Warum uns Zwitschern glücklich macht

Ein Schwarm Stare  sitzt auf Telefonkabeln
epd-bild / Anton Luhr
Warum zwitschern Vögel im Frühling besonders laut und auffallend?
Singles singen besonders schön
Warum uns Zwitschern glücklich macht
Im Frühling buhlen die Vogelmännchen lautstark um die Wette und tun uns Menschen damit unbewusst etwas Gutes. Doch warum beruhigen uns Meisen-Konzerte messbar, während Krähen-Krächzen nervt? Und wie entdeckt die Jugend gerade das "Birding" als Kontrapunkt zum digitalen Alltag?

Das Tschilpen der Spatzen, das Zi-zi-beeh der Kohlmeisen und das melodische Flöten von Amsel oder Mönchsgrasmücke ist im Frühling fast überall zu hören - auch im Karlsruher Naturschutzgebiet "Fritschlach". Trotz des grau-regnerischen Wetters sind etwa 20 Personen zu einem Vogelstimmen-Abendspaziergang gekommen.

Am Horizont ist ein Turmfalke an dem typischen Rüttelflug erkennbar und seinem typischen "Ki-ki-ki"-Ruf. Gemeinsam mit Experten von Nabu und Naturschutzzentrum spaziert die Gruppe durch die Rheinauen, begleitet von Rufen des Kuckucks, dem Gezwitscher von Amsel, Zilpzalp und Mönchsgrasmücke sowie dem Gurren von Ringeltauben. Deren fünfsilbiger, heiserer Balzgesang lasse sich mit dem Spruch "Nur Buße tut gut" merken, den die Männchen zur Revierbesetzung und Paarungswahl verwendeten, erklärt der Geschäftsführer des Naturschutzzentrums Karlsruhe, Andreas Wolf.

Warum Vögel im Frühling besonders laut und auffallend zwitschern, hat einen wichtigen Grund, sagt der Biologe und Ornithologe Christoph Randler von der Universität Tübingen: Je variantenreicher die Vogelmännchen sängen, desto größer sei ihre Chance, bei den Weibchen zu punkten. "Die Singles unter ihnen singen besonders schön."

Vogelgesang reduziert Stress 

Das wirke sich auch positiv auf die Menschen aus. Der Vogelgesang signalisiert der menschlichen Psyche, dass alles in Ordnung ist, wie Randler sagt. "Wenn die Vögel entspannt sind, dann droht kein Unwetter oder eine andere Gefahr", erläutert der Biologe im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Bei vielen Tieren können wir erkennen, ob sie Laute produzieren, die auf eine Gefahr hinweisen."

Der Professor hat bei seinen Forschungen festgestellt: Vogelgesang beruhigt den Menschen messbar, reduziert Stress, hellt die Stimmung auf und steigert so das Wohlbefinden. Besonders angenehm werde der Gesang von Amsel, Nachtigall, Gartengrasmücke und Pirol empfunden.

Dazu luden er und sein Team Interessenten in Gruppen mit unterschiedlichen Vorgaben zu Vogelspaziergängen in den Botanischen Garten der Universität Tübingen ein. Davor und danach wurden Blutdruck, Puls und der Gehalt des Stresshormons Cortisol im Speichel gemessen. Die Werte seien danach niedriger gewesen: "Den Leuten ging es besser als vorher."

Dabei sei es nicht wichtig, die Vögel zu erkennen. Es spiele zudem keine Rolle, ob ihr Gesang vom Band abgespielt werde oder von Vögeln in der Natur stamme, hat Randler beobachtet. Auch Vogelzwitschern via App oder CD könne sich positiv auf Menschen auswirken.

Das zeigt auch eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Hamburg: Schon sechs Minuten tägliches Hören von Vogelgesang mildern demnach Angstsymptome und Paranoia und steigern das Wohlbefinden.
Schon länger sind die gesundheitsfördernden Wirkungen des Waldbadens bekannt, eines entspannten Spaziergangs in der Natur. Ob Vogelgesang dabei die wohltuenden Effekte verstärkt, kann Randler nicht sagen. Es sei schwierig, das experimentell zu trennen, denn: "Beim Waldbaden hören Sie immer auch Vogelstimmen."

Krächzende Vogelrufe nerven

Vogelgesang kann aber auch nerven. Eintönige Rufe seien weniger beliebt als abwechslungsreiche, melodische Gesänge. So werde das Krächzen von Krähen oder Schleiereulen eher als unangenehm empfunden, sagt Randler. Das Krächzen der Nilgänse klinge gar so, als ob sie "Werbung für Hustentabletten machen" würden.

Besonders beliebt sei hingegen der Gesang der Mönchsgrasmücke, die auch Nachtigall des Nordens genannt wird. "Sie singt extrem gut und schön und wird deswegen oft mit einer Nachtigall verwechselt." Obwohl sie in Mitteleuropa weitverbreitet sei, kenne kaum jemand den unscheinbar aussehenden Vogel mit dem grauem Gefieder, hat der Forscher festgestellt.



Randler bietet regelmäßig Vogel-Exkursionen die sehr stark nachgefragt würden. Seit einigen Jahren schwappe der "Birding"-Trend aus den USA nach Deutschland über. Dass dadurch auch mehr junge Menschen in die Natur gingen, finde er "total gut": "Das setzt einen Kontrapunkt zu dem ganzen digitalen Hype." Die Vogelbeobachtung könne man über alle Generationen hinweg gemeinsam oder auch alleine betreiben: "Dabei muss man keine großen Strecken wandern und ist trotzdem in der Natur."

Sorge bereitet dem Wissenschaftler der starke Rückgang der Vogelbestände. "Wenn ich heute in meinem Garten 20 Spatzen habe, finde ich das viel. Vor 100 Jahren war das armselig." Damals wären es 200 Spatzen gewesen.
Vogelstimmen mittels App erkennen

Zurück in die Karlsruher "Fritschlach". Dort beginnt es jetzt zu regnen, auch die Vögel ziehen sich zurück. Weil die meisten Teilnehmenden Anfänger in der Vogelbeobachtung sind, hat Andreas Wolf zum Schluss einen Tipp parat: Mit der kostenlosen Handy-App "Merlin Bird ID", betrieben von der Non-Profit-Organisation Cornell Lab of Ornithology, lassen sich mehrere Vogelstimmen gleichzeitig erkennen.