Eine kämpferische, lebensbejahende Mystik - Pierre Stutz

Foto: Wolfgang Schürger/AG Schwule Theologie

Wer sich mit christlicher Mystik beschäftigt, findet zu einer großen Gelassenheit - aber wird auch zu einer Person, die kämpferisch für Leben und Gerechtigkeit eintritt. Das hat Pierre Stutz auf seinem Lebensweg erfahren. Für viele Queers ist er heute ein Begleiter auf dem Weg, sich selbst zu bejahen.

Lebenswege entstehen im Gehen. Dass sie nicht immer gerade sind, dass sie durch Auf und Ab gekennzeichnet sind, dass die krummen Wege dazu gehören – dies akzeptieren zu lernen, ist ein mühsamer Weg. Christliche Queers wissen dies nur zu gut: In ihren Herkunftsgemeinden war (oder ist) gleichgeschlechtliche Liebe stigmatisiert, aber auch in der queeren Szene werden sie oft als Außenseiter*innen belächelt. Lebensräume schaffen – das braucht Mut und Weite, Antrieb und Lust, Ideale und Vorbilder … Das Ergebnis ist so mannigfaltig und individuell wie das Leben selbst. Manches wurde erkämpft, anderes geschenkt, wieder anderes erstritten.

Die Arbeitsgemeinschaft Schwule Theologie e.V. versteht ihre Jahrestagung seit 25 Jahren als einen Ort, an dem schwule Männer frei von Vorurteilen über eine befreiende, lebensbejahende Spiritualität und Theologie nachdenken können.

Mit Pierre Stutz hatte der Verein zu seiner diesjährigen Tagung vom 19. bis 21. Oktober einen Referenten gewonnen, der andere begeistern kann, ihre Lebenswege mit Gott zu entdecken. Als ehemaliger römisch-katholischer Priester hat Pierre selber mehrere Jahrzehnte gebraucht, um Homosexualität und Christsein miteinander zu versöhnen. "Irgendwann im Prozess meines Coming Outs habe ich mich in ein kleines Kloster zurück gezogen. Die Brüder dort hatten keinen Priester mehr, sie haben gehofft, dass ich jeden Tag die Messe mit ihnen feiere. Aber ich war so ausgebrannt, dass ich über Monate die Kapelle nicht einmal betreten konnte.", sagt Pierre im Rückblick. Kein Wunder, dass einer, der selber so mit sich und Gott gekämpft hat, für andere zu einer spirituellen Leitfigur wird - bei Kirchen- und Katholikentagen füllt Pierre regelmäßig große Hallen, seine Bücher sind Bestseller.

Pierres zentrale Botschaft: Der christliche Glaube ist die Einladung zur Selbstfindung und Selbstwerdung. "Gott hat uns alle wunderbar geschaffen - und wir können weder Gott noch unsere Nächsten lieben, wenn wir zur Selbstliebe nicht fähig sind." Die tiefe, unbedingte Geborgenheit bei Gott hat Pierre Stutz durch all seine Kämpfe hindurch bei den christlichen Mystikerinnen und Mystikern gefunden. Die Texte einer Theresa von Avilla seien voll von Erotik - eine Erotik, die sich auf Gott, aber auch auf den eigenen Körper richtet.

Queers, die sich auf den Weg der christlichen Selbstfindung begeben, brauchen solche "Rituale für die Seele", ist Pierre überzeugt. In der tiefen Geborgenheit bei Gott lasse sich dann auch die Freiheit zur Selbstannahme finden - allen Konventionen von Konfessionen und queeren Communities zum Trotz.

Mystik ist dabei für Pierre kein reiner Weg der Innerlichkeit. Wer sich auf die christliche Mystik einlässt und zu dieser unbedingten Geborgenheit bei Gott findet, gelange vielmehr in den Zustand einer "kämpferischen Gelassenheit": "Ich weiß, dass ich geborgen bin in Gott, ich habe eine tiefe Ruhe in mir - aber genau deswegen kann ich nicht gleichgültig bleiben gegenüber all dem Unrecht in der Welt, gegenüber all den Situationen, in denen Menschen oder Geschöpfe Gottes um ihr Lebensrecht gebracht werden." Der Mystiker Pierre Stutz ist ein zutiefst politischer, kämpferischer Christ. An dem Wochenende im Waldschlösschen hat er viele begeistert.

Weblink: https://pierrestutz.ch