Wenn wir von Kriegen und Konflikten erfahren, bleibt unser mediengelenkter Blick oft oberflächlich und wir sehen nur noch die Explosionen, die Zerstörung. Was ist aber mit den Menschen, die an Ort und in Stelle, ob nun in der Ukraine oder Gaza, irgendwie weitermachen müssen? Wie lebt es sich zwischen Trümmern, wie kehrt der Alltag zurück, wie wird er trotz allem aufrecht gehalten? Auf menschliches Leben in aktuellen Kriegsgebieten schauen vier Bücher, die das Evangelische Literaturportal diese Woche empfiehlt.
Chronik des eigenen Atems
Ein lyrisches Tagebuch, in dem der Dichter aus Charkiw nach Sprache sucht für das Davor und das Danach des russischen Großangriffs.
Eine Sammlung an Gedichten über die Einsamkeit in der Stadt, den Wechsel der Jahreszeiten, die leise Liebe. Unter anderen Umständen müssten die Gedichte nicht datiert und chronologisch sortiert sein. Doch inmitten des im März 2021 beginnenden lyrischen Tagebuchs von Serhij Zhadan, der in Luhansk in der Ostukraine geboren wurde und in Charkiw lebt, klafft ein Loch: Sprachlose Monate nach dem russischen Großangriff im Februar 2022. Und dann wieder das tastende Suchen nach Worten für eine Zeit im Krieg, von der nur die "Davongekommenen", zu denen sich der Dichter selbst zählt, erzählen können.
Auch dank der großartigen Übersetzung von Claudia Dathe entwickelt die Poesie von Zhadan eine eindrückliche Kraft. Beim Lesen entstehen Kulissen eines Landes, das Düsteres ahnt und mehr und mehr erlebt. Die Lektüre dieses besonderen Tagebuchs berührt und zeigt einmal mehr, welche Kraft Poesie zu allen Zeiten entfalten kann.
Für Poesie-Liebhaber:innen, die sich der Ukraine rund um den russischen Großangriff nähern wollen. Hannah Woernle
Zhadan, Serhij : Chronik des eigenen Atems. 50 und 1 Gedicht. Serhij Žadan. Dt. von Claudia Dathe. Berlin: Suhrkamp 2024. 122 S. ; 18 cm. Aus d. Ukrain.
ISBN 978-3-518-12840-4, kt.: 20 €
Der Buchhändler von Gaza
Kein Ende in Sicht ... ein Leben in Gaza.
Es ist 2014 in Gaza-Stadt. Ein palästinensischer Buchhändler erzählt inmitten seiner Bücher die Geschichte seiner Familie. Ein Fotojournalist hört ihm - für die Erlaubnis zu fotografieren - zu. Er erhält jedoch als Gegenleistung noch viel mehr: vorbehaltlose Gastfreundschaft inmitten der zerstörten Umgebung eines traumatisierten Volkes, Buchgeschenke und vor allem eine berührende, dramatische Familiengeschichte.
Geboren in ärmlichsten Verhältnissen nahe Haifa, musste der Buchhändler 1947 mit seiner Familie nach einem Angriff der Irgun fliehen. Es folgte ein jahrzehntelanger Überlebenskampf in Zeiten der Besatzung und der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzungen.
Der Fotograf und der Buchhändler bleiben in Kontakt, bis der 7. Oktober 2023 ihn abbrechen lässt. Als eine Reise in den Gazastreifen 2025 wieder möglich wird, ist immer noch kein Ende der Litanei von Vergeltung auf Vergeltung in Sicht. Ein schmaler Roman, geschrieben in der ungewöhnlichen und intensiven Du-Form. Eine Familiengeschichte in einem seit Generationen gebrandmarkten Gebiet, für dessen Probleme es keine Lösung zu geben scheint.
Berührend und hochaktuell, ohne der Versuchung zu erliegen, zu einfache Antworten zu geben. Katrin Hedke
Benzine, Rachid: Der Buchhändler von Gaza. Roman. Rachid Benzine. Dt. von Andreas Jandl. München: Piper 2026. 124 S. ; 21 cm. Aus d. Franz.
ISBN 978-3-492-07457-5, geb.: 22 €
Zugwind
Wie lebt eine junge ukrainische Ärztin in Deutschland mit einer vollen Praxis und dem Herzen in der bombardierten Heimat Odessa?
Ebenso wie die Autorin ist die Protagonistin Mira lange vor dem Ausbruch des Krieges mit Mann und Kind nach Deutschland gekommen und hat sich als Ärztin in Süddeutschland niedergelassen. Der Titel gebende "Zugwind" ist das Symbol für die Schuldgefühle und die Verzweiflung, die sie beschleichen, seit die Ukraine angegriffen wird. Seitdem bilden sich auch Schlangen von Ukrainerinnen und Ukrainern, die nicht nur auf die Behandlung ihrer körperlichen Beschwerden, sondern auch auf Rat und Trost hoffen.
Wie soll die lebensfrohe und kluge junge Frau mit all den Schicksalen und ihrer eigenen migrantischen Existenz umgehen? Eine kurze Reise nach Odessa, wo sie neben Bombenalarm auch Party, genussvolle Momente am Strand und das Wiedersehen mit der 90jährigen Oma erlebt, füllt die Energiespeicher wieder auf.
Es besticht, in welch munterem, manchmal schnodderigen, aber immer treffenden Ton die Autorin sowohl ihren eigenen Lebenshunger als auch das durchaus kritische Mitfühlen mit ihren Landleuten beschreibt. Ein Buch über das Trotzen gegenüber einer manchmal bitteren Realität. Ein Buch, das leicht Themen wie Heimat, Gemeinschaft, Familienbande und Migration verbindet.
Ein guter Einblick in gegenwärtiges ukrainisches Leben in Deutschland. Empfohlen auch für jüngere Frauen. Gabriele Kassenbrock
Fingerova, Iryna: Zugwind. Roman. Iryna Fingerova. Dt. von Jakob Walosczyk. Hamburg: Rowohlt Hundert Augen 2026. 301 S. ; 21 cm. Aus d. Ukrain.
ISBN 978-3-498-00800-0, geb.: 24 €
Kämpferinnen
Eine Ukrainerin erlebt den Tag der Eskalation während der Euromaidan-Proteste.
Kiew am 19. Februar 2014: Die nach dem zentralen Platz Maidan benannten pro-europäischen Massenproteste und die Gegenmaßnahmen der russlandfreundlichen Regierung nehmen ständig zu. Die Alleinerziehende Katja macht sich Sorgen um ihren dreizehnjährigen Sohn Danylo, weil seine Schule mitten in der Innenstadt liegt. Sie versucht, ihn abzuholen, aber beide geraten in die gewalttätigen Auseinandersetzungen.
In Rückblenden geht es um ihr Leben mit wenig Geld in der abseits des Zentrums noch sehr von der Sowjetära geprägten Stadt. Die Autorin schreibt unkompliziert, aber anschaulich und wechselt geschickt zwischen Zeitebenen. Ein Glossar und eine Chronik im Anhang erleichtern die Einordnung der wegweisenden Geschehnisse, die durch die folgende Besetzung der Krim und des Donbass im selben Jahr und den russischen Angriffskrieg ab 2022 schon etwas in Vergessenheit geraten sind.
Für alle, die an ukrainischer Zeitgeschichte aus Sicht einer normalen Bürgerin interessiert sind. Tobias Behnen
Sachartschenko, Olena: Kämpferinnen. Ein Roman über den Majdan. Olena Sachartschenko. Dt. von jutta Lindekugel. Weimar: Mauke Verl. 2024. 352 S. ; 21 cm. Aus d. Ukrain. ISBN 978-3-948259-20-4, geb.: 24 €
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