Her mit den beweglichen Metaphern

Her mit den beweglichen Metaphern

Wie über die Berichterstattung über Japan berichten? Nahe liegende Bilder, nüchtern-frivole Zahlen und die Definition von Pietät.

Die Berichterstattung über die Katastrophe in Japan geht weiter - auch als Berichterstattung über die Berichterstattung. Ein gewöhnlicher Vorgang, könnte man meinen. Etwas betrüblich stimmt lediglich, dass die Berichte über die Berichte kontaminiert sind nicht unbeeindruckt bleiben vom Vokabular der Berichte.

Joachim Huber zeigt im Tagesspiegel mit seinem Text über die "Anne Will"-Sendung vom Sonntagabend, was in dieser Hinsicht so alles geht:

"Die große Abrechnung wird kommen, das ist sicher, der Druck im Kessel steigt unaufhörlich. Weswegen nur eine Frage bleibt: In welchem Talkreaktor kommt es zur Meinungsschmelze?"

Ob das sein muss? Immerhin ist Hubers These, die "Anne Will"-Sendung hätte auch ein viel derberes Hauen und Stechen sein können als das, welches er beschreibt, nicht uninteressant.

Im Handelsblatt liest sich die Erfolgsmeldung von den gestiegenen Zuschauerzahlen bei Nachrichtensendern wie n-tv und N 24 nur unfreiwillig komisch. Über N 24 heißt es etwa:

"Der Berliner Nachrichtenkanal hat seine Zuschauerquote auf 1,9 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe gesteigert. Das ist der höchste jemals gemessene Wert."

Mag mancher einwenden, dass man es mit der Pietät auch übertreiben könne, aber Pietät ist sowieso etwas, dass in aufs rein Wirtschaftliche fokussierten Zusammenhängen wie dem Handelsblatt keine große Rolle spielt. Der Blick auf die Zahlen ist dort immer nüchtern und frivol zugleich, was sich in den Worten von N-24-Geschäftsführer Torsten Rossmann dann so anhört:

„Es gibt ein unvorstellbares Zuschauerinteresse an dieser Apokalypse biblischen Ausmaßes."

Oder doch ein eher ein biblisches Zuschauerinteresse an dieser Apokalypse unvorstellbaren Ausmaßes? Hmm. Auf der anderen Seite hat dieses gnadenlose Gerede über Geld und Erfolg vor dem Hintergrund von Was-auch-Immer etwas Ehrliches.

"Das Interesse an den immer neuen Hiobsbotschaften wird anhalten. 'Ich glaube, diese Katastrophe wird uns länger erhalten bleiben als nur zwei oder drei Tage', sagte Rossmann in Anspielung auf einen drohenden Atom-Gau."

Nur werden die Nachrichtensender davon nicht viel haben, wie der Handelsblatt-Text am Ende nüchtern wie ein Rückversicherer bilanziert:

"Wirtschaftlich zahlt sich das hohe Zuschauerinteresse aber kurzfristig nicht aus. 'Die Kunden haben bereits ihre Werbespots gebucht. Finanziell spüren wir keinen Vorteil', sagte der langjährige N-TV-Chef Demmel. Mittelfristig gibt es allerdings schon einen positiven Effekt. Denn die Nachrichtenkanäle wie N 24 oder N TV gewinnen an Relevanz. Der Bedeutungszuwachs wird sich, so sind sich alle Beteiligten sicher, mittelfristig auch bei der Werbevermarktung günstig auswirken."

Ob das stimmt? Man weiß es nicht, hat aber seine Zweifel.

Zumal Daniel Bouhs in der Berliner die Begeisterung für n-tv und N 24 etwas dämpft:

"Die Rekordzahl von 400000 Zuschauern, die n-tv für vergangenen Freitag meldete, nimmt sich dennoch im Vergleich zu den großen Sendern bescheiden aus."

Wobei bei den großen Sendern interessanterweise die klassischen Nachrichtensendungen, also Tagesschau und heute geschaut werden, was Bouhs zu einer Kritik an dem dauersendenden Livegeschalte animiert:

"Und überhaupt zeigte sich, wie wenig es unterm Strich bringen kann, klassische Vollprogramme zu News-Kanälen umzubauen, wie sich das manche Kritiker in Krisenzeiten wünschen. Zwar können die Zuschauer mit Verblüffung zur Kenntnis nehmen, mit wie wenig Schlaf Korrespondenten wie der ZDF-Mann Johannes Hano auskommen können. Einen Erkenntnisgewinn bringt es gleichwohl nicht, wenn die Reporter im Viertelstundentakt wiederholen, was sie bereits zuvor berichtet haben - und ihnen damit zudem die Zeit fehlt, sich draußen zu bewegen, um Eindrücke zu sammeln."

Dass Eindrücke vom Ort des Geschehens die brisanteste Nachricht sind, die man in diesen Tagen bringen kann, zeigt der Text von Florian Coulmas in der NZZ. Der Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio widersteht zwar auch dem Hang zur gewagten Metaphernbildung nicht ("Informationstsunami"), liefert aber noch aus seiner subjektiven Begrenztheit interessante Eindrücke aus Japan:

"Eine Konsequenz der Internet-Revolution ist, dass man ausserhalb des Erdbebengebiets viel mehr weiss und vermeint zu wissen als dortselbst; denn die Infrastruktur ist dort völlig zusammengebrochen."

Coulmas' Blick richtet sich eher als auf die klassischen Medien auf das Funktionieren der sozialen wie Mobiltelefon und Internet und diagnostiziert darüber eine völlige Enthierarchisierung, die deutsche Nachrichtensenderchefs noch behaupten (Fernsehen als "absolutes Leitmedium", im HB-Text):

"Für viele, die Facebook, Twitter usw. als Informationsquelle zu verwenden sich angewöhnt haben, ist der Unterschied zwischen offiziellen, offiziösen und persönlichen Zeugnissen, Nachricht und Meinung, authentischem Bericht und Reality-TV fast bedeutungslos geworden."

[listbox:title=Die Artikel des Tages[Japan: Echte Eindrücke (NZZ)##Japan: Klassische Informationen (Berliner)##Japan: Pietätlose Eindrücke (SpOn)##Japan: Emotionslose Zahlen (HB)##Japan: Unglückliche Metaphern (TSP)##]]

Was der Berliner-Text von Bouhs auch streift – der zudem an das verdrängte Thema Libyen erinnert –, ist die Empörung, die Carta sie etwa über den Umgang mit Eindrücken ventiliert hatte, wie ihn das heute-journal im ZDF pflegt: Bilder der Zerstörung, unterlegt mit Musik, in diesem Fall von Massive Attacks "Teardrop" (siehe Altpapier von gestern).

Die Berliner macht in der Bewertung dieses Falls eine für Adorno-Aficionados wenig zwingende Unterscheidung.

"Neu aber ist das nicht: Das 'heute-journal' fasste unlängst auch das Geschehen in Ägypten mit musikalischer Untermalung zusammen. Dort indes war nicht nur Leid zu sehen, sondern auch ein gutes Ende, nämlich die politische Revolution."

Auch Christian Buß argumentiert in seinem Spiegel-Online-Text nicht absolut, wenn er an die, in seinen Augen, Berechtigung erinnert, die etwa das Unterlegen von 9/11-Bildern mit Enya-Pop haben konnte:

"Die Nachrichtenlage hatte bei ihrer Verbreitung einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, die Katastrophe aber war längst noch nicht bewältigt. Der Musik von Enya kam die Funktion eines Requiems für die Opfer zu, mit der das noch nicht zu Fassende überstanden werden sollte. Das kann man geschmacklos finden, aber Grabgesänge dienen nun mal nicht der Analyse. Erlaubt ist, was den Trauernden hilft."

Da mag was dran sein. Andererseits kommt die Vorstellung, dass Nachrichtensendungen für Analyse da seien, da gar nicht mehr vor. Für die Gefühle gibt es doch die Bunte.


Altpapierkorb

+++ Auch das noch. Jörg Kachelmann ist zurück in seiner Paraderolle als Kachelmann – das heißt, andere für etwas kritisieren, was man selbst als Geschäftsmodell dann besser anbieten zu können glaubt. In diesem Fall geht's um die Informationspolitik in Japan, das Vermischtesportal Welt-Online berichtet. +++

+++ Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk under pressure: In der FAZ beschreibt Jordan Mejias die Inkriminierung des National Public Radio (Seite 35) in den USA. +++ In der SZ wird die Durchsuchung des Büros einer verteidigungsministeriumskritischen Journalisten in Prag reportiert (Seite 15). +++ Und Lage der BBC unter dem neuen britischen Premier Cameron beschrieben. +++ Die Schweiz hat weiter Ärger mit ihrem "Tatort", wie die FAZ (Seite 35) einem NZZ-Interview mit der neuen SRF-Kulturchefin Nathalie Wappler entnommen hat. +++ Die ARD hat vergleichsweise geringe Probleme: den Vorabend (FAZ, Seite 35). +++ Zumal wenn man sich den Text (ebenda) über die Lage von Journalisten in der Türkei kurz vor den Wahlen durchliest. +++ In Tunesien, ist der TAZ zu entnehmen, kann das staatliche Fernsehen dagegen erstmals sein Geschäft betreiben, ohne dauernd Ben Ali huldigen zu müssen. +++

+++ Die Berliner lobt die zweiteilige MDR-Dokumentation über die DDR-Seefahrt – auch wegen des sparsamen Umgangs mit nahe liegenden Metaphern: "Wie 'DDR ahoi' nie im Episodischen stecken bleibt, sondern im Besonderen immer das Allgemeine herausarbeitet, ohne die Metapher vom 'Schiff DDR' zu überfrachten, das hebt diesen sehenswerten Zweiteiler weit aus der Vielzahl der sonst oft allzu ostig verklärten DDR-Dokus des MDR heraus." +++ Und Gerhard Stadelmaier gibt in der FAZ (Seite 35) den Fleischhauer des Tages, indem er einen Guardian-Text über das deutsche Theater auf die Stellen hin liest, die seine Ressentiments bedienen – und dabei vor lauter Verachtung das im Text gemeinte Ballhaus Naunynstraße mit dem Ballhaus Ost verwechselt. +++

Neues Altpapier gibt's morgen wieder ab 9 Uhr.

 

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