Protagonistin Hanna Krause wird im Kaiserreich geboren und erlebt fast alles, was das 20. Jahrhundert in Deutschland bereithält: zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, zwei Demokratien, politische Umbrüche, Bombennächte, Wiederaufbau und Mangelwirtschaft. Sie bringt sechs Kinder zur Welt, verliert zwei von ihnen, führt einen Blumenladen im Magdeburger Armenviertel Knattergebirge und arbeitet später als Kranfahrerin im Schwermaschinenbau. Ein einziges Leben, in das Autorin Annett Gröschner ein ganzes Jahrhundert legt. Für ihren Roman "Schwebende Lasten" wird sie am Mittwoch in Nürnberg mit dem Evangelischen Buchpreis 2026 ausgezeichnet.
Aufgewachsen als Waise bei ihrer älteren Halbschwester Rose, arbeitet die fiktive Hanna Krause früh im Blumenladen und heiratet einen Versicherungsvertreter. Als der seine Arbeit verliert, eröffnet Hanna selbst einen Blumenladen und baut sich dort eine fragile Existenz auf. Das Leben bleibt von Einschnitten geprägt.
Nach Krieg und Umbrüchen findet Krause in der DDR eine neue Arbeit und schult zur Kranfahrerin im Schwermaschinenbau um. Dort arbeitet sie in einer Welt aus Stahl, Gewicht und Präzision.
Die Idee zu "Schwebende Lasten" entstand bereits 2013. Über Jahre arbeitete die Autorin daran - mit Unterbrechungen: "Ich musste ja zwischendurch auch mal Geld verdienen", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren und lebt seit 1983 in Berlin. Die Stadt ihrer Kindheit prägt ihren Roman. Magdeburg komme bisher selten in Romanen vor, sagt sie: "Dabei ist Magdeburg eine Stadt voller Geschichten." Die erzählt Gröschner in "Schwebende Lasten". Da ist das Knattergebirge, das frühere Arbeiter- und Armenviertel, das im Krieg verschwindet und später nur noch in Resten und Lücken existiert: Hinterhöfe, enge Wohnungen, der Blumenladen, später die Werkhallen des Schwermaschinenbaus. Orte, die sich verändern und mit ihnen das Leben der Menschen.
"Geschichten müssen wahrhaftig sein"
Beim Schreiben ihrer Romane sei Gröschner vor allem eines wichtig: "Die Geschichten müssen wahrhaftig sein", sagte sie dem epd. Es gehe ihr nicht darum, eine bestimmte Wirkung zu erzeugen oder eine These zu bedienen. Für die Figur Hanna Krause hat sie mit vielen Frauen gesprochen, Lebensgeschichten gesammelt und Interviews geführt. Auch in Archiven habe sie lange recherchiert. Die genaue Recherche sei für sie ein zentraler Teil des Schreibprozesses. Sie sei nicht der Typ, der am Schreibtisch sitze. Ihre Ideen kämen ihr auf anderen Wegen, berichtete sie.
Ihre Ideen schreibt Gröschner "erst mal per Hand" in ihr Notizbuch, erst später werden sie in Form gebracht. Wichtig sei ihr die Arbeit an den Figuren. Sich in sie hineinzuversetzen, sei zentral für ihr Schreiben. "Man muss jede Figur gleichermaßen lieben", erläuterte die Autorin im epd-Gespräch. Gröschner erzählt unaufgeregt und lakonisch, dabei zugleich poetisch. Blumen ziehen sich durch den Roman. Sie tauchen in Hannas Alltag immer wieder auf: im Laden, im Privaten, in Erinnerungen. Auch die Kapitel tragen Blumennamen und geben dem Roman eine leise, eigene Ordnung. Für Gröschner war von Anfang an klar: Krause ist Blumenhändlerin.
Für ihre literarischen Werke erhielt Gröschner bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Großen Kunstpreis Berlin und den Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis. Mit "Schwebende Lasten" stand sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025. Dass Gröschner nun den seit 1979 vom Evangelischen Literaturportal vergebenen und mit 10.000 Euro dotierten Evangelischen Buchpreis erhält, habe sie überrascht: "Ich bin selbst nicht mal getauft." Auch ihre Figur Hanna Krause stehe der Kirche eher distanziert gegenüber: "Die Kirche ist für Hanna ein Raum, in dem man mal durchatmen kann - mehr auch nicht."
Dass die Wahl auf "Schwebende Lasten" fällt, begründet die Jury vor allem mit der Figur Hanna Krause. Sie bewege sich durch ein politisch aufgeladenes Jahrhundert, ohne selbst zur Akteurin historischer Erzählungen zu werden. "Sie ist keine große Widerstandskämpferin, aber auch keine Opportunistin", sagt Jurymitglied Miriam Weinrich im epd-Gespräch. Darin liege die politische Kraft des Romans.
Gröschner erzähle Geschichte aus dem Alltag einer Frau, deren "Leben von Arbeit, Fürsorge, Verlust und dem täglichen Durchhalten geprägt ist". Damit stehe die Protagonistin für unzählige andere Frauen, die keine Stimme erhalten.




