Der Vorsitzende des Weltkirchenrats, Heinrich Bedford-Strohm, hat nach seiner erneuten Reise nach Kiew auf die zunehmende Belastung der Bevölkerung in der Ukraine aufmerksam gemacht. "Diese Phase des Kriegs ist von Erschöpfung und Ermüdung geprägt", sagte der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Interview mit dem Portal evangelische-zeitung.de.
Er erklärte erneut die Dringlichkeit von Friedensbemühungen: "Umso mehr - das ist für mich klar - muss man jede Möglichkeit ergreifen, die dazu führen kann, dass die Waffen endlich schweigen und das Leid ein Ende hat."
Seit seinem ersten Besuch in der Ukraine sei die Lage schwieriger geworden. "Wenn man nach Kiew reinfährt, staunt man, dass immer noch der Eindruck einer Normalität da ist", sagte Bedford-Strohm. Die Menschen hätten sich zwar an den Krieg gewöhnt und Strategien zum Überleben entwickelt, dennoch seien sie traumatisiert.
"Die Menschen müssen sich entscheiden: Entweder nehmen sie jeden Alarm ernst und schlafen kaum noch oder sie schalten die Alarm-App einfach ab."
Neben Treffen mit dem ukrainischen Kirchenrat und Regierungsvertretern erlebte er die schwierigen Lebensumstände während der nächtlichen Luftangriffe mit. "Die Menschen müssen sich entscheiden: Entweder nehmen sie jeden Alarm ernst und schlafen kaum noch oder sie schalten die Alarm-App einfach ab."
Trotz der Vorwürfe gegen die Ukrainische Orthodoxe Kirche, mit dem Kreml zu sympathisieren, mahnte Bedford-Strohm vor Verallgemeinerungen. Hochrangige Vertreter hätten der Delegation ihren Widerstand gegen den Krieg glaubwürdig versichert und vom Leid ihrer eigenen Priester berichtet. Bedford-Strohm räumte zwar ein, dass es Kollaborateure in besetzten Gebieten geben könne, stellte jedoch klar: "Aber deshalb sollte man nicht eine ganze Kirche in den Verdacht stellen, Knechte Moskaus zu sein."
Auch an der Mitgliedschaft der russisch-orthodoxen Kirche im Ökumenischen Rat der Kirchen hält der Vorsitzende trotz der Haltung ihres Oberhaupts Kyrill I. fest. "Wir dürfen die letzten Fenster zwischen der russischen Propaganda und anderen Perspektiven nicht schließen", sagte Bedford-Strohm. Zwar sei die Kirche keine Widerstandskraft, doch der Dialog lohne sich.
Scharfe Kritik äußerte er an Parteien in Deutschland, die ein verfälschtes Bild des Aggressors zeichnen oder eine Täter-Opfer-Umkehr zugunsten Russlands befeuern. "Die Verdrehung der Tatsachen ist unerträglich", sagte Bedford-Strohm und fügte hinzu: "Es ist schlichtweg eine Lüge, so zu tun, als sitze der Aggressor in der Ukraine."



