Euer Ja sei ein Ja

Euer Ja sei ein Ja
Der Umgang vieler evangelischer Landeskirchen mit lesbischen und schwulen Menschen ist von Halbherzigkeit, Unklarheit und Mutlosigkeit geprägt. Ein Plädoyer für eine Kirche, die wahrhaftig ist.

"Kann es Probleme geben, wenn ich mein Kind taufen lassen möchte?", fragt mich eine gute Bekannte. "In der evangelischen Kirche werden Taufanfragen eigentlich immer freudig begrüßt und positiv beschieden", verneine ich spontan, ahne jedoch schon, worin ihre Sorge begründet liegt: Eine Freundin wollte ihr Kind taufen lassen und der Pfarrer lehnte das ab. Warum? Weil das Kind bei zwei Müttern aufwuchs.

Mich hat das damals sehr schockiert. Eltern formulieren den Wunsch, ihr Kind vor Gott zu bringen und der zuständige Geistliche weist das zurück, weil die Bittstellenden nicht die vermeintlich "richtige" sexuelle Identität vorweisen können. Mit etwas Abstand macht mich heute allerdings auch das Verhalten meiner Bekannten nachdenklich. Wie konnte sie auf die Idee kommen, dass ihr dasselbe passieren könnte, wo ihr Kind doch in einer ganz anderen Gemeinde getauft werden sollte? Dahinter muss mehr als dieses schlimme, aber dennoch singuläre Ereignis stecken. Ein Bild von großen Institutionen wie den evangelischen Landeskirchen setzt sich bei den meisten Menschen wie bei einem Mosaik aus vielen Steinchen zusammen. Und wie sieht das Mosaik aus, das die evangelische Kirche homosexuellen Menschen präsentiert?

Segnen lassen dürfen sie ihre Beziehungen in einigen Landeskirchen, jedoch oft ohne Öffentlichkeit, ohne Glockengeläut und ohne einen Eintrag ins Kirchenbuch. Pfarrer_in zu werden bleibt ihnen nicht länger verwehrt, aber z.B. in Württemberg sollen sie trotzdem nicht zusammen mit ihren Partner_innen im Pfarrhaus wohnen. Und selbstverständlich können auch Kinder aus Regenbogenfamilien in evangelische Kindergärten und Schulen gehen, aber wenn es darum geht, dass Regenbogenfamilien auch in den Schulbüchern auftauchen, dann lehnen evangelische Landeskirchen wie die badische das  mit dem Verweis auf "Indoktrination" vehement ab.

Der Herr der Kirche warnt seine Jünger_innen vor solchen Zuständen. In der Bergpredigt mahnt Jesus Christus zur Wahrhaftigkeit: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein; alles andere stammt vom Bösen" (Mt. 5, 37). Und wie soll mensch das Bild, das viele evangelischen Landeskirchen Lesben und Schwulen bieten, anders deuten, als eines das weder Ja noch Nein aussagt, das sich in Vagheiten und Uneindeutigkeiten gebärdet und darum auch unheilvolle Früchte treibt. Es bringt Menschen wie meine Bekannte, die ihr Kind taufen lassen möchte, dazu, sich nicht sicher zu sein, ob sie wirklich willkommen sind. Und  noch sehr viel mehr Menschen, Menschen, die ihren Gott lieben, bringt es dazu, seiner Kirche, deren Handeln sie nicht länger ertragen können, enttäuscht und verletzt den Rücken zu kehren. Denn in ihrem Straucheln bei dem Thema sexuelle Identität richten die Verantwortlichen der Landeskirchen großen Schaden an. Weder wollen sie ein eindeutiges Ja zu denen sprechen, die ihres Schutzes so dringend bedürften, aus Angst, deren Gegner_innen zu verlieren. Noch wollen sie ein eindeutiges Nein aussprechen, wohl besonders aus Angst, an Bedeutung in der Gesellschaft einzubüßen. Und so passiert genau das, wovor Jesus so klar warnt. Denn natürlich ist es gut, wenn endlich homosexuelle Partnerschaften kirchlich gesegnet werden. Aber was macht es wohl mit einem Menschen, dem dies vielleicht sogar nach längerem Kampf darum ermöglicht wird, wenn sich die evangelische Kirche für dessen Wunsch aber gleichzeitig so sehr schämt, dass nicht einmal die Glocken zu diesem Anlass läuten dürfen?

Die evangelischen Landeskirchen müssen diesen Pfad des "Jeins" schleunigst verlassen. Und das kann nicht anders gehen als durch eine fundierte theologische Klärung der Frage des Umgangs mit verschiedenen sexuellen Identitäten. Denn nicht aus der Gesellschaft, nicht aus der Politik oder dem Zeitgeist, sondern aus dem Evangelium von Jesus Christus ziehen evangelische Christ_innen ihre Handlungsgrundlage. Daher gehört dieser notwendige Prozess auf die Agenden der Synoden, der Oberkirchenräte und Presbyterien, statt an diesen Orten weiterhin Uneindeutiges, wie halböffentliche Papiere, Formelkompromisse und untergesetzliche Ausnahmeregelungen zu beschließen, um das Thema ja auf keiner Seite zu hoch kochen zu lassen.

Es mag sich schmerzhaft, lang und anstrengend gestalten, aber nur durch theologisches Ringen kann hier wie sonst auch wahrhaftigem Handeln im Geiste Christi der Weg geebnet werden. Und dann kann es sein, dass am Ende dieses Weges Menschen gehen, vielleicht vorerst, vielleicht für immer. Aber es kann genauso sein, dass andere (wieder) dazu kommen: Alle diejenigen, die den sicheren Raum evangelische Kirche zum Leben brauchen, die einen Ort suchen, an dem sie sich nicht rechtfertigen oder verteidigen müssen, die aufatmen wollen, die Verständnis und angstfreie Gemeinschaft mit ihren Geschwistern und letztlich mit ihrem Herrn suchen. Wenn das geschieht, wird sich die evangelische Kirche nicht länger um Bedeutung sorgen oder bemühen müssen. Die wird ihr zufallen - in einer neuen Qualität, in der Qualität, die ihr immer dann zufiel und zufällt, wenn sie in ihrem Zeugnis eindeutig und glaubwürdig ist.

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