Die mittelbare Betroffenheit

Die mittelbare Betroffenheit

Von Talkshows und Online-Votings über Fischstäbchen-Brennpunkte bis zu Arte-Dokumentationen reichen die Versuche, mit dem Thema der japanischen Atomkatastrophe umzugehen. Überall sind alle Medien dabei, nur heute im Bundestag nicht.

Erstmals in der Menschheitsgeschichte geschieht gerade eine Kette unterschiedlicher, aber zusammenhängender Katastrophen sowohl vor den Fernsehlivekameras der Weltöffentlichkeit als auch in Internetmedien aller Art.

Die Medien in den nicht direkt betroffenen Ländern versuchen natürlich, die permanent kommenden breaking news angemessen zu vermelden und einzuordnen, wobei es ebenso natürlich dennoch ihr Job bleibt, mit den vermittelten Informationen auch Reichweite bzw. Einnahmen zu generieren und die Erwartungen der Leser zu bedienen.

Die mittelbare Betroffenheit, der sich wohl keiner entziehen kann, der nicht unmittelbar betroffen ist, führt beim professionellen Umkreisen des Themas zu in sämtlichen Richtungen naheliegenden Gedankengängen.

"Aber es ist schon einigermaßen unerträglich, erst Angela Merkel, dann Sigmar Gabriel und dazwischen Claudia Roth und Gesine Lötzsch im hiesigen Atomstreit deklamieren zu hören und zu sehen, wie gerade im Fernsehen der Blick nicht mehr über den Gartenzaun reicht, von Anteilnahme für diejenigen, welche die Katastrophe wirklich ereilt hat, keine Spur. Wie das wohl auf Japaner wirkt?",

fragt z.B. Michael Hanfeld in einer Glosse der FAZ-Medienseite 35. Unerträglicher bleiben freilich die Katastrophen selbst, zumal für Japaner.

Auf der anderen Seite des deutschen Meinungsspektrums stellte die TAZ gestern ihren (deutschen bzw. deutschsprachigen) Onlinelesern die Frage, was sie denn "von der Informationspolitik" der von den Japanern gewählten und zuerst den Japanern verpflichteten Regierung halten.

Vielleicht, wahrscheinlich wird man allgemein die Informationspolitik der japanischen Regierung für nicht gelungen halten, sobald die Ereignisse ansatzweise abgeschlossen sind. Vielleicht könnte man sich aber auch darauf einigen, reines Bullshit-Voting zumindest solange bleiben zu lassen, solange jeder Klick im Internet nicht nur Reichweite bringt, sondern auch Strom kostet, der irgendwie produziert werden muss.

In den deutschen Medien erfährt man heute einiges Fundiertes über die Mediengewohnheiten der Japaner, z.B.: "Japaner trauen dem geschriebenen Wort oft mehr als den Fernsehnachrichten oder dem Radio", "aber auch Namen haben eine besondere Bedeutung dort" weswegen es "etablierte und traditionsreiche Verlagen" leichter haben als "die wachsende Netzgemeinde oder jüngere, unabhängige Medien" (TAZ). Oder: "Desinformation hat in Japan Tradition" (Print-Überschrift über diesem lesenswerten FAZ-Bericht).

"Dass sich die Stimmung der Menschen in Tokio nach einem recht einfachen Kriterium richtet: ob sie Englisch können oder nicht. Denn wer nur zu japanischen Medien Zugang habe, bekomme ein wesentlich helleres Bild der Gesamtlage als derjenige, der auch englische oder deutsche Internetangebote verfolgen könne",

das hörte Nils Minkmar am Montagabend in Reinhold Beckmanns Talkshow einen der Gäste, den Japanologen David Schumann, sagen. Das führt ihn in seiner faz.net-Besprechung zu dieser Schlussfolgerung:

"Das Fernsehen, insbesondere eine späte Gesprächssendung, ist ein gemäßigtes und mäßigendes Medium; der Wahnsinn der Lage wirkt hinter dem Bildschirm immer schon eingefriedet. Nicht zu senden kommt indes auch nicht infrage. Und so bemühen sich alle, wie in dieser Beckmann-Sendung, und wirken dabei wie die Studiofassung zu Gottfried Benns Zeile: 'Wer redet, ist nicht tot.'"

Benn, der schon lange tot ist, sagte das übrigens in keiner Talkshow, sondern in einem Gedicht, das dennoch auch bei Youtube zu haben ist. Vielleicht liegt darin wirklich ein sinnvoller Umgang mit mittelbarer Betroffenheit.

Den Medienmedien-Mainstream zum Thema bilden die naheliegenden Fragen nach Evakuierungsszenarien für die deutschen Reporter in Japan, die derzeit oft überzeugende Berichte bringen (unser Foto zeigt Ariane Reimers im ARD-"Brennpunkt" gestern abend), zumindest sofern sie nicht von Deutschland aus Fischstäbchen in den Brennpunkt stellen (wie das FAZ-Fernsehblog es Jörg Schönenborn und Ranga Yogeshwar tun sah). Damit angefangen hatte wohl der Tagesspiegel, der zugleich ein wenig von der erschwerten Zeitungsproduktion in Japan berichtete. Weitere diesbezügliche Umfragen liegen natürlich von meedia.de sowie der Agentur DAPD vor.

Noch einen ähnlichen Überblick gibt Daniel Bouhs in der Frankfurter Rundschau und beschreibt dort auch, wie das ZDF "im laufenden Programmbetrieb" prüft, wie das Berichten auch "ohne eigenes Material klappen kann", indem es nämlich auf seinem digitalen Infokanal den japanischen Kanal NHK "rund um die Uhr ...durchsendet."

Anders als von überall aus Japan, wo Kameras postiert werden können, nicht live gesendet werden darf heute vormittag aus dem Deutschen Bundestag, wenn dort Bundesumweltminister Norbert Röttgen im Umweltausschuss auftritt. Dem Sender Phoenix wurde ein entsprechender Übertragungswunsch verweigert, berichtet kurz der Tagesspiegel. Im Gegenzug wird Röttgen, selbst ja auch quasi Wahlkämpfer, sicher gern in "Was nun?"-Sondersendungen, Nachrichtenmagazin-Zuschaltungen und ausgewählten Talkshows performen.

Einen völlig anderen, auch nicht ganz uninteressanten Ausschnitt der deutschen Debatten beleuchtet taz.de und führt die trotz voranschreitender Obsoleszenz unverdrossen pro Atomkraft weiterbloggende "Achse des Guten" um David Harnasch und "einen gewissen Dr. Oehmen" vor, um am Ende wieder bei Jan Fleischhauer (vgl. Altpapier vom Montag) zu landen.

[listbox:title=Artikel des Tages[Heises Japan-Feuilleton (BLZ)##Minkmars Beckmann/ Benn-Assoziationen##Aktuelles Phoenix/ Bundestags-Problem (Tsp.)##Aktuelle Evakuierungsumschau (FR)##TAZ-Geschäftsbericht (TAZ-Blog)]]

Schließlich verweist auch die Medienmedien-Kernkompetenz der Vorbesprechung (eigentlich) nichtaktuell produzierter Fernsehfilme heute aufs Thema. Am Abend hat Arte die Premiere des ohnehin eingeplanten Dokumentarfilms "Die Wolke" vorgezogen. Da geht es nicht um den Roman der abrupt auch wieder sehr präsenten (heute im FAZ-Feuilleton kurzinterviewten) Gudrun Pausewang, sondern um die Ereignisse rund um Tschernobyl vor 25 Jahren. Besprechungen haben die Süddeutsche und die TAZ.Der Produzent des Dokumentarfilms, Volker Heise von der Berliner Firma Zero-Film, dichtete für die Berliner Zeitung ein großes und keineswegs unkompliziertes Feuilleton, in dem u.a. Ryszard Kupuscinski, Klaus Kinski, Chris Marker sowie ein fiktiver Berliner namens Franz auftreten, dessen "modernes Mobiltelefon" immerzu "pling" macht, wenn z.B. während des Wurstessens wichtige Nachrichten eintreffen. Darin heißt es u.a.:

"Wenn das stimmt, sagte Franz am späten Freitagabend, dann haben sich die nervösen Tentakel der Medien über die ganze Erde ausgebreitet und sich in die entlegensten Ecken getastet, um wie wissenschaftliche Messgeräte die Vorboten der nächsten Erschütterung zu registrieren und hinauszuposaunen. Dabei müsste die Faustregel gelten: Je riskanter die Welt, desto nervöser die Tentakeln; je anfälliger die Systeme, desto zügiger die 'breaking news'“.

Vielleicht ist das zumindest an diesem Mittwoch der beste Weg, die mittelbare Betroffenheit überall in Worte zu fassen.


Altpapierkorb

+++ Weiter schwarz statt rot: die Zahlen der TAZ. Den aktuellen Geschäftsbericht, der in die Mathias-Döpfner-haften Worte "Für die taz bietet die digitale Zukunft mehr Chancen als Risiken" mündet, legt Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch im Hausblog vor. +++

+++ Die Agenda des Sonstigeren beherrscht entweder Ottfried Fischer. Berichte über seinen Prozess gegen die Bild-Zeitung bzw. einen von deren Reportern, der "mittlerweile Mitarbeiter des Bauer-Verlags" ist, bringen Tsp. und SZ. +++

+++ Oder aber, das ZDF beherrscht sie. Will es doch einerseits, dem hauptsächlichen heutigen Hanfeld-Artikel der FAZ zufolge, allen Ernstes gern die nun ausgeschriebenen Rechte für die Champions League von 2012 bis 2015 erwerben. Und würde, weil der neue Rundfunkstaatsvertrag die bekannten Sponsorenhinweise nicht mehr gestattet, sich von diesen "freikaufen", für "pro Saison noch mal fünfzehn Millionen Euro", damit insgesamt 60 Mio. Euro pro Saison zahlen wollen. "Für den ZDF-Intendanten Markus Schächter, der im nächsten Jahr aufhört, wäre der Deal... ein schönes, wenn auch teures Abschiedsgeschenk", meint die FAZ (S. 35). +++ Ebenfalls Ärger privater Wettbewerber antizipiert andererseits dwdl.de wegen der im Mai anstehenden Umwandlung des digitalen "Theaterkanals" in "zdf.kultur", auch weil dieses Experiment besonders aufs Internet setze. +++

+++ Für die Intendanz des Saarländischen Rundfunks gibt es einen ersten offiziellen Kandidaten: Thomas Kleist, bisher Vorsitzender des SR-Verwaltungsrats, meldet die Süddeutsche. +++ Der gestrige FAZ-Artikel mit ersten Enthüllungen zur heiteren Kriminalreform des ARD-Vorabends steht inzwischen frei online. +++

+++ "Verschwunden sind die mit oft blinkenden Anzeigen überladenen und zerstückelten Layouts der Webseiten, auf denen Artikel quasi zweitrangig erscheinen. Die Anzeigen sind ganzseitig und haben die Ästhetik teurer Printkampagnen": Da stellt die FTD die Geschäftsidee von Flipboard, dem "Renner in Apples App-Store", vor. +++

+++ Und die Vampirserie "True Blood", die es trotz oder wegen hohen Lobs hierzulande nur zu RTL2 geschafft hat, beschäftigt BLZ, Tsp. sowie die Süddeutsche. +++ Welche außerdem meldet, wie es kress.de ausführlicher und frei online tut, das Burda bei einer seiner jüngeren Neuerwerbungen, dem deutschen Video-Portal Sevenload, "rund 20 der 70 Mitarbeiter" entlässt. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

 

 

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