Wie Annett Gröschner das 20. Jahrhundert zum Leben erweckt

Annett Gröschner mit Buch "Schwebende Lasten"
epd-bild/Timm Schamberger
Autorin Annett Gröschner mit ihrem Werk "Schwebende Lasten", das in Nürnberg mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.
Ev. Buchpreis für "Schwebende Lasten"
Wie Annett Gröschner das 20. Jahrhundert zum Leben erweckt
Annett Gröschner hat für ihr Buch "Schwebende Lasten" den Evangelischen Buchpreis verliehen bekommen. Das Buch beschreibt das Leben von Hanna Krause, die in Magdeburg beinahe das gesamte 20. Jahrhundert erlebt: Nazi-Herrschaft und Bombenkrieg, DDR und friedliche Revolution. Hanna ist Blumenbinderin und Blumenversteherin. Später wird sie Kranführerin. Zum Schluss pflanzt sie Sonnenblumen dort, wo einmal das Haus in Magdeburg stand, in dem sie wohnte. Sie bekommt Kinder und verliert zwei von ihnen. evangelisch.de-Redaktionspfarrer Frank Muchlinsky sprach mit der Preisträgerin.

Der Evangelische Buchpreis wird durch das Evangelische Literaturportal (Eliport) verliehen. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und ist ein Publikumspreis. Sämtliche Buchvorschläge stammen von Leser:innen. Bei der Verleihung des Literaturpreises in Nürnberg sprach Redaktionspfarrer Frank Muchlinsky mit der Preisträgerin.

Frank Muchlinsky: Frau Gröschner, Ihr Buch hat mir sehr gefallen und es hat auch mich – wie viele andere Leserinnen und Leser – an meine Großeltern erinnert. Daher kam mir folgende Frage: Meine Großeltern sind bereits tot – diese Generation stirbt jetzt. Hanna ist auch tot, und es wird allgemein beklagt, dass uns die Zeitzeugen ausgehen. Kann Hanna Krause als literarische Figur da eine Lücke füllen?

Annett Gröschner: Als ich über meine Rede nachdachte, habe ich auch darüber nachgedacht: Die Johanniskirche, die im Roman eine große Rolle spielt, stand als Mahnmal, als Ruine da. Ihr Wiederaufbau Anfang der 90er-Jahre war sehr umstritten – wieder aufgebaut, aber nicht als Gotteshaus, sondern als Veranstaltungshaus. Und da gab es viele Leute, die sagten: Wenn man solche Mahnmale nicht mehr hat, dann vergisst man auch sehr schnell, was Krieg und Faschismus bedeutet haben. Und ich muss leider sagen: Da ist was dran. Man fragt sich das ja auch in der Gedenkstättenforschung: Was macht man, wenn keine Zeitzeugen mehr da sind?

Und ich denke, dass so jemand wie Hanna da beitragen kann. Denn sie wird für viele als eine Figur gesehen – was ich beim Schreiben gar nicht so bedacht habe –, aber als eine, die wirklich etwas zu erzählen hat. Und zwar als eine, die eigentlich nicht glaubt, erzählen zu dürfen oder zu können. Ich glaube, das ist das, was sie kann. Ich wollte mit ihr eine Figur schaffen, die man nicht als Heldin bezeichnen kann, sondern als eine, die das Leben so hinnehmen musste, wie es kam, weil sie keine Kraft, keine Möglichkeiten und keine Macht hatte, sich dagegen aufzulehnen.

Gruppenbild anlässlich der Verleihung des Evangelischen Buchpreises an Autorin Annett Gröschner in Nürnberg - im Foto: Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl als Vorsitzender des Evangelischen Literaturportals (r.) und Stefanie Drüsedau, Vorsitzende der Jury, (l.).

Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Ich bin quasi aufgewachsen mit lauter Helden um uns herum – lauter Widerstandskämpfer, die irgendwie Helden waren. Und die wurden, je länger, je mehr Zeit verging, immer statischer – und das hat auch dazu geführt, dass man selbst dachte: So kann man überhaupt nicht sein.

Und ich wollte mit Hanna eine Figur haben, die genau das Gegenteil ist von diesen Helden: die nicht vorher weiß, was am Ende rauskommt bei der Geschichte, und irgendwie immer Schritt für Schritt geht, einfach mitgeht. Ein Held muss eintreten. Ja, der Heldenbegriff ist für mich immer schwierig. Obwohl ich natürlich als ausgebildete Germanistin weiß, dass es literarische Helden und auch Heldinnen gibt. Aber der Begriff scheint mir doch irgendwie schwierig.

Das Blumengemälde von Ambrosiua Bosschaert zieht sich durch den Roman. Die Kapitelüberschriften bezeichnen immer eine Blume oder ein anderes Detail des Gemäldes. Wenn das Bild selbst im Roman vorkommt, dann wird die Stimmung melancholisch. Vor allem gegen Ende des Buches. Hanna hat diesen Strauß gemacht, der eigentlich gar nicht herzustellen ist, und ist trotzdem nur kurz fröhlich darüber. Ist mir irgendwas entgangen, oder hat Hannas Leben auch was Positives? Etwas, wo ich mich für sie freuen kann?

Gröschner: Ich finde schon. Dass sie am Ende einfach dieses Kunstwerk hinterlässt. Sie hinterlässt ihren Töchtern ein Rätsel. Für mich ist das ein Moment, in dem sie die Hoheit über alles hat. Am Ende ihres Lebens macht sie etwas, was völlig absurd ist und Rätsel aufgibt – und kann dann lachend von dieser Welt gehen. Und das finde ich tröstlich.

Nach der schrecklichen Sache mit dem Bombenangriff kommt dieses Kapitel, in dem Hanna nachdenkt, und wo es dann heißt: Es hatte keinen Sinn mehr, dachte Hanna, anständig geblieben zu sein. Die Anstrengungen waren umsonst gewesen. Die Bomben machten keinen Unterschied. Das klingt so resigniert, aber sie verändert sich ja nicht – sie wird nicht unanständig.

Gröschner: Nein, aber aus ihrer Situation heraus ist das verständlich. Man kommt aus diesem Schlamassel raus, hat irgendwie überlebt und denkt sich: Das hat alles keinen Sinn mehr. Und dass sie weitermacht, heißt ja, dass sie dann doch wieder einen Sinn hat. Sie könnte jetzt sagen: Okay, das war es jetzt, ich gehe auch von dieser Welt – aber das macht sie nicht. Sie macht weiter.

Und was sagt Annette Gröschner? Lohnt es sich, anständig zu sein?

Gröschner: Ich finde, anständig ist ein sehr ambivalenter Begriff. Auch Himmler hat gesagt: Meine Leute waren anständig. Und die haben quasi Millionen Menschen umgebracht. Also ich finde, das kommt eher aus Hannas Wortschatz. Ich würde anständig selbst nicht verwenden, aber das ist so. Das ist die Generation, die so etwas sagt. Trotzdem glaube ich, dass auch ich versuche, mich nicht schuldig zu machen. Das geht den meisten von uns so. Aber anständig bleiben würde ich als Wort nicht verwenden.

Eine letzte Frage: Inwieweit ist Schwebende Lasten ein Ostroman? Das Buch wird gern so beschrieben?

Gröschner: Ich würde sagen: Hier ist es anders. Ich habe sehr viele Bücher geschrieben, die sich mit der ostdeutschen Vergangenheit, der Transformation oder der Gegenwart beschäftigen. Als ich 2000 Moskau Eis schrieb, war ich die Exotin, wenn ich in den Westen fuhr und von einem eingefrorenen Vater vorlas. Bei diesem Buch ist das überhaupt nicht so. Letztes Jahr war ich Stadtschreiberin in Mainz und habe bestimmt 15 Lesungen in Mainz und Umgebung gemacht. Und ich habe diesen Abstand nicht mehr gespürt. Ich glaube, es macht einen Unterschied, wer zu den Lesungen kommt.

Im Osten ist es durchlässiger – zwischen den Schichten. Im Westen ist es manchmal anders, aber auch nicht überall. Im Ruhrgebiet waren auch Leute, die sagten: "Ja, meine Großmutter war auf dem Kran." Oder ganz paradox in Freiburg: Eine Frau erzählte, ihre Mutter habe in der DDR Medizin studiert, sei in den Westen gegangen und habe dort als Kranfahrerin gearbeitet. Wo man erstmal denkt: "Das glaube ich jetzt nicht." Aber auch das gab es.