Was die Kirche von den Toten Hosen lernen kann

Der Pfarrer Christoph Borries steht vor seiner Plattensammlung
Brigitte Borries
Über Musik lässt sich Gefühl und Verstand bestens verbinden, findet Pfarrer und Berufsschullehrer Christoph Borries.
Pfarrer Borries Liebe zur Musik
Was die Kirche von den Toten Hosen lernen kann
Stellen Sie sich vor, Sie hören sieben Tage hintereinander immer dasselbe Lied. Würde sich da etwas für Sie beim Hören ändern? Pfarrer und Berufsschullehrer Christoph Borries meint ja und hat daraus gleich einen Podcast gemacht. "7 Tage, 1 Song" heißt der und dreht sich um die Musik von Künstler:innen wie Taylor Swift, Haftbefehl, Bruce Springsteen oder Udo Lindenberg. Dies, so sagt Borries, sei seine Weise, auch die christliche Botschaft zu überbringen.

evangelisch.de: Herr Borries, gestern haben Sie die Folge 309 Ihres Podcasts veröffentlicht. Dieses Mal sprechen Sie mit Nils Schreiber, dem Sänger der kölschen Band Miljö über seinen Song "Nie ohne Hoffnung". Warum jetzt dieser Song?

Christoph Borries: Meine Frau und ich gehen seit fast 20 Jahren zu der Veranstaltung "Loss mer singe" in Köln. Da werden 20 neue Karnevalslieder ausgewählt und zusammen gesungen. Da war dieses Lied dabei. Weil es mir so gut gefallen hat und weil es eine tolle Botschaft hat, hatte ich Miljö angeschrieben und denen mein Konzept erklärt, und die haben zurückgeschrieben und gesagt: Klar, machen wir da mit! Sie haben mir dann Audios geschickt, die ich dann eingebaut habe. Ich habe schon ganz vielen Leuten gesagt, die sollen die Folge dann beispielsweise, wenn sie an den Karnevalstagen in einer Schlange vor einer Kneipe stehen, einfach mal anmachen. Karneval ist ja Massenkaraoke in Köln.

Die von Ihnen besprochenen Songs sind sehr verschieden, wie wählen Sie die Lieder eigentlich aus?

Borries: Manchen Menschen fallen zu allem Möglichen immer Bibelsprüche ein, ich habe zu fast allem, was passiert, eine Liedassoziation. Zum Beispiel habe ich das Lied "Der letzte Traum" von Toni Marshall in einer Folge mitgenommen. Der bekannte Online-Journalist, Marc Raschke hatte darüber geschrieben, dass ihn das Lied so bewegt hat. Das hat mich bewegt, und so kommen Raschkes und seine Gedanken in der Folge dazu vor. Mir fällt was ein und ich schreibe die Leute an. Musik ist ein Punkt, wo man sich treffen kann, weil es mehr Leute gibt, als man denkt, für die das etwas ganz Bedeutsames ist. Mittlerweile halte ich dazu auch Vorträge im kirchlichen oder auch im pädagogischen Bereich.

Welche Rolle spielen Glauben oder Kirche in Ihrem Podcast?

Borries: Man sollte es sich im kirchlichen Bereich überlegen, Musik mehr zu nutzen für das Verkündigungsgeschehen. Wenn es heißt, die Toten Hosen machen wahrscheinlich ihre Abschiedstournee, kann es sein, dass sich drei Generationen Monate vorher die Karten kaufen, die hängen dann am Kühlschrank und die freuen sich, wenn sie diese Karten sehen. Und dann gehen diese Menschen auf das Konzert und können zweieinhalb Stunden alle Lieder mitsingen. Die haben die nicht auswendig gelernt, weil das Ticket 80 Euro kostet, und es gab auch keinen Toten Hosen Konfirmandenunterricht in der Schule. Aber die können's.

"Das Geheimnis bei Liedern ist, dass sie Verstand und Gefühl miteinander verbinden."

Und das ist ja letztendlich das, was wir uns als Kirche wünschen würden, dass die Inhalte, die wir haben, zur Lebensbegleitung werden. Das Geheimnis bei Liedern ist, dass sie Verstand und Gefühl miteinander verbinden. Wir müssen neu darüber nachdenken, dass man zwar nicht so wird, wie manche evangelikalen pfingstlerischen Gruppen, aber eben doch guckt, wie wir eigentlich Gefühl und Verstand im Glauben verbinden können.

Ich denke, dass es total wichtig ist, für sich selber den Kern zu finden. Wo erreicht das, was ich da jetzt erzählen soll, mein Herz? Wenn man jetzt Bands nimmt, die wollen natürlich auch gerne von ihrer Musik leben. Und das heißt, die versuchen, ihre Gefühle anschlussfähig zu machen, zu möglichst vielen Leuten. Wir sollten in der Kirche, wie sie gucken, ist das, was ich jetzt empfinde, anschlussfähig zu anderen? 

Sie haben in jeder Folge Gastgedanken oder Kommentare zu dem jeweiligen Song. Wie kommen Sie daran, und haben Sie Beispiele, wer schon dabei war?

Borries: Wirklich viele. Zum Beispiel Stefan und Peter Brings. Peter macht bei "kein Kölsch für Nazis" mit. Oder der Sänger von Tocotronic sowie Birgit Fuß, die Chefredakteurin vom Rolling Stone Magazin, aber auch mein Vater oder eine Sozialarbeiterin von unserer Schule… etc. Interessant ist vielleicht auch die Folge zu Disarstar – Rolex für alle, da spricht die Schriftstellerin Betiel Berhe über ihr Buch "Nie mehr leise" und Schüler vergleichen diesen Ansatz mit den Ideen zur Sozialpolitik des Migranten Calvin in Genf.

Welcher Moment in einem Podcast hat sie denn sehr bewegt?

Borries: Wir befinden uns in einer Dauerkrise-Situation und ich frage mich: Wie kann ich damit umgehen? Dann denke ich an ein Lied von Kettcar. Es heißt: "Auch für mich 6. Stunde". Das ist für mich fast wie so ein biblisches Bild. Das ist genau das Gefühl, und wir kennen es alle, wenn der Lehrer sagt: "Es ist zwar die sechste Stunde, aber wir müssen uns jetzt zusammenreißen. Wir können jetzt noch nicht nach Hause gehen." Das finde ich sagenhaft, denn auch wir können uns jetzt, auch wenn wir müde sind und sagen, boah, das nervt jetzt alles mit diesen ganzen Krisen, nicht hängenlassen. Wenn ich das Lied höre, baut es mich auf. Ich habe aber auch eine Folge gemacht von Brings über das Lied "Wenn et dunkel weed". Ich habe mich dazu mit meinem Vater unterhalten, über das Gute-Nacht-Lied, was er uns vorgesungen hat. Ich finde diese Kombination wirklich berührend.

Sieben Tage lang soll ich das selbe Lied hören, warum?

Borries: Man hört einmal den Podcast und dann immer wieder das Lied und macht sich so seine eigenen Gedanken dazu. Es gibt da manchmal Wörter oder eine Melodie, und wenn man die öfter hört, dann werden neue Synapsen verbunden, die vielleicht sonst nicht verknüpft würden. Also dass das Lied mir vielleicht was erzählen kann, was ich noch nicht weiß. Bei der aktuellen Folge beispielsweise geht es um die Theologie von Simone Weil, die wahre Aufmerksamkeit als Weg beschreibt, mehr zu entdecken. Es ist viel mehr da, als man denkt. Aber das Mehr sehe ich nur, wenn ich die Nerven habe, richtig hinzugucken. Wir laufen viel zu oft mit unseren Schablonen durch die Welt und wundern uns, warum alles so langweilig ist oder warum nichts passiert, weil diese Offenheit für das, was eigentlich da ist, die ist halt nicht so da.

Schlagen Sie jedes Mal die Kurve zum Glauben oder zur Theologie?

Borries: Wenn ich Glaube so definiere, wie das bei der Theologie von Paul Tillich ist, also dass der Glaube die Grundlage des Seins ist oder die Grundlage zum Sein oder die Tiefendimension des Lebens, dann ist das so. Es sind immer Songs, die Haltung und Orientierung geben. Und das ist für mich eigentlich die Definition von dem, was halt Glauben ist.

"Und indem man diese Begriffe übersetzt in eine Sprache, die was mit Dasein zu tun hat, also Gott als Grund des Seins, Jesus als neues Sein und der Heilige Geist als Kraft zum Sein, dann verbinden sich diese Teile sozusagen mit dem, was existenziell ist."

Tillich hat, in meiner Sprache zusammengefasst gesagt, dass die Wörter wie Gott, Jesus und Heiliger Geist, "kontaminiert" sind. Also die haben so viel Geschichte an sich dranhängen, dass die Leute, gar nicht mehr richtig zuhören, weil die sagen: Bah, bleib mal weg mit dem Zeug. Und indem man diese Begriffe übersetzt in eine Sprache, die was mit Dasein zu tun hat, also Gott als Grund des Seins, Jesus als neues Sein und der Heilige Geist als Kraft zum Sein, dann verbinden sich diese Teile sozusagen mit dem, was existenziell ist. Und das, ist auf jeden Fall in diesen Songs mit dabei.

Wer auf ein Konzert geht, feiert das Leben. Das ist wie eine Überhöhung von dem, was man sonst hat. Insofern ist ein Konzert auch ein Gottesdienst, der ja auch mehr hat als das normale Leben. Ich versuche auch beides zu verbinden. Wenn man einen Taylor-Swift-Gottesdienst macht, ist das eine total spannende Zusammensetzung, weil dann die regelmäßigen Gottesdienstbesucher kommen und völlig andere Menschen, weil halt Taylor Swift dransteht. Und es kommen Leute, die irgendwie mit der Band befreundet sind. Und danach steht man zusammen und spricht über den Gottesdienst.

Welche Songs werden Sie denn als Nächstes bearbeiten?

Borries: Zum Beispiel Bruce Springsteen mit "Streets of Minneapolis". Ich hatte schon eine Folge über ein Lied von ihm gemacht, wo er sich ja klar gegen Trump positioniert hat. Das Lied ist eines, wo er nicht mit Bildern arbeitet. Also es wird Trump genannt, es wird die Inlandsministerin genannt. Es werden die Verstorbenen mit Namen genannt. Und ich verbinde dies dann mit dem Lied "The Ghost of Tom Joad", wo er das im Grunde genommen verschlüsselt macht. Und wenn alles klappt, kriege ich von einer Pfarrerin, die in Minneapolis protestiert, die Songtexte eingelesen. Dann habe ich noch ein Lied eines türkischen Sängers ausgewählt, Ozan Ata Canani – Deutsche Freunde, der quasi deutsche Protestlieder auf Türkisch singt, und vielleicht kommt noch was zu Bad Bunny. 

Ihnen fehlen nur noch ganz wenige Klicks, dann haben Sie die eine Millionen erreicht. Was macht Ihnen so viel Freude daran?

Borries: Es ist mir wichtig, dass es ein niedrigschwelliges Angebot ist. Ich zeige damit, dass für mich der christliche Glaube wirklich zur Steigerung der Lebensqualität beiträgt und ich mich freue andere davon zu überzeugen. Und es ist einfach total meins!