Atze Brauner und die deutsche Kulturindustrie

Der Berliner und jüdische Filmproduzent wird 100. Es lohnt sich aus vielen Gründen, auf sein Leben und sein gewaltiges Lebenswerk zurückzublicken.

"Mich gibt's nur einmal" heißen Artur "Atze" Brauners Memoiren, die 1976 erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich sind. Das Buch steckt, genau wie unzählige Bücher von Nachkriegszeit-Filmstars, voller Anekdoten um seinerzeit Prominente. Dazwischen allerdings finden sich andere Passagen.

"Am Horizont glühte es rot vom Feuerschein brennender Dörfer. Das dumpfe Grummeln der unweit liegenden Front schwang in der Luft",

lauten etwa gleich der sechste und der siebente Satz. Bis der Zweite Weltkrieg begann, lebte Brauner im polnischen Lodz.

"Mit seinen Eltern und vier Geschwistern flüchtete er in die Sowjetunion, wo er unerkannt überlebte. 49 jüdische Verwandte verlor Artur Brauner durch die Nazis, seine Eltern und drei seiner vier Geschwister wanderten nach Israel aus",

informiert filmportal.de, die wohl übersichtlichste Webseite zur deutschen Filmgeschichte. 1946 begann er dennoch in Spandau ganz im Westen Berlins damit, deutsche Filme zu produzieren. Inzwischen sind 42 Jahre vergangen, und es gibt ihn und seine (inzwischen von seiner Tochter geleitete) Firma CCC-Filmkunst mit ihren Studios immer noch: Am 1. August wird Artur Brauner 100 Jahre alt. Arte wird ihn dann mit einer Doku und zweien seiner Filme würdigen.

Und da ist dem deutsch-französischen Kultursender mal eine kongeniale Programmierung gelungen: Die Filme heißen "Hitlerjunge Salomon", inszeniert von der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland und, später am Abend, "Sie tötete in Ekstase" vom spanischen Regisseur Jess Franco (dessen Vorname eigentlich Jesus lautete, der aber unter vielen Pseudonymen arbeitete und 2013 in seinem Nachruf bei SPON "Schmuddelgott" genannt wurde). Das ist ein Film aus dem Genre, das Arte "Trash" nennt und manchmal nachts bedient. "Eine psychodelische und obsessive Liebesgeschichte, die den Zuseher auf einen visuellen Trip in die 70er Jahre entführt", kündigt der Sender an. "Geschmacklose Mischung aus Sex- und Gruselfilmelementen", heißt es zum selben Film im "Lexikon des internationalen Films", das es nur noch online gibt und auf zeitgenössischen Kritiken der katholischen Zeitschrift "Filmdienst" basierte (die es auch nur noch online gibt). Es ist viel passiert seit 1946, und Brauners rund 270 Filmproduktionen bilden ein ungeheuer breites Spektrum.

Gary Cooper und John Wayne

Weiter hinten in seinen Memoiren steht die Anekdote, wie Brauner auf einer Berlinale-Party Gary Cooper erzählt habe, wie dieser ihm einst das Leben gerettet hätte: Als SS-Männer ihn kontrollieren wollte, wandte Brauner einen Trick an, den er aus einem 30-er-Jahre-Western mit Cooper kannte, schreibt er:

"'... und da senke ich meinen Schädel und stoße ihn den Killer in den Bauch.' Cooper übernahm das Wort und stopfte sein Zigarillo erregt in den Aschbecher. 'Der Bursche kippt aus den Socken, fällt ins Wasser, ich mit einem Hechtsprung hinterher ...'",

legte Brauner Gary Cooper in den Mund. Zugleich kursierten auch ganz andere Westernstar-Vergleiche rund um ihn.

"In John Fords 'The Searchers' erzählt John Wayne zur Charakterisierung der Komantschen, die seine Nichte geraubt haben, die Geschichte von dem Weißen, der ein Pferd reitet, bis es halbtot zusammenbricht und dann zu Fuß weitergeht. Ein Komantsche, der das Pferd findet, reitet weitere 20 Meilen auf dem Tier und isst es dann auf. Der zu früh gestorbene Filmjournalist und Westernkenner Joe Hembus war der Meinung, Atze Brauner sei der Komantsche des deutschen Kinos."

Da Hembus ein so kenntnisreicher wie umtriebiger Autor war, wurde dieser Vergleich oft erzählt. Hier entstammt das Zitat der "Telepolis"-Würdigung "Old Atze und der Schatz im Silbersee", die zum 90. Geburtstag vor zehn Jahren erschien. Für viele seiner sehr vielen Produktionen ist Brauner gewiss zurecht harsch kritisiert worden. Wenn es etwa heißt, er habe auch Edgar-Wallace-Filme produziert, stimmt das nicht so ganz. Weitestgehend hatte Brauners ehemaliger Herstellungsleiter und späterer Konkurrent Horst Wendtland sich die Exklusivrechte an den Krimis von Edgar Wallace (der seinerzeit auch schon seit gut 30 Jahren tot war) gesichert. Als Nachzügler hatte Brauner den ziemlich unbekannten, aber fast gleichnamigen Wallace-Sohn Bryan Edgar aufgetan, der dann die "Drehbuchüberarbeitung" sehr verwechselbarer Filme übernahm. Brauner hat also im wahreren Sinne des Wortes dazu beigetragen, die Wallace-Filmwelle der 1960er (die auf ihre Weise der manischen Rosamunde-Pilcher-Welle der deutschen Fernsehfilmindustrie bis in die Gegenwart hinein ähnelt) totzureiten.

Andererseits stammen viele Filme in Brauners gewaltigem Lebenswerk auch von Filmemachern, die in das Land zurückkehrten, aus dem sie in der Nazizeit fliehen mussten. Fritz Lang mit seinen "1000 Augen des Dr. Mabuse" und der große Film-noir-Regisseur Robert Siodmak werden oft genannt. Es gibt eine Menge weiterer Beispiele wie Max Nosseck oder Gerd Oswald. Der drehte für Brauner 1959 den Film "Am Tag als der Regen kam", der schon deswegen typisch für die Nachkriegs-Filmindustrie war, weil die Handlung nichts mit dem Titel zu tun hat. Als der hielt eben ein (noch immer bekannter) Schlager her.

Inzwischen wird manchmal versucht nachzuvollziehen, wie schwierig es für solche Remigranten gewesen sein muss, wieder ins Land der Täter zu kommen, wo sie notwendigerweise mit Kollegen arbeiten mussten, die ihre Karrieren während der Nazizeit begonnen oder fortgesetzt hatten, und natürlich damit rechnen, auf viele ehemalige Nazis und geringen Willen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, zu treffen. Für Atze Brauner muss es unvergleich noch schwieriger gewesen sein, im Nachkriegs-Deutschland zu leben und arbeiten. Dass er es getan hat, hat viel dazu beigetragen, dass sich erstaunlich schnell und erfolgreich eine demokratische Gesellschaft entwickeln konnte.

"Opas Kino" und Junger Film

Und das unabhängig von der Qualität einzelner Filme. Filme waren und sind eben wichtiger Teil der Unterhaltungs- oder "Kulturindustrie", wie Theodor Adorno und Max Horkheimer, zwei weitere verdienstvolle Rückkehrer, sie nannten. Dieser Begriff aus ihrer "Dialektik der Aufklärung" wird nur noch selten verwendet, erst recht nicht mehr im (sehr kritischen) Sinne der Autoren. Dabei könnte der Ansatz einiges von dem, was die heutige Fernsehfilm-Industrie (die von der Nachkriegs-Filmindustrie und vom Jungen oder Neuen Deutschen Film, der ab den 1960ern "Opas" und "Papas Kino" ablösen wollte, übrig blieb) herstellen, wahrscheinlich gut charakterisieren.

Inhaltlich wichtige, gute Filme hat Artur Brauner auch viele produziert: Gleich sein zweiter, "Morituri", war einer über "eine Gruppe von KZ-Häftlingen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu überleben versucht". Mit dem Misserfolg beim Publikum und dadurch angehäuften Schulden erklärte Brauner in seine Memoiren, dass er dieses Thema anschließend lange mied. 1955 produzierte er einen von zwei konkurrierenden Filmen über das Attentat vom 20. Juli 1944. Dass Stauffenberg seinerzeit kritisch gesehen wurde – nicht wie heute mitunter wegen seines nicht unbedingt demokratischen Weltbilds, sondern noch als "Verräter" (vgl. diesen evangelisch.de-Artikel) – ist auch schwer vorzustellbar.

Je länger die Nazizeit zurücklag, desto mehr stieg die Zahl der Filme über sie, ihre Opfer und die Täter. Brauner war daran beteiligt. Das Berliner Jüdische Museum stellt diese Filme online vor. "Hitlerjunge Salomon" sorgte für Streit hinter den Kulissen. Der Film gewann 1992 einen Golden Globe, der bekanntlich als Indiz für den noch angeseheneren Oscar gilt. Doch die zuständige deutsche Kommission reichte den Film gar nicht erst ein. Das hatte damit zu tun, dass die (aktuell für Netflix drehende) Regisseurin nicht deutsch ist und die Originalsprache der deutsch-französisch-polnischen Koproduktion es nicht ausschließlich war. Aus heutiger Sicht erscheint auch das seltsam; das Filmgeschäft ist längst international. Vielleicht erinnert es sogar an tagesaktuelle Diskussionen um deutsche Fußballnationalspieler mit Migrationshintergrund. "Ich weiß nicht, ob das mit Antisemitismus oder Ressentiments zu tun hat oder ob man mir die Krönung meines Erfolges nicht gönnen wollte", sagte Brauner 2016 in einem Interview.

Streit gab es um seine Filme oft auch, weil sie in den inzwischen vielen Epochen der Nachkriegsgeschichte auf der Höhe der jeweiligen Gegenwart waren. So entstand ein unvergleichliches Lebenswerk, das noch größer als die Summe seiner vielen Teile ist. Dass es interessant wäre, mehr davon in einem der öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle sehen zu können, beweist Arte am 1. August.