstersturz", eine Doku zum Beginn des 30-jährigen Kriegs vor 400 Jahren. Das war eine tschechisch-französische Koproduktion mit dem österreichischen ORF, was inhaltlich absolut Sinn ergab. Schließlich fand der Fenstersturz im Konflikt zwischen den oft tschechischsprachigen (von der Wittenberger Reformation und mehr noch vom Hussitentum geprägten) Protestanten und den streng katholischen Habsburgern aus Wien statt. Bloß war in Deutschland wenig von der Sendung zu hören, weil eben kein deutscher Sender beteiligt war.

Im nächsten Frühjahr wird die Serie "Eden" Aufmerksamkeit verdienen, die der deutsch-französische, bislang mit französischen Kinofilmen ("Lemming") aufgefallene Regisseur Dominik Moll derzeit mit Schauspielern aus beiden Ländern dreht. Sie beginnt damit, dass ein Mannheimer Lehrerehepaar am griechischen Strand per Schlauchboot ankommenden Flüchtlingen begegnet, berichtete der "Tagesspiegel". Solche Koproduktionen quer durch Europa sollten eher das Profil von Arte prägen als Hollywood-Filme, die auch überall sonst laufen könnten, und Vorab-Premieren der üblichen deutschen Fernsehkrimis ein paar Wochen, bevor ARD oder ZDF sie zeigen. Vielleicht führt das zu ein paar Promille-Punkten weniger Marktanteil, aber dass Artes Akzeptanz an der Frage von 1,1 oder 0,9 Prozent Marktanteil hängt, wird niemand behaupten.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Betrachtet man Arte als eines der gut 20 öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme, die in Deutschland zu empfangen sind, ragt es heraus. Schon weil dort nicht, wie sonst überall, Wiederholungen neuerer Krimi-Episoden, Schmonzetten oder "Terra X"-Folgen rotieren. Gemessen daran, was Arte hätte sein sollen (und immer noch werden könnte), und am Bedarf, der auf dem ziemlich zerstrittenen Kontinent an einem gemeinsamen, nicht kommerziellen und originär europäischen Medien-Angebot herrscht, besitzt Arte noch jede Menge Luft nach oben.