Kai Bono?

Kai Bono?

"Bild" bekommt Gegenwind von mehreren Seiten, und die Kritiker der Kritiker fragen sich: Wenn man für den Gegenwind keine Windmaschine einsetzen, sondern nur ein bisschen heiße Luft herumpusten will. Was soll er dann, dieser ganze Aufriss? Und cui bono?

Es ist immer dieselbe Masche, mit der Bild-Chefredakteur Kai "Jetzt mal Spaß beiseite" Diekmann seine Zeitung gegen Kritik verteidigt: Er zweifelt er die Integrität des Gegenübers an. Konkret klingt das im Spiegel-Interview zum Beispiel so: "Ich werfe dem Spiegel ja auch nicht vor, mit seinen unzähligen Hitler- und Goebbels-Titeln die Sentimentalitäten von irgendwelchen Alt-Nazis zu bedienen." Oder so: "Wenn das Populismus ist, dann ist auch die 'Zeit' ein Populisten-Blatt."

Man müsste sich an dieser Stelle also großflächig über das Interview auslassen, das Ullrich Fichtner für den Spiegel-Titel ("Die Brandstifter" steht unter dem Bild-Logo aus brennenden Zündhölzern – das Titelblatt sieht beinahe so aus wie Diekmanns Büro-"Bild"-Bild links) mit ihm führte. Hätte nicht der Spiegel selbst schon an anderer Stelle im Blatt einiges dazu gesagt: Die Titelgeschichte über "Bild" in Zeiten von "Bilds" Guttenberg-Verteidigung liefert Kontext und Interpretation des Interviews direkt mit.

Das Gespräch mit Diekmann, der vor gar nicht langer Zeit etwa der Süddeutschen Zeitung zeigte, wie man den Feind mit den eigenen Waffen schlägt, indem er die Redakteure dazu brachte, sich vom SZ-Magazin zu distanzieren, ist insofern journalistenmodisch betrachtet der neueste Shit: Es wird, weitgehend, zur Dokumentation von dessen Argumentations- und Sprechweise heruntergestuft.

Im Artikel heißt es etwa über das Interview:

"Jede Frage nach den Arbeitsmethoden und ethischen Standards seiner Zeitung kontert Diekmann mit Angriffen auf andere Zeitungen (...). Wer Kai Diekmann mit dem Vorwurf des Populismus kommt, erhält von ihm Antworten, die so klingen, als könnte er zwischen populistischer Verkürzung und sachlicher Argumentation nicht sauber unterscheiden."

Noch ein Beispiel: Diekmann sagt im Interview über den Prozess, den Ottfried Fischer gegen seine Zeitung gewann, er zeige, "wie überfordert die Justiz bisweilen ist und wie schlecht das Gedächtnis von Ottfried Fischer funktioniert." In der Titelgeschichte heißt es dagegen: "Fischer hat ein exzellentes Gedächtnis."

Immerhin: Für eines ist Diekmann als Stichwortgeber doch gut. Er übernimmt die Herstellung der Transparenz in Sachen "eigenen Stall ausmisten", die sich die Spiegel-Autoren dann im eigenen Text weitgehend sparen können. Etwa wenn er darauf hinweist, dass Sarrazins Buch nicht nur von Bild, sondern auch vom Spiegel vorabgedruckt wurde:

"Ihre Sarrazin-Berichterstattung zum Beispiel hat sich den Förderpreis für größtmögliche Verwirrtheit redlich verdient." (...) Das ist wie ein Haus anzuzünden und dann verwundert zu fragen: Warum brennt das hier lichterloh!? (...) Gekrönt wird das alles von dem Umstand, dass der Spiegel – anders als 'Bild' – für den Sarrazin-Vorabdruck sogar Geld gezahlt hat."

In der Spiegel-Titelgeschichte heißt es, wo es um Sarrazin geht, dann lapidar in Klammern: "auch der Spiegel druckte Auszüge ab".

[listbox:title=Artikel des Tages[Carta liest nur Geschichtchen##Spiegel wieder links (taz)##Leitmedium? (SZ)##Holofernes in Interview und Anzeige (taz)##Fresse halten als Lösung (TSP)]]

Die Sarrazin-Verwobenheit des Spiegels ist dann auch Anlass für Spott bei eingen anderen. Die taz etwa reagiert in der Seite-1-Glosse "verboten", indem sie dem Spiegel selbst brandstiftende Titel vorhält.

Für die taz allerdings fasst Steffen Grimberg kommntierend zusammen, gekürzt auch im Blatt: "Unter seinen neuen Chefredakteuren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron wird der Spiegel wieder spürbar linker. Welcome back!" – was insofern vielleicht etwas ungünstig formuliert ist, als soeben die Aufgabentrennung der beiden bekannt gegeben wurde.

Kurt Sagatz fasst den Spiegel-Aufmacher im Tagesspiegel zusammen und hat den Springer-Sprecher zu einer Meinung befragt und ein Pfft, verbunden mit einer Wegwischbewegung, eingeholt.

Die Süddeutsche Zeitung, für die sich Christopher Keil das Verhältnis von Spiegel und Springer über die Jahre vornimmt, hält fest: "Die Titelgeschichte jetzt, die nichts Großes enthüllt, arbeitet sich stellenweise sehr an dem Bild-Trick ab, sich als Leitmedium zu gerieren - aber ein Leitmedium ist Bild nicht. Lesenswert ist die Cover-Geschichte dennoch".

Am härtesten ins Gericht mit dem Spiegel geht Robin Meyer-Lucht für Carta, wo er die Geschichte über Bild zusammenfasst. Er bemängelt, es gebe, statt Recherchen, die über jene des Bildblogs hinausgingen, eine Darbietung von "Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten" etc.:

"Die Kernthese des Textes lautet: Die Macher von Bild seien neuerdings der Meinung, 'ihr Blatt markiere die gesellschaftliche Mitte'. Tatsächlich aber spiele die Zeitung 'die Rolle einer rechtspopulistischen Partei, die es in Deutschland noch nicht gibt.'" (Fettungen im Original)

Aber:

"Wie genau passt die zu Guttenberg-Protektion durch Bild mit dem Rechtspopulismus-Vorwurf zusammen? Wie genau lief die diskursive Inszenierung der zu Guttenberg-Verteidigung in Bild? Wie lautet die rechtspopulistische Agenda von Bild? (...)Die gemeinsame Klammer von Rechtspopulismus und Guttenberg-Protektion besteht augenscheinlich darin, dass Bild schamlos Mehrheiten für populistische, chauvinistische und anti-elitäre Ziele mobilisiert: Die Popularität eines Ministers wird zum selbstragenden Argument."

Das dickste Ei kommt am Schluss: "Schwer vorstellbar, dass Bild diese Geschichte schaden könnte."

Andere, etwa (Ex?-)Bildblogger Christian Jakubetz, kritisieren, dass es sich bei dem, was das Autorenkollektiv des Spiegels (das, was die Anzahl der Namen angeht, gewohnt guttenbergisch daherkommt) über Bild schreibt, um "eine bessere Bildblog-Zusammenfassung (ohne den Namen Bildblog auch nur ein einziges Mal zu erwähnen)" handle.

Womit wir Wir sind Helden wären, dieser Band da, die eine Anfrage der Bild-Werbeagentur Jung von Matt/Irgendwas abschlägig beschied, worüber das Bildblog berichtet hatte. Es handelt sich um jene Kampagne, in deren Rahmen Prominente ihre Meinung über "Bild" plakatieren dürfen, auch wenn es eine schlechte ist – wodurch sie dann eben doch in die Reihe der "Bild"-Freunde eingemeindet werden. Das ist es, unter anderem, was Sängerin Judith Holofernes "perfide" nennt.

Es gibt im Nachklang dazu drei Urteile über ihren Offenen Brief.

Erstens: Endlich sagt's mal jemand, danke, Wir sind Helden. Gängig im Netz, vor allem die frühesten Reaktionen waren sehr positiv.

Zweitens: Kritik an der Kritik. "Man kann das", also Holofernes Antwort, "subversiv und kritisch finden", wie die SZ am Samstag schrieb. "Muss man aber nicht" angesichts der Tatsache, dass auf die Art nebenbei sowohl "Bild" als auch Band viel Aufmerksamkeit bekommen und davon profitieren.

Zweieinviertelstens: Gegen "Bild" zu sein, das ist so gesellschaftskritisch, wie gegen Hunger zu sein. Insofern genauso jämmerlich wie Spendengalen, bei denen Promis sich in Abendkleider stecken, um auch mal "was zu tun". Ein jämmerlicher Rest von Kritikfähigkeit des grünen "juste milieu", dem die Band zugeschlagen wird. (Gelesen im halböffentlichen Bereich des Netzes.)

Zweieinhalbtens: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", zitiert Johannes Schneider auf Tagesspiegel Online den Kollegen Wittgenstein – und meint: Fresse halten wäre für Holofernes besser gewesen.

"Ihre Äußerung mag 'Bild'-kritisch sein, Ihre Botschaft ist es unwillkürlich nicht. Die ist allein: Es wird über 'Bild' geredet, das ist gut für 'Bild'. Sie wollten nicht mit einem 'Bild'-kritischen Statement in einem 'Bild'-Plakat erscheinen, letztendlich plakatieren Sie viel breiter: "Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument", den Satz, den Sie nirgendwo lesen wollten, speisen Sie höchstselbst ins Netz, und die Werber der 'Bild' lachen sich – traurig, aber wahr – ins Fäustchen."

Drittens: Kritik an der Kritik der Kritik. Die geht so: "Bild" kann nicht totgeschwiegen werden. Man kann vermutlich relativ leicht dem Frauenfußball oder dem Eisschnelllauf die Aufmerksamkeit entziehen, da muss nur mal der ZDF-Sportchef wechseln – und tschüss. Oder vielleicht noch Bastian Sick. Bei Bild wird das nicht gelingen ohne eine große Übereinkunft darüber, dass Bild ein Haufen Mist ist (was man ja wohl noch sagen dürfen wird). Und diese Übereinkunft wird man eher mit Briefen im Holofernes-Stil erreichen als mit Einlassungen zur Aufmerksamkeitsökonomie, die nebenbei selbst wieder die Aufmerksamkeit für "Bild" steigern.

Zu erwähnen wäre noch, dass die taz ausführlich mit Holofernes gesprochen hat. Auch über das Cui-bono-Problem. Was aber vor allem in der Montags-taz schon vorab für Diskussionen sorgt (jedenfalls extern, jedenfalls im halböffentlichen Bereich von Facebook), ist die Anzeige auf Seite 5: Sie ist von Bild und enthält Holofernes kompletten Brief mit dem Zusatz "Danke für Ihre ungeschönte und unentgeltliche Meinung, Frau Holofernes".


Altpapierkorb

+++ Die Oscars wurden verliehen: anbei die heißesten Küsse vom Filmball, allerdings dem Deutschen +++

+++ Noch mehr Bild: "So einfach lässt sich 'Bild' sein Produkt nicht aus dem Regal nehmen", ordnet Dietrich Leder im Funkkorrespondenz-Aufmacher die Medienauftritte von Ex-Dr. Guttenberg ein – die  Show im Detail zum Nachlesen +++ Die FTD über die Umfragemethodik im Hause Springer +++ "Wenn es Guttenberg gelingt, im Amt zu bleiben, wird er endgültig in Springers Hand sein. Der Hausminister der Bild-Zeitung. Der Dieter Bohlen der Politik. Und so wie der Pop-Titan Bohlen ohne Bild nicht denkbar ist, wird dann auch der Polit-Olympier Guttenberg ohne Bild nicht mehr denkbar sein." Schreibt Jakob Augstein im Leitartikel des Freitags (bei dem ich derzeit arbeite) +++

+++ Ebenfalls im Freitag: Konstantin NevenDuMont  bespricht Walter Kohls Buch +++ Die SZ schreibt darüber auf S. 15: "Immerhin wurde bei dem Artikel bereits 222 Mal auf den ,Gefällt mir"-Button geklickt." +++

+++ 20 Jahre Pay-TV in Deutschland: Berliner, KSTA und DWDL +++

+++ Die FAS über Lutz Hachmeisters "Joe McCarthy"-Dokumentation, die "in ausgewählten Kinos und im Herbst auf Arte" läuft +++ +++ Mehr Fernsehprogramm: Die Berliner Zeitung zum Arte-Schwerpunkt Mode +++ Die FAZ (S. 33) bespricht "Tod in Istanbul" (20.15 Uhr, ZDF) +++ Die taz und die SZ ebenfalls, mal mehr, mal weniger anhand beteiligter Personen +++ Der Tagesspiegel schreibt über "DSDS" +++ Und über Ballerspiele im Bundestag +++

Das Altpapier gibt es wieder am Dienstag gegen 9 Uhr.

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