Confessio Digitalis

Hanno Terbuyken, Leiter Digitale Kommunikation im GEP, notiert im Blog "Confessio Digitalis" seine Gedanken, Beobachtungen, Links und Interviews rund um Digitalisierung, digitale Kirche und die vernetzte Gegenwart.

Soziopathen aus dem Internet?

Soziopathen aus dem Internet?
Nach den Morden von Christchurch müssen sich die Social-Media-Plattformen wieder die Frage stellen: Was tun sie gegen Radikalisierung, Rassismus und Mord?

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben (hierüber). Dann kam der Mordanschlag in Christchurch, Neuseeland. Ein nach eigenen Angaben 28-Jähriger greift mit einem Gewehr zwei Moscheen an und tötet 49 Menschen.

49 Leben ausgelöscht, die nicht mehr feiern, lachen, hoffen, lieben können. Für diese Menschen und ihre Angehörigen und Freunde können wir nur noch beten. Über die Toten wissen wir hier, einen Ozean und einen Kontinent entfernt, sehr wenig. Wir können die Trauer und das Leid in Christchurch nur ahnen.

Über den Täter wissen wir viel mehr. Denn er hat die Mechanismen der digitalen Medien auf's Grausamste ausgenutzt. Die Morde kündigt er kurz vorher auf der Webseite 8chan an, twittert darüber und startet einen Livestream auf seinem Facebook-Profil. Die ganze grausame Tat war dort dokumentiert. Parallel stellt er ein 74-seitiges Bekennerschreiben online.

Nach solchen Taten sollte man die Opfer in den Mittelpunkt stellen, nicht den Täter. Denn das wollen Terroristen ja: Aufmerksamkeit für ihre Tat und ihre Motivation. Trotzdem möchte ich auch die Mechanismen verstehen, die der Rassist von Christchurch zur Verbreitung nutzte. Denn das muss verhindert werden. Und da liegt eine große, ungelöste Verantwortung der Betreiber und Moderatoren von Online-Plattformen, die in diesem Fall mal wieder spektakulär versagt haben.

Attentat mit Ankündigung

Bevor der Attentäter sich auf den Weg machte, 49 Menschen zu ermorden, kündigte er seine Absicht auf der verrufenen Diskussionsseite 8chan an. Der Kommentarstrang dazu ist voller "Shitposting", ebenso die Ansammlung an Wahnsinnigkeiten, die der Täter parallel zu seiner Tat ins Internet stellte. Wer in der Sprache dieser Internet-Stränge nicht versiert ist, kann nicht auseinanderhalten, was eigentlich ernst gemeint ist und was nicht. Der Täter beherrscht diese Sprache, er wird in den Kommentaren als Teil der radikalen rassistischen Community akzeptiert - und als über Nachrichtenseiten klar wurde, dass seine Ankündigung ernst gemeint war, dort auch bewundert.

An einzelnen Beispielen in dem Bekennerschreiben des Attentäters hat Robert Evans das auf Bellingcat gut auseinander genommen. Sinn und Zweck des "Shitpostings" ist, dass sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen kann, aber diejenigen, die schon Bescheid wissen, die an sie gerichtete Nachricht verstehen.

Auf sieben verschiedenen Seiten hatte der Täter außerdem seinen Bekennerbrief hochgeladen und das auch über Twitter gepostet. Direkt nach der Tat wurden die Dokumente alle gelöscht, aber wer schnell danach suchte, konnte immer noch fündig werden. Denn die radikalen Rassisten unter den Nutzern von 8chan, 4chan und Reddit sind zahlreich und oft schneller in der Verbreitung von Informationen und Dateien als Plattform-Anbieter sie löschen können. Darunter sind auch Verfechter von absoluter "free speech", die Redefreiheit losgelöst von jeder moralischen Betrachtung verteidigen. Die meisten derjenigen, die das Dokument speichern und als Text, PDF oder Bild weiterverbreiten, sind aber ebensolche Rassisten und Ethno-Nationalisten wie es der Christchurch-Attentäter war.

Die Tat selbst hat der Täter live auf Facebook gestreamt. Der Livestream der Morde konnte ungestört zu Ende laufen und weiterverbreitet werden, bevor Facebook das Video entfernt und die persönliche Seite des Attentäters gesperrt hat.

Die Verantwortung der Plattformen

Die 49 Morde von Christchurch zeigen einmal mehr, dass die meisten Online-Plattformen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, Menschen vor Schaden zu schützen. Immerhin haben die verschiedenen legitimen Download-Seiten, auf denen das konfuse Schreiben hochgeladen war, das Dokument flächendeckend entfernt, aber auch das dauerte zum Teil Stunden.

Die komplett nutzergetriebenen Foren, in denen der Täter seine Ankündigung verbreitete, sind da nicht so konsequent. Sie wollen rechts- und moralfreie Räume sein. Dort bekommt man von irgendeinem verblendeten Hirn Beifall für fast alles. Gerade die Glaubenssätze rechter Nationalisten und weißer Vorherrschaft finden dort eine Heimat, die ihnen anderswo zu Recht nicht gegeben wird. Wenn Impfgegner schon keine Plattform mehr bekommen sollen, dann Rassisten erst recht nicht. Beides sind Ideengebäude, die unmittelbar zum Tod von Menschen führen können. Dieser moralischen Verantwortung müssen sich Facebook, YouTube, Twitter, Reddit und alle Nischenplattformen grundsätzlich stellen: Wenn Plattformen dafür sorgen, dass auch nur ein potentieller Attentäter die Inhalte nicht findet, die ihn radikalisieren könnten, kann das schon zukünftige Tote verhindern.

Und trotzdem kommt YouTube nicht damit hinterher, die Re-Uploads des Mordvideos zu stoppen. Das liegt auch daran, dass es zu viele Menschen gibt, die das Mordvideo gespeichert haben und es immer wieder neu hochladen möchten.

Neutral bleiben geht bei rassistischen Morden nicht

Vermutlich haben diese Menschen mit dem Täter eines gemeinsam. Wenn man sein Bekennerschreiben liest, wird ganz deutlich: Es ist lupenreiner Rassismus, der ihn dazu brachte, andere Menschen zu dehumanisieren und sie zu töten, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben.

Rassismus und Mord sind böse, unmoralisch, völlig inakzeptabel und verboten. Klingt banal, ist aber wahr - und muss immer wieder gesagt und gelehrt werden. Offenbar haben viele Menschen, die sich zu angeblichen Verteidigern westlicher Gesellschaften aufschwingen, das vergessen. Und die großen und kleinen Internetplattformen, auf denen sich rassistische Inhalte finden lassen, und die Suchmaschinen, die diese Inhalte zugänglich machen, müssen das auch wieder lernen. Sie haben eine moralische Verantwortung, die sie nicht einfach auf ihre Nutzer*innen abschieben können. Beim Aufruf zu rassistischen Morden kann man einfach nicht neutral bleiben, auch wenn man es für "Shitposting" oder Satire hält.

Mir ist dabei eine Stelle aus der Predigt von Susanne Breit-Keßler zur Eröffnung der Fastenaktion "7 Wochen Ohne" eingefallen: "In sozialen Netzwerken tummeln sich mental asoziale Menschen, die andere vernichtend attackieren. Was zählt, ist nur noch die eigene, empfundene Meinung, das eigene Bild von sich und anderen – unabhängig von jeder Realität."

Mit Blick auf eine Minderheit hat sie leider recht. Bei weitem nicht jeder Mensch, der soziale Netzwerke nutzt, denkt und handelt so. Aber in den Netzwerken außerhalb der Mainstream-Plattformen Facebook, Twitter und YouTube ist dieser Umgang mit anderen Menschen gang und gäbe. Dort sprießt Hass, noch viel mehr und vor allem noch viel ungebremster als im Mainstream, verkappt in Memes und Online-Witzen, zwischen Satire und blutigem Ernst.

In einer Parallelgesellschaft radikalisiert

In den ungehemmten Internetforen werden Grundannahmen menschlichen Zusammenseins verlacht, ignoriert und pervertiert. Du sollst nicht töten, du sollst nicht lügen, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst - drei Gebote, die im Herzen und in der Seele des Attentäters keinen Platz mehr hatten.

Aus diesem Milieu kommen die jungen weißen männlichen Terroristen, die mit ihrer Rolle in der Gesellschaft um sie herum nicht mehr klar kommen. Auch der Mörder, der im April zehn Menschen in Toronto tötete, war so einer. Sie sind gemeinsam einsam, Einzelgänger mit einer tiefen Abneigung gegen alles organisierte Beisammensein, radikalisiert durch eine Online-Welt voller schnell wechselnder Codes, die nur sie verstehen. Sie bleiben anonym, versteckt vor der aktiven Ablehnung durch die Mehrheit der Gesellschaft. Bis sie jemand entdeckt oder sie durch eine grausame Tat in den Medien landen.

Wer Angst vor Parallelgesellschaften hat, in der junge Männer zu Terroristen radikalisiert werden, findet sie genau dort.

Die Betreiber dieser Seiten müssen aktiv dagegen vorgehen, dass sie diesen Parallelgesellschaften ungestörte Räume geben. Gleichzeitig liegt es an Eltern, Freundinnen, Paten und Verwandten, jungen Menschen genug Liebe mitzugeben, um sie sie gegen Hass und Rassismus zu immunisieren.

Eine Liebe, die die 49 Toten von Christchurch nicht mehr spüren können. Sie und ihre Angehörigen schließen wir in unsere Gebete ein.


Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Leser*innen haben mich darauf hingewiesen, dass "Digitalis" auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel "Confessio Digitalis" natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs so - nehmt es als Präparat!

aus dem chrismonshop

Tischlicht Kreuz
Hochwertiges Tischlicht mit Kreuzmotiv aus gefustem Glas und geöltem Nussbaumholz. Das Licht wird hergestellt in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Es wird zusammen mit...

weitere Blogs

... auch das ist möglich im Internet. Tägliche, gern frühmorgens verschickte E-Mail-Newsletter sind eine onlinejournalistische Form auf der Höhe der Zeit.
Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July hat sich bei Homosexuellen entschuldigt. Die Öffnung der Segnung gilt in der Landeskirche Württemberg jedoch nur eingeschränkt.
Irgendwo in Nordrhein-Westfalen, in einer kleinen und eher zufällig entdeckten Saunalandschaft, studiere ich den Aufgussplan auf dem Flatscreen im Eingangsbereich. Zwischen so Gewöhnlichem wie „Citrustrilogie“ oder „Eis auf Heiß“ lese ich eben auch „Event-Sauna“. Achtung: Spoiler-Alarm! —> Tolle Erfahrung
Glocken läuten im Turm der Marktkirche Hannover (Foto vom 12.10.2012).
Vor drei Jahren gaben wir „Empfehlungen“ für Kirchen-Einbrecher heraus. Und – die halten sich dran!
Das war unser Kirchentag 2019
evangelisch.de- und chrismon-Redakteurinnen und Redakteure haben für Euch den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund 2019 besucht. Hier geht es zu unseren multimedialen Impressionen aus fünf aufregenden Tagen.