Der Film fiel bei seiner TV-Premiere im Jahr 2020 aus dem Rahmen, weil er in Erinnerung rief, dass "Der Kommissar und das Meer" eine Inselkrimireihe war. Darin lag der spezielle Reiz der Geschichten: Die Titelfigur (Walter Sittler) hatte seit einer traumatischen Erfahrung als Kind eine ziemlich zwiespältige Beziehung zu Wasser. Diese Phobie hat ebenso wie Anders’ deutsche Wurzeln irgendwann keine Rolle mehr gespielt, doch der insulare Charakter der Fälle ist der Reihe natürlich erhalten geblieben.
Die Einwohnerzahl Gotlands entspricht der einer deutschen Kleinstadt. Es kennt zwar nicht jeder jeden, aber überschaubar sind die Konflikte dennoch. Diese Rahmenbedingungen haben das Duo Harald Göckeritz (Buch) und Miguel Alexandre (Regie und Kamera), die seit rund dreißig Jahren regelmäßig zusammenarbeiten (unter anderem beim Udo-Jürgens-Zweiteiler "Der Mann mit dem Fagott", 2011), in der 27. Episode auf die Spitze getrieben: Der Film spielt fast ausschließlich auf der Fähre, die Gotland mit dem Festland verbindet.
Die Geschichte lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Anders’ Ziehsohn Kasper (Grim Lohman) hat zufällig einen Mord beobachtet. Als der 14jährige Junge spurlos verschwindet, wandelt sich die Fährfahrt zu einem Wettlauf gegen die Zeit: In drei Stunden legt das Schiff an. Bis dahin muss der Kommissar den Mörder (oder die Mörderin) finden, denn nur der Täter weiß, was aus Kasper geworden ist.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Die Einheit von Zeit und Raum erinnert an den Handlungsrahmen eines typischen Agatha-Christie-Romans. "Auf dunkler See" lässt sich zwar nur bedingt mit "Mord im Orient-Express" vergleichen, weil die Fähre über 600 Passagiere transportiert, aber letztlich ist die Zahl der Verdächtigen ähnlich überschaubar: Das Opfer gehörte zu einer Hochzeitsgesellschaft, und da es sich offenkundig um eine Beziehungstat handelt, geht Anders davon aus, dass der Mörder ein Mitglied der vermögenden Hoteliersfamilie Öqvist sein muss. Die Figuren kommen allerdings etwas kurz, weshalb sie entsprechend klischeehaft ausfallen: Der Patriarch (sehr markant vom Norweger Bjørn Floberg verkörpert) ist ein Kotzbrocken alter Schule, der kein freundliches Wort über seine Sippe verliert.
Einzig die jüngere Tochter Maria konnte seine hohen Erwartungen erfüllen, weshalb er ihr und nicht etwa der älteren die Leitung der Hotelkette übertragen hat; aber Maria ist nun tot. Die Frau fühlte sich schon länger bedroht, und tatsächlich zeigt Alexandre immer wieder einen Mann, der mit einer Pistole hantiert. Die Musik (Wolfram de Marco) vermittelt von Anfang an die Gewissheit, dass sich ein Unheil anbahnt.
Der Film schaut stets nur kurz bei den Öqvists vorbei, weshalb die überraschende Auflösung nicht ganz so dramatisch wirkt, wie sie das getan hätte, wenn einem die Familienmitglieder ans Herz gewachsen wären; auch das ist ein Preis dafür, dass in der Reihe außer Sittler und Gätjen keine deutschen Schauspieler mehr mitwirken, zumal die Synchronisation nicht rundum gelungen ist. Andererseits ist Anders’ zunehmende Sorge um Kasper ohnehin wesentlich spannender als die Befragungen der Familie. Für Sittler, der den Kommissar stets souverän und beherrscht verkörpert, bietet die Geschichte die Gelegenheit, auch mal eine andere Seite von Anders zu zeigen. Wenn er windzerzaust über das Oberdeck eilt, zunehmend rat- und hilflos, weil Kasper überall auf dem riesigen Schiff sein könnte, überträgt sich die Verzweiflung fast unmittelbar.
Für Alexandre war das Kapitel "Der Kommissar und das Meer" nach sechs Filmen (2015 bis 2017) eigentlich abgeschlossen, aber die Vorstellung, einen Film fast nur auf der Fähre zu drehen, war dann doch zu verlockend. Der Grimme-Preisträger ("Grüße aus Kaschmir", 2004, ebenfalls mit Göckeritz) hat vor einiger Zeit damit begonnen, die Bildgestaltung buchstäblich selbst in die Hand zu nehmen, um seinen Schauspielern näher zu sein. Womöglich war der Regisseur auch noch nie so viel unterwegs wie diesmal: Er hat den Film über weite Strecken mit der Handkamera gedreht, weil Anders permanent in Bewegung ist. Auch das dürfte alle Beteiligten vor große Herausforderungen gestellt haben, denn gefilmt wurde während des normalen Fährbetriebs.



