Kurz vor Ostern

Wasser als Symbol für Spiritualität und Lebendigkeit

Foto: Rainer Hörmann

Kurz vor Ostern
Gedanken zu schwuler Spiritualität inmitten politisierter Zeiten - inspiriert durch einen Text von Hans Peter Hauschild.

Kurz vor Ostern. Ich bin genervt und müde von dem Politik-Diktat, unter dem schwules Leben (wahrscheinlich queeres Leben allgemein) steht. Unentwegt hagelt es homophoben Quatsch aus irgendeiner Ecke. Und wenn die Bedrohung nicht von außen kommt, dann entdecken wir sie in der eigenen Community: Eine "Queergida" gehe mit religiösem Eifer gegen den schwulen Mann - weiß, cis, männlich - vor. Der Beitrag, der das verkündet, fällt mit Berichten über die Einführung des Scharia-Rechts in Brunei und der damit verbundenen Androhung der Todesstrafe für Homosexuelle zusammen. In einem Artikel des britischen "The Guardian" sagt ein Schwuler aus Brunei, dass das neue Recht eigentlich an der ohnehin schon schlimmen Situation für Homosexuelle nicht wirklich was ändert.

Kurz vor Ostern. Ich lese einen Aufsatz des 2003 verstorbenen Aids-Aktivisten Hans Peter Hauschild. "Sexuelle Überschreitung als spiritueller Weg" geht auf ein Treffen zu Ostern 2001 im Tagungshaus Waldschlösschen bei Göttingen zurück, das sich dem Thema Schwule Spiritualität und Sinnlichkeit widmete. Und im Zusammenhang mit Wörtern wie Exodus steht da zu lesen:

"Diese Politisierung religiöser Hoffnungen bzw. umgekehrt die politisch-gesellschaftliche Befreiung als Gotteserfahrung wurde zum Inbegriff der Emanzipation. Auch die bürgerlichen Emanzipationen inklusive der Schwulenbewegung sind vom Exodus geprägt: aus Ungerechtigkeit und Unterdrückung ins Reich der Freiheit. Säkulares und religiöses Transzendieren bilden eine unauflösliche Einheit."

Der Aufsatz ist, wie oft bei Hauschild, nicht ohne katholisch-philosophischen Bombast und nicht ohne die ganze Palette vom Theoretiker Michel Foucault bis zum Heiligen Sebastian zu haben. Aber bei aller wortgewaltiger Argumentation ruht er doch wieder bei ganz trivialen Alltagserfahrungen, die die hehre Mystik erden:

"Jeder Subkulturbesuch birgt die schmerzhafte Möglichkeit, nach kurzer Anmache von anderen stehengelassen zu werden oder sich selbst nach einem vergeblichen Versuch abzuwenden, was der andere manchmal gar nicht versteht, weil es ihm gut gefallen hat."

Letztlich ist es, so würde ich Hauschild in aller Knappheit reformulieren, immer ein Wagnis. Ich muss offen sein für mein Gegenüber, ihm meine verletzlichen Seiten zeigen, um "wirklich" das Trennende zu überwinden und eins werden zu können. Denn ansonsten bliebe es doch alles reine Selbstbespiegelung im und am Körper des anderen.

Kurz vor Ostern. Der Text von Hans Peter Hauschild hat mich an meine eigene Suche nach schwuler Spiritualität erinnert. Etwas, das mir (und vielleicht anderen auch) verloren geht im Zeitalter der Dating-Apps, die Begegnung und Kommunikation filtern, um sie plan- und beherrschbar zu machen. Etwas, das zu spüren ich mir in der Hektik des vermeintlich dauerpolitisierten Alltags kaum noch gestatte. Jenes "mehr", das allen quantitativen Konsum hinter sich lässt. Vielleicht sind die bevorstehenden Ostertage mit ihrer Symbolik von Rückzug und Wiederkehr, von Transzendenz ein guter Zeitpunkt, um Sehnsucht zuzulassen und auf die Suche zu gehen.

Den erwähnten Text von Haus Peter Hauschild findet man online oder - zusammen mit weiteren höchst lesenswerten Texten anderer Autoren - in dem Tagungsband "Schwule Spiritualität, Sexualität und Sinnlichkeit", hg. v. Stefan Mielchen, Klaus Stehling, Hamburg: MännerschwarmSkript, 2001.

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