Über den Dächern von Jerusalem
Für politische Bildungsarbeit. Persönliche Schicksale zum Verständnis der Lage. Ab 14 und für alle.
Informativer Roman über den Nahostkonflikt, verknüpft mit Familiengeschichte.
1946, die fünfzehnjährige Jüdin Tessa hat die Shoa überlebt und will nun nach Palästina, um dort ihren Vater zu finden. In Jerusalem trifft sie zufällig auf den arabischen Jungen Mo. "Über den Dächern von Jerusalem" lernen sie einander kennen, verlieren sich dann aber aus den Augen. In der Gegenwart absolviert die achtzehnjährige Anat notgedrungen ihren israelischen Militärdienst und ist plötzlich auf die Hilfe eines palästinensischen Jungen angewiesen.
Die Journalistin Anja Reumschüssel erzählt spannend und informativ auf zwei Zeitebenen und aus vier Perspektiven vom Nahost-Konflikt. Hier begegnen einander zwei bzw. vier Menschen, die sich trotz erlebter und erlittener Historie vorsichtig annähern. Faktenreich und interessant, ohne Partei für eine Seite zu ergreifen, zeichnet sie die komplexe Geschichte des Konfliktes zwischen Israel und Palästinensern nach. Von der Staatsgründung Israels, Vertreibung von Palästinensern, Radikalisierung und gegenwärtiger Lage.
Eine große Empfehlung, wenn man sich literarischen Einblick in geschichtliche Hintergründe verschaffen möchte, die Einfluss auf die unmittelbare Gegenwart haben.
Anna Winkler-Benders
Über den Dächern von Jerusalem. Anja Reumschüssel. Hamburg: Carlsen 2023. 331 S. ; 22 cm.
ISBN 978-3-551-58514-1, geb.: 16,00 €
Balagan
Roman um die Deutsch-Jüdin Amira, die in Berlin Gemälde ausstellt und dadurch zunehmend Antisemitismus ausgesetzt ist.
Amira erbt in Berlin eine im 2. Weltkrieg geraubte und verschollen geglaubte Gemäldesammlung, die ihr Großvater sich gewaltsam zurückgeholt hat. Die Sammlung befindet sich in einem Lagerraum in Berlin-Moabit. Die weiteren Familienmitglieder sind nicht angetan, dass Amira fast alles allein erbt, es entsteht heftiger Widerstand. Amira löst mit ihren Aktionen aber auch Chaos (Balagan) aus, erst bringt sie mit einem Anwalt, der etwas mehr als ein Anwalt ist, Sex gehört dazu, die Kunstsammlung in die Schweiz. Später, als sie die Kunstsammlung in einer Ausstellung präsentieren will, erlebt sie massiven Antisemitismus in Berlin, vor allem von palästinensischen Kreisen. Die Heuchelei der nichtjüdischen Gesellschaft, trotz des 7. Oktober, wird dabei massiv angeklagt, alte Freundschaften gehen verloren. Amira geht ihren Weg, auch mit Leo, der jetzt orthodoxer Rabbiner ist. Sie entschließt sich endgültig, nach den andauernden Anfeindungen und dem erfolgreichem Verkauf der Sammlung, in Israel zu leben.
Das Buch ist eine bittere Anklage, man versteht wie es Jüdinnen und Juden mit dem neuen Antisemitismus ergeht: die Verbrechen der Hamas werden oftmals toleriert und rechte Positionen sind "hoffähig". Martin Ertz-Schander
Balagan. Roman. Mirna Funk. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG 2026. 364 S. ; 21 cm.
ISBN 978-3-423-28490-5, geb.: 25,00 €
Die jüdische Wunde
Wer ist jüdisch? Was wissen die darüber, die meinen, es zu wissen und es doch nicht wissen und wir gehen sie damit um?
Der Antisemitismus treibt Blüten. Und das jüdische Leben steht weltweit in Gefahr. Der 7.Oktober 2024 weckt in jüdischen Menschen (und anderen Mitfühlenden) die Erinnerungen an den Holocaust. Natan Sznaider wollte offenbar in Folge der documenta 25 und ihrer antisemitischen Auswüchse ein klärendes Buch schreiben, um für den deutschsprachigen Raum nochmals deutlich zu machen, wie komplex das Thema ist. Jüdisches Leben findet seit Jahrhunderten in der Spannung zwischen Assimilation und Partikularität statt. Diese Spannung bildet sich auch im Zionismus ab und prägt heute Israel und das Judentum auf der ganzen Welt. Allen jüdischen Menschen gemeinsam aber ist die Erfahrung von Pogromen und der Shoa. Die Toten schweigen nicht. Und ihre Mitsprache macht das politische Handeln schwer, vor allem, seitdem es zum ersten Mal seit Jahrtausenden einen souveränen jüdischen Staat gibt. In dieses Nachdenken hinein ereignet sich der Terrorakt der Hamas und gibt dem Buch eine neue Richtung. Lesen!
Gottesdienst, Friedensgebet, Podien zum Krieg im Nahen Osten.
Christiane Thiel
Die jüdische Wunde. Leben zwischen Anpassung und Autonomie. Natan Sznaider. München: Hanser 2024. 269 S. ; 21 cm.
ISBN 978-3-446-28131-8, geb.: 26,00 €
Wer wir sind
Kindheit und Migration eines russisch-jüdischen Mädchens und ihrer Familie Anfang der 90er Jahre nach Deutschland.
Wer wir sind? In diesem Fall ist die Protagonistin Enkelin, Tochter, Schwester, Nichte, Freundin, Klassenkameradin, Hundebesitzerin, Stadtkind, Landkind, in Petersburg aufgewachsen mit jüdischen Wurzeln, Sprachbegabte in einer Ingenieursfamilie, die mit 11 Jahren nach Deutschland übersiedelt, zu lange im Asylantenheim lebt und sowohl Fremdsein als auch Verlust erlebt. Wir sind, was uns verletzt hat, was uns gestärkt hat, was wir versäumt haben. Wir sind das, was wir uns als unsere Erinnerung erzählen, was wir als kollektive Erinnerung unserer Familie und Gesellschaft weitergeben. Wir erinnern in Träumen, Bildern, Gerüchen und Klängen, dann kommen die Wörter hinzu, die Schrift. All dies reflektiert die Autorin sprachmächtig und eigen. Sie erzählt ihre Geschichte auch als Geschichte eines Lebens in der Sprache – erst der russischen, dann der deutschen, beide bereichern einander in diesem autofiktionalen Roman. спаси́бо - spasibo – danke – ein weiches, zärtliches Wort, zu selten gesagt.
Ein differenzierter, anregender Roman zur Identitätsentwicklung in zwei Kulturen und Sprachen und zur Kraft von Erinnerung und Selbstreflexion.
Angelika Barth
Wer wir sind. Roman. Lena Gorelik. Berlin: Rowohlt Berlin 2021. 316 S. ; 21 cm.
ISBN 978-3-7371-0107-3, geb.: 22,00 €
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