Collien Fernandes hat ihren Ex-Mann, Christian Ulmen, angezeigt, weil er ihr anscheinend gestanden hat, dass er jahrelang Deepfake-Nacktfotos und -Sexvideos von ihr in Umlauf gebracht habe. Solches Bildmaterial erweckt den falschen Eindruck, Fernandes sei beim Sex gefilmt worden oder sie habe sich selbst nackt fotografiert. In der Deepfake-Debatte geht es teils um Videos, die rein künstlich und computergeneriert sind, teils um echte, aber nachbearbeitete Pornoaufnahmen, in denen der Frau per Bildbearbeitung der Kopf einer anderen Frau aufgesetzt wurde. Im Unterschied zum Revenge-Porn geht es hier nicht um echte Aufnahmen, und solche Fälle erfasst das deutsche Recht aber nicht oder zumindest nicht angemessen. Ein Gericht hat noch nicht über Fernandes’ Anzeige entschieden, und Ulmen bestreitet die Vorwürfe.
Verschiedentlich fragen Frauen, weshalb sich nicht mehr Männer öffentlich darüber aufregen, dass Männer Frauen scheußlich behandeln und irreführendes, entblößendes Bildmaterial erstellen. Sarah Bosetti wirft die Frage auf: Weshalb erfährt das Thema Deepfake-Pornos erst jetzt so große Aufmerksamkeit, obwohl Fernandes schon lange rechtliche Änderungen anmahnt?
Hintergründe
Die fünf größten Deepfake-Pornoplattformen verzeichneten 2023 über 300 Millionen Besuche. Elon Musks KI "Grok" erlaubte es Nutzern letzten Januar, Nacktbilder anderer Menschen zu erstellen. In nur neun Tagen entstanden so über 1,8 Millionen Fake-Pornobilder. Für die dargestellten Frauen fühlen sich Bilder und Filme wie eine Vergewaltigung an. Weshalb erstellen Menschen solche Videos? Und wie geht die deutsche Gesellschaft mit solcher sexueller Gewalt um?
Alexander Maßmann wurde im Bereich evangelische Ethik und Dogmatik an der Universität Heidelberg promoviert. Seine Doktorarbeit wurde mit dem Lautenschlaeger Award for Theological Promise ausgezeichnet. Publikationen in den Bereichen theologische Ethik (zum Beispiel Bioethik) und Theologie und Naturwissenschaften, Lehre an den Universitäten Heidelberg und Cambridge (GB).
Die Motive bei der Erstellung und Verbreitung sind anscheinend oft nicht kommerziell. Auch dürfte es weniger um Rache gehen, wenn die Opfer Promis sind. Gegenüber den Opfern empfinden die Verantwortlichen anscheinend vor allem Gleichgültigkeit oder Verachtung. Es liegen die Vermutungen nahe, die Verantwortlichen wollen ihr technisches Können beweisen und sich selbst aufwerten, indem sie Frauen demütigen.
Wer in Deutschland Deepfake-Pornographie erstellt verbreitet, verstößt vermutlich eher nicht gegen das Recht, weil die Gesetze es nur verbieten, echte Filme oder Fotos ohne Einwilligung zu verbreiten. Laut EU-Recht muss Deutschland erst 2027 ein gezieltes Verbot einführen. Bislang hat Deutschland geschlafen: In Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Dänemark ermöglichen Gesetze bereits die Strafverfolgung von Deepfake-Pornos.
Reflexhaftes Ablenkmanöver
In einer Fragestunde des Bundestags erkennt Bundeskanzler Friedrich Merz das Problem der Gewalt gegen Frauen klar an. Bei der zielgerichteten Frage, was die Bundesregierung gegen die Gewalt gegen Frauen im Internet unternimmt, zeigt er sich aber etwas hilflos. Er weist auf das Gewalthilfegesetz hin, das die damalige Ampelregierung durchgebracht hat, auch mit Stimmen von Merz’ CDU-Fraktion. Er kündigt ein neues Gesetz an, das aber mit der Ahndung digitaler Gewalt wenig zu tun hat. Außerdem werde seine Regierung die Speicherung von IP-Adressen ermöglichen. Das wäre vielleicht vor fünfzehn Jahren ein sinnvolles Vorgehen gewesen, aber heute verschleiern selbst unbescholtene Privathaushalte ihre IP-Adresse oft. Bei manchen Browsern ist das eine kostenlose Standardoption.
Lebhafter wird Merz, wenn eine weitere Frage Gewalt gegen Frauen allgemeiner anspricht. Er meint, für einen "beachtlichen" Teil der Gewalt gegen Frauen in Deutschland seien Migranten verantwortlich. Bei dieser Frage an Merz ging es nicht mehr speziell um digitale Gewalt. Dass ein beachtlicher Teil der Gewalt gegen Frauen von Migranten ausgehe, ist eine vage Aussage, die in ihrer Unbestimmtheit teils korrekt ist. Aber sie ist auch sehr populistisch und wird kaum zur Lösung von Problemen beitragen.
Vielleicht werden wir einmal an den Punkt kommen, wo man Gewalt speziell unter Migranten sachlich debattieren kann. Aber das Schimpfen auf Migranten ist bei Merz Reflex. Zwar gibt es Gewalttäter unter Migranten, aber Migranten sind auch eine prominente Gruppe, die in Deutschland selbst Gewalt erleidet, und dazu dürfte auch Merz mit seinen Aussagen indirekt beitragen, von "Zahnarztterminen" bis "Stadtbild". Wer die Frage der Gewalt so klischeehaft auf das Migrationsgleis verschiebt, wird sich nicht sachlich mit dem Problem beschäftigen. Frage: Um was für Arten der Gewalt geht es? Antwort: Migranten. Frage: Weshalb steigen die Meldungen über die Gewalt, obwohl Deutschland inzwischen eine restriktive Migrationspolitik verfolgt? Antwort: Migranten. Frage: Würden nicht Familiennachzug und gezielte Unterstützung für Geflüchtete manchen Formen der Gewalt entgegenwirken? Antwort: Migranten. In der öffentlichen Debatte ist jeder einzelne Migrant bereits fünf Mal abgeschoben worden. Merz leitet seinen Migrantenkommentar mit der Aussage ein, wir müssen über die Ursachen von Gewalt reden. Gerade dem weicht er aber aus, indem er besonders "den Migranten" die Schuld in die Schuhe schiebt.
Femizid
Beim Thema Gewalt gegen Frauen muss man bestimmte Arten der Gewalt unterscheiden. Die krasseste Form der Gewalt gegen Frauen ist der Femizid: Männer ermorden Frauen, weil sie sich nicht so verhalten, wie es das alte Muster der patriarchalen Ordnung vorsieht. Die wissenschaftliche Studie "Femizide in Deutschland" untersuchte letztes Jahr Tötungsdelikte aus fünf Bundesländern, bei denen im Jahr 2017 Frauen umgebracht wurden. Über ein Drittel der Fälle waren Femizide. Zum Beispiel bringt ein Mann eine Frau nicht aus Habsucht um, sondern weil er Untreue vermutet. Untreue bestraft der traditionelle Sexismus bei Frauen wesentlich härter als bei Männern. Ein nahestehender Mann will nicht, dass die Frau ein selbstbestimmtes Leben führt, unabhängig von sexistisch-patriarchalen Normen. Weil sie eine Frau ist, reagiert er maßlos.
Es ist leicht vorherzusehen, dass Merz wieder von Migranten schwadronieren wird, wenn es zu einer Aussprache zum Thema Femizid kommt. Es ist meiner Meinung nach sogar vorhersehbar, dass die Anzahl der Femizide in Deutschland noch zunehmen wird, weil sich der Rechtsextremismus mit seinem reaktionären Frauenbild immer stärker in Deutschland ausbreitet: Frauen sollen nicht erwerbstätig sein, sie sondern Kinder kriegen, und "Feministinnen sind alle hässlich."
Aber auch beim Femizid, wie im Bereich der digitalen Gewalt, ist Deutschland schlecht vorbereitet. Wir haben es mit einem Muster zu tun. In der juristischen Bewertung unterscheidet sich ein Femizid auch durch das patriarchale Motiv nicht von einer einfachen vorsätzlichen Tötung. Ein sexistisches Motiv lag aber 2017 bei mehr als einem Drittel der Tötungsdelikte gegen Frauen vor! Die rechtliche Lage ist anders zum Beispiel in Spanien, Belgien, Kroatien, Zypern und Malta. Die Studie spricht sich dafür aus, dass auch in Deutschland die "Niedrigkeit der Beweggründe künftig stärker berücksichtigt" werden sollte. Die Schaffung eines neuen Straftatbestands "Femizid" beurteilen die Autor:innen zwar skeptisch. Doch sie fordern immerhin eine kontinuierliche Beobachtung und Analyse der Tötungskriminalität in Deutschland.
Kulturwandel
Ich meine nicht, dass Männer unbedingt jetzt ihre Entrüstung über Deepfake-Pornos kundtun müssen, zum Beispiel mit Posts in den sozialen Medien. Was sie aber durchaus tun müssen, ist, ein Interesse für das Thema Gewalt gegen Frauen aufbringen, aber nicht stereotyp als Kritik an Migranten.
Wenn Bosetti fragt, weshalb regen sich gerade jetzt so viele Menschen auf, trifft sie etwas Richtiges. Sie kritisiert auch, dass staatliche Zahlungen für die Gruppierung "HateAid" gerade jetzt in Frage gestellt werden, obwohl HateAid zahlreichen Deepfake-Opfern hilft. Laut der Studie "Femizide in Deutschland" ist ein Kulturwandel in Deutschland nötig, damit sexistische Denk- und Verhaltensmuster abnehmen und die Anzahl der Femizide sinkt. Das gilt auch beim Thema Deepfakes. Darüber hinaus zeigt zum Beispiel eine andere Studie, dass auch in anderen Bereichen Veränderungen nötig sind. Haben Unternehmen weniger Frauen in Spitzenpositionen, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass Männer Konsequenzen spüren, nachdem sie Frauen im Unternehmen belästigt haben. Es sind nicht die Täter, sondern die belästigten Frauen, die das Unternehmen verlassen. Aber nicht nur in Unternehmen, sondern auch auf der politischen Ebene ist eine bessere politische Repräsentation von Frauen nötig. In den Parlamenten Westeuropas sind Frauen nur in Liechtenstein, Irland und Malta schwächer vertreten als in Deutschland, und der Trend geht in die falsche Richtung.
Aber das Stichwort Kulturwandel ist nicht nur ein Thema in Parteipolitik und Bundestag. Die neueren Lehrbücher der christlichen Ethik zum Beispiel wiederholen formelhaft, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind oder es zumindest sein sollen. Einem neueren Lehrbuch etwa, wie immer von einem Mann geschrieben, dient das Stichwort der Gleichberechtigung als Schablone, um die "Menschenrechtserklärungen der westlichen Moderne" mit der politischen Kultur im "islamisch geprägten Kontext" zu kontrastieren. Wie es mit dem abstrakten Grundsatz der Gleichberechtigung aber im Detail aussieht, im deutschsprachigen Raum, dafür fehlt den Lehrbüchern der christlichen Ethik, mit sehr wenigen Ausnahmen, das Interesse.




