Wo die bunten Fahnen wehen

CSD 2022; Regenbogenflagge
Regenbogenflagge vor dem Westportal des Reichstagsgebäudes, Sitz des Deutschen Bundestages

© Deutscher Bundestag / Leon Kügeler / photothek (Detail)

Wo die bunten Fahnen wehen
Man glaubt es nicht, aber die Regenbogenflagge erhitzt nach wie vor die Gemüter. Ein Dauerthema, mit dem sich gut ablenken lässt.

Es sah noch etwas ungelenk aus, wie Bundeskanzler Olaf Scholz die – ungebügelte – Regenbogenfahne in die Kamera hielt auf dem Foto auf seiner Facebook-Seite. Aber am Spiel im Handgelenk lässt sich ja noch arbeiten und letztlich ist es die Geste, die zählt. Als erster Kanzler unserer Republik zeigt er, dass er auch zu den queeren Bürger:innen hält, sie nicht übersieht und kein Problem damit hat, Spaß im Pride-Monat zu wünschen.

Was für den Kanzler noch Premiere ist, ist für meine Landeskirche, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), inzwischen Normalität (sic): mit einem eigenen Truck beim Christopher Street Day in Berlin dabei zu sein, Haltung zu zeigen. Und da wollen wir mal gar keine Detailkritik üben, wenn Superintendent Bertold Höcker danach selbstbewusst dem Domradio diktiert: "Bei uns sind queere Menschen absolut gleichberechtigt - in allen evangelischen Landeskirchen."

Leider kamen die Feiern, politischen Demonstrationen und Gottesdienste auch in diesem Jahr nicht ohne die Debatte um die Beflaggung öffentlicher Gebäude und auch von Kirchen aus. Aktuelles und besonders unrühmliches Beispiel ist Thomas Gerster, Vorsitzender der CDU Mainz (wir erinnern uns schwach, dass das "C" in CDU für "christlich" steht). Gerster kommentierte, wie queer.de berichtet, auf Twitter das Hissen der Regenbogenflagge mit einer Anspielung auf die Nazi-Zeit. So sicher wie das Amen in der Kirche folgte die Beteuerung, dass es ihm leid täte, wenn er irgendwen verletzt haben sollte, er wolle niemanden mit Nazis gleichsetzen.

Die Äußerung Gersters steht nicht isoliert. Sie steht in einem Kontext wiederholter und dann nicht mehr "nur" verbaler Gewalt: Regenbogenflaggen wurden angezündet (wie im Juli in Mönchengladbach oder im Juni beim CSD in Karlsruhe), von Kirchen herabgerissen (wie im Juni in Herford), Schülerinnen wegen einer Flagge von Mitschülern gejagt (wie im Juni in Dortmund).

Insofern bleibt leider aktuell, was ich an dieser Stelle vor einem Jahr geschrieben habe: "Auch wenn der Regenbogen kein Symbol des Kampfes ist, kann wohl, wie wir es derzeit erleben, um das Symbol gekämpft werden."

Die Schärfe und die Zunahme von Tätlichkeiten in diesem Jahr hat freilich viel von einer Stellvertreter-Debatte. (Oder sollte ich Stellvertreter*innen-Debatte schreiben?) Wir haben eine andere Regierung. Nach der Ignoranz Angela Merkels gegenüber LGBTIQ* hat nicht nur ein anderer Stil, sondern auch eine andere Haltung Einzug gehalten. Es geht also nicht nur Homosexuelle und deren Anerkennung, sondern allgemeiner um ein anderes Verständnis von Gesellschaft, von Teilhabe.

Wir haben, speziell in der katholischen Kirche, eine durch #outinchurch wie auch die Reform-Diskussion um den Synodalen Weg im Zuge der Aufarbeitung der Missbrauchs-Taten neu entfachte Debatte um das Verhältnis von Kirche und Sexualität, sexuelle Orientierung, sexuelle Identität. Wer hier meint, durch Herabreißen von Regenbogenflaggen eine irgendwie "reine", "unbefleckte" Kirche retten zu müssen, will unangenehme Wahrheiten nicht wahrhaben.

Hinter den diesjährigen Streitigkeiten um die Regenbogenflagge stehen grundverschiedene Auffassungen von Gesellschaft, von Demokratie, von Glaube, von sozialer Teilhabe. In unruhigen Zeiten des Umbruchs und der neuen Herausforderungen durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, die Klimakatastrophe und die ökonomischen Verwerfungen erscheinen Debatten um und Attacken gegen Regenbogenflaggen immer auch als Beharren auf einfachen Lösungen in einer komplexen Welt - der säkularen wie der religiösen.

 

 

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