Die Weltmeister von 2014 sind fast alle noch präsent. Viele tummeln sich als TV-Experten bei verschiedenen Sendern und Streamingdiensten, andere sind nach wie vor aktiv; Mesut Özil hingegen gehört in die Kategorie "Was macht eigentlich…?". Zuletzt war er unter anderem als aufgepumpter Muskelprotz zu sehen. 2023 hat sein Fitnesstrainer einen Schnappschuss veröffentlicht, auf dem Özil sein Hemd hochhebt, sodass die Tätowierungen auf der Brust zu erkennen sind; sie zeigen Symbole der rechtsextremistischen Grauen Wölfe.
Spätestens jetzt konnten sich all’ jene bestätigt fühlen, die schon immer der Ansicht waren, dass einer wie er nicht zu Deutschland gehören kann.
In seiner facettenreichen Doku-Reihe rekonstruiert Florian Opitz den Werdegang dieses Ausnahmekickers vom schüchternen Jungen aus Gelsenkirchen zum internationalen Topstar; bis ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Mai 2018 das Ende seiner sportlichen Karriere einleitete. Für viele repräsentiert er zudem den Niedergang des deutschen Fußballs: Kurz drauf schied die Nationalmannschaft bei der WM bereits in der Vorrunde aus; seither gehört sie nicht mehr zur Weltspitze. Ohne Özil, sagt Ex-Bundestrainer Joachim Löw in der Dokumentation, wäre Deutschland 2014 wohl nicht Weltmeister geworden. Ohne Özil, behaupten Andere, wäre Deutschland 2018 nicht ausgeschieden. Beide Behauptungen lassen sich nicht überprüfen, aber die erste These ist weitaus wahrscheinlicher als die zweite.
Opitz hat die drei Teile, die ohne Kommentar auskommen, mit dem treffenden Zusatztitel "Zu Gast bei Freunden" versehen. Özils Großvater gehörte zur ersten Generation der "Gastarbeiter", die zwar beim "Wirtschaftswunder" helfen durften, aber dann wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten; die Özils blieben.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Mesuts Talent dürfte schon in den Kindheitsjahren unübersehbar gewesen sein, doch nach den diversen Probetrainings schafften es immer nur Jungs mit Vornamen wie Thomas oder Stefan in den Kader von Schalke 04, wie er sich in einem 2017 geführten Gespräch mit dem Sportreporter Frank Buschmann erinnert. Das war sein letztes deutsches Interview und bildet lange Zeit den akustischen roten Faden der Dokumentation.
Von der nachvollziehbaren Verbitterung abgesehen schildern die Episoden eins und zwei eine jener märchenhaften Erfolgsgeschichten, wie sie der Sport gern erzählt. Ein Junge aus ärmsten Verhältnissen schafft es dank seines außergewöhnlichen Talents nach ganz oben: Schalke, Werder Bremen, Real Madrid, FC Arsenal, Weltmeister. Trotzdem ist das Porträt auch auf dieser Ebene mehr als bloß eine typische Sportler-Doku, weil Opitz mit Hilfe von Archivmaterial dokumentiert, wie Özil, der prominenteste unter den ersten deutschen Nationalspielern mit türkischen Wurzeln, von der Politik instrumentalisiert worden ist. Das drehte sich komplett, als er schließlich am öffentlichen Pranger stand, wobei Deutschlands größte Boulevardzeitung eine besonders abstoßende Rolle spielte. Damals sind Stammtischkommentare gefallen, für die sich die Beteiligten vermutlich auch heute noch nicht schämen.
Der Ex-Kicker selbst hat ein Interview abgelehnt, aber wirken viele andere mit, deren Aussagen jedoch erst in der Kombination ein schlüssiges Gesamtbild ergeben, da einige anscheinend eine eigene Agenda verfolgen. Allerdings hängt dieser Eindruck auch mit der Auswahl der Zitate zusammen; Kontraste sind natürlich reizvoller als Übereinstimmungen. Deshalb heben sich zum Beispiel Sportbuchautor Dietrich Schulze-Marmeling oder "SZ"-Sportredakteur Philipp Selldorf mit ihren differenzierten Aussagen wohltuend vom bis heute uneinsichtigen Reinhard Grindel ab, der als DFB-Präsident generell und ganz besonders im "Fall Özil" kein gutes Bild abgegeben hat.
Hochinteressant sind auch die Beiträge von Volkan Ağar (Deutschlandfunk Kultur) und Özlem Topçu ("Der Spiegel"), die als Kinder miterlebt, dass ihre Eltern von den Deutschen offenkundig nicht für voll genommen wurden. Bei vielen Mitgliedern der deutschtürkischen Community wiederum galt Özil als Verräter, weil er sich 2009 gegen das Land seiner Vorfahren entschied und deutscher Nationalspieler wurde. Während sich sein Vater und Manager Mustafa im Nadelstreifenanzug und mit dicker Zigarre selbst beweihräuchert, steht Erkut Söğüt für das moderne Beratergeschäft. Er hat Özil zu einer Weltmarke gemacht; zeitweise hatte der Fußballer 100 Millionen Follower. In Deutschland dagegen, sagt Söğüt, geboren in Hannover, würden die Mesuts, Mustafas und Erkuts immer Menschen zweiter Klasse bleiben.
Das ZDF zeigt die Teile zwei und drei ab 0.15 Uhr, die Reihe steht bereits komplett in der ZDF-Mediathek.



